07.06.1999 - Frankfurter Rundschau - Das Haus im Odenwald (die Vorgeschichte)

Obdachlose schaffen sich Haus und Perspektiven

Ohne öffentliche Zuschüsse: Mitglieder eines Selbsthilfeverein im Odenwald mit beiden Beinen auf eigenem Boden

Von Martin Reimund

Nicht nur Wohnungen, auch Jobs für Arbeits- und Obdachlose sollen im "Haus Odenwald" im Sensbachtal (Odenwaldkreis) entstehen. Der Selbsthilfeförderverein "Arbeiten und Wohnen" hat das Haus ohne öffentliche Zuschüsse für 320 000 Mark gekauft und renoviert es nun auf eigene Faust. Die ersten Bewohner sind bereits eingezogen.

SENSBACHTAL. Gerd Kaske spürt endlich wieder festen Boden unter seinen Füßen. Als der Neunundreißigjährige aufgrund einer Erkrankung am Gehör seinen Job als KfZ-Mechaniker 1996 an den Nagel hängen mußte, bedeutete das für ihn den Einstieg in den Ausstieg. Eben noch mittendrin im Leben stand er plötzlich im Abseits - als Arbeitsloser mit Schwerbehindertenausweis. Nach drei Jahren ohne festen Job und ohne Geld vom Staat - nach seinen Erfahrungen mit den Behörden verzichtete Kaske auf Unterstützung - sieht er jetzt eine Chance zum Neuanfang: Zusammen mit anderen Arbeitslosen und früheren Obdachlosen arbeitet er seit Januar am Aufbau von "Haus Odenwald" und damit an einer neuen Existenz. "Es ist ein einzigartiges Projekt, weil es das einzige ist, das von einem Pennerverein selbst initiiert worden ist", sagt Werner Picker, Vorsitzender des Vereins mit Sitz in Michelstadt zu den Plänen, die aus dem 1995 gestarteten Aufruf " Bauen für Obdachlose" hervorgegangen sind. In seiner Straßenzeitung Looser warb der Selbsthilfeförderverein für die Aktion, bat um Spenden und hielt die Leser auf dem Laufenden über das Projekt, aus dem ursprünglich eine Holzhaussiedlung von und für Obdachlose werden sollte. Durch Spenden und die Überschüsse aus dem Zeitungsverkauf sammelten sich auf dem Spendenkonto fast 250 000 Mark an. Doch die Suche nach geeignetem Bauland für die Holzhaussiedlung verlief im Sande. Als sich die Möglichkeit zum Erwerb der Immobilie im Sensbachtal bot, entschloß sich der Verein, Nägel mit Köpfen zu machen. Für 320 000 Mark griff er zu. Mit seinen mehr als 500 Quadratmetern Nutzfläche bietet das Haus genug Platz für Wohnungen, Werkstätten, Ateliers, Fremdenzimmer und eine Notunterkunft für Obdachlose.

Die blaß-gelbe Fassade an der Durchgangsstraße im Ortsteil Hebstahl ist nicht unbedingt das schönste Gebäude am Ort - zumindest noch nicht. Aber dafür entschädigt die idyllische Umgebung zwischen Beerfelden (Odenwaldkreis) und Eberbach am Neckar, ungefähr 30 Kilometer von Heidelberg entfernt. Um aus "Haus Odenwald" ein Schmuckstück zu machen, müssen die neuen Bewohner noch viel Zeit und Geld investieren - noch sieht vieles nach einer Baustelle aus. Ein Bankkredit über 300 000 Mark half dem Verein, das Gebäude, das vier Jahre lang leer gestanden hatte, zumindest wieder bewohnbar zu machen und mit einer neuen Heizung, Leitungen für Strom und Wasser und einem Bad auszustatten. Um das Geld hat der Verein, der zur Hälfte aus ehemaligen Obdachlosen und Arbeitslosen besteht, hart gekämpft: "Es hat vier Jahre gedauert, um bei unserer Hausbank einen guten Ruf aufzubauen", erklärt Picker, der in seinem Leben nicht nur drei Jahre als Obdachloser unterwegs war, sondern davor als Geschäftsmann auch die Spielregeln der Wirtschaft lernte. Erfahrungen, die er heute gut gebrauchen kann, um die Vereinsgeschäfte am Laufen zu halten, das "Haus Odenwald" auf eine solide wirtschaftliche Basis zu stellen und nebenbei noch die Zeitung zu führen, die inzwischen mit einer Berliner Obdachlosenzeitung zur einzigen bundesweiten "Straßenzeitung" (Auflage: 50 000) verschmolzen ist. "Ich habe noch nie so wenig verdient, aber ich hatte auch noch nie so viel Freude an meiner Arbeit", bekennt Picker. Wenn das "Haus Odenwald" fertig ist, sollen neben den vier bis sechs Wohnungen eine Autowerkstatt, eine Möbelaufbereitung, ein Fahrradverleih und eine Töpferei entstehen, die von den Bewohnern - einer arbeitslosen Erzieherin, einem trockenen Alkoholiker, Kaske, Picker und vielleicht auch weiteren Interessenten - betrieben werden. Der Verein will das Haus zu seinem zweiten wirtschaftlichen Standbein neben der Zeitung ausbauen und den Odenwälder Fremdenverkehr um eine für Arme bezahlbare Variante bereichern. Seminare, Tagungen und Erwachsenenbildung sollen zum Angebot gehören. Fachleute - Therapeuten und Sozialarbeiter des Vereins Basis e.V. in Essen - haben mit am Konzept für das "Haus Odenwald" gefeilt. An einigen Stellen blitzt bereits etwas von dem durch, was sich die Macher zum Ziel gesetzt haben: Etwa in der farbenfrohen Küche im ersten Stock, die vor allem durch ihre unkonventionelle aber deshalb nicht minder geschmackvolle Machart besticht: "Alles selber gemacht", erklärt Gerd Kaske mit dem Stolz eines Mannes, der nach schwierigen Jahren endlich wieder ein festes Ziel im Auge hat. Rund 30 Quadratmeter Wohnraum steht jedem der vorerst vier Bewohner - zur Verfügung. Keiner von ihnen wohnt kostenlos, jeder zahlt rund 300 Mark Miete aus eigener Tasche. Der Verein braucht das Geld - die Renovierung des Gebäudes hat schon viel gekostet und wird noch einiges verschlingen, denn Arbeiten wie Stromleitungen legen oder eine Heizung installieren können die Mitglieder nicht selbst erledigen. "Um weiterarbeiten zu können, sind wir auf Spenden angewiesen", sagt Gabi Lermann, Redaktionsmitglied der "Straßenzeitung". Klärungsbedürftig war das Verhältnis der Neubürger zu den Einheimischen des kleinen Dorfes. "Die hatten Angst, daß da unkalkulierbare Penner neben ihnen einziehen", so Picker. Kaske berichtet, "daß einige ganz schön in Panik geraten" seien. Doch die Irritationen seien inzwischen aus dem Weg geräumt, das Verhältnis einwandfrei - nach einem Tag der Offenen Tür, den viele Familien genutzt hätten, um sich einmal im "Haus Odenwald" umzusehen. "Das war ganz hervorragend, uns wurde sogar ein Trecker angeboten, wenn wir mal einen bräuchten", so Picker.

Das Spenkonto des Selbsthilfeförderverein "Arbeiten und Wohnen": Kontonummer 300 *** bei der Volksbank Odenwald (BLZ: 508 6** ** ), Kennwort: Hebstahl

© Frankfurter Rundschau 1999
Dokument erstellt am 06.06.1999 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 07.06.1999

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