Wohnen und Arbeiten im neuen Projekt

Seit Ende November sind sie im vollen Gange, die Arbeiten am Haus in Hebstahl. das ehemalige Wohn- und Werksgebäude wurde vom Selbsthilfeförderverein Arbeit und Wohnen, Mitherausgeber der “Strassenzeitung” gekauft und soll nun als erste eigene Immobilie des Vereins seine Ziele, bedürfnisorientiertes Arbeiten und Wohnen, verwirklichen. 

“Schaffe, schaffe, Häusle baue...”, nicht so ganz, aber “Häusle renoviere und umbaue” ist derzeit Alltag für die künftigen Bewohner. Das Haus in Hebstahl, neues Projekt des Looser-Bauprogramms im Odenwälder Sensbachtal, auch Tal der Liebe genannt, wird in bezugsreifen Zustand gebracht. Tapeten werden runtergeholt, renoviert, tapeziert, gestrichen und vieles mehr. Jetzt beginnen auch die Handwerker mit den ersten Arbeiten, Wände müssen versetzt, Elektro- und Wasserinstallationen verlegt werden.

Die Arbeit entpuppt sich wie so oft als wesentlich mehr wie auf dem ersten Blick geahnt, es fehlt an vielem. Dennoch, bis zum Jahreswechsel sollen die ersten beiden Wohnungen zumindest bezugsbereit sein.

Edith und Joseph, zur Zeit tagtäglich mit Kleister, Pinsel, Hammer oder Bohrer tätig, werden die ersten Bewohner des Hauses sein. Beiden soll die neue Stätte nicht nur Wohnraum sondern auch Arbeitsplatz bieten.

Edith kam vor etwa vier Jahren zum Selbsthilfeförderverein Arbeit und Wohnen. Sie war damals von Obdachlosigkeit bedroht, gähnende Leere in Portemonnaie und Kühlschrank. Nachdem Edith jahrelang in ihrem Beruf als Erzieherin in Behinderteneinrichtungen gearbeitet hatte, fiel es ihr schwer mit der neuen Situation der Arbeitslosigkeit und vorallem mit den damit verbunden Behördengängen klarzukommen. Auch kannte sie im Odenwald keinen Menschen, war es doch der neue Job, weshalb sie hierher gekommen war. Das Arbeitslosengeld ließ ewig auf sich warten, aus welchen Gründen auch immer, das Sozialamt wollte nicht zahlen, die Wohnung war zu teuer, das alte Argument. Als schließlich gar nichts mehr ging wandte sie sich an die Diakonie, die wiederum vermittelte sie an den Selbsthilfeförderverein.

Edith bekam eine vom Verein angemietete Wohnung im Rahmen des Sozialsatzes, die Sache mit dem Arbeitslosengeld lief schließlich an. Im damaligen Trödelladen des Vereins half sie zunächst aus, für einige Zeit führte sie den Laden dann selbst, bis sie das Arbeitsamt in eine dreimonatige Maßnahme öabrief mit der Folge daß sie im Anschluß wieder arbeitslos und der Laden anderweitig besetzt war. So ganz ohne Job entpuppte sich die Wohnung vom Verein, ein Ein-Zimmer, Küche, Bad -”Hexenhäuschen” am Waldrand, doch als Burg der Isolation. Edith zog “auf den Berg”, damaliger Vereins- und Redaktionssitz. Als Mitbewohnerin des Hauses verfügte sie auch hier über ihre eigene abgeschlossene Wohnung, an Arbeit mangelte es in dem Haus nicht, für einen Job jedoch reichte es nicht aus.

Das neue Projekt bietet nun auch neue Perspektive für die Siebenunddreißigjährige. Klar, zunächst muß renoviert und eingerichtet werden, steht das Projekt aber baulich kann man sich auf die inhaltlichen Ziele konzentrieren wie den “Urlaub für Arme” der vorränglich Urlaub für Alleinerziehende und Sozialamtsabhängige einbeziehen soll. Wenn gestreßte Mütter und Väter Urlaub machen, wollen sie sich erholen, die lieben Kleinen hingegen Abenteuer, Spaß und Spiel erleben. Das Drumherum inklusive der Landschaft bietet hier alles, für die pädagogische Betreuung und gegen eventuelle Ferienlangeweile des Nachwuchses könnte Edith aktiv werden. Hinzu könnten organisatorische Aufgaben rund ums Haus kommen.

Auch für Joseph bietet das Projekt Hebstahl Zukunftsperspektiven. Heute seit Jahren trockener Alkoholiker durchlief er allen Tiefen der Sucht. Schließlich Therapie und betreutes Wohnen. Über einen Straß0enzeitungsverkäufer kam Joseph in Kontakt mit dem Selbsthilfeförderverein, seit einem guten halben Jahr wohnt auch er “auf dem berg”. Endlich wieder selbstständiges Leben und Arbeiten. Im Verein übernahm Joseph dann ehrenamtliche Aufgaben, unterstützte den Vertrieb, kümmerte sich um Haus und Hof. In Hebstahl ist für Joseph eine feste halbe Stelle in Planung, das Haus, seine Instandsetzung und -haltung bietet genug an Aufgaben.

Im Januar wird noch Gerd dazukommen. Er hofft hier, genug Werkraum ist vorhanden, seinen Traum von Möbelaufbereitung und -restaurierung verwirklichen zu können. Gerd ist eigentlich Kfz-Schlosser von Beruf, seine extreme Schwerhörigkeit machten ihn allerdings berufsunfähig. Sämtliche Versuche eine Reha-Umschulung durchs Arbeitsamt zu erreichen liefen bislang schief. Letztendlich wird auch Werner Picker, Vorsitzender des Selbsthilfefördervereins hier sein Domizil aufschlagen. Die großzügigen Werkräume, Gargen und Außenflächen bieten noch weitaus mehr Gelegenheit neue Arbeitsbereiche zu erschließen. Gedacht wird inzwischen an eine Holzwerkstatt, eine Fahrradwerksatt mit Verleih für die Feriengäste, vielleicht eine Töpferei.

 

Das neue Projekt soll neben der “Strassenzeitung”, Ex-Looser und Ex-Looser/strassenfeger zweites Standbein zur Finanzierung der Vereinsarbeit sein. Und es soll Arbeitsplätze schaffen. Sind die Umbauarbeiten abgeschlossen, dient das Haus vorallem als Begegnungstätte. Die geplante tagungsgerechte Ausstattung soll Seminare, Erwachsenenbildung, Freizeiten ermöglichen.

Kein Projekt einer Straßenzeitung sollte ohne Notübernachtung für Obdachlose angelegt sein, zwei Plätze (mehr wird im ländlichen Raum nicht gebraucht) werden hierfür zur Verfügung stehen.

Einkommensschwache können hier zum Billigtarif Urlaub machen, “normale Touristen” sollen mit einem Solidaritätsaufschlag den Urlaub der Armen mitfinanzieren. Wald, Wiese und jede Menge Freiraum bietet vorallem ein Paradies für Kinder, Naturliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten: hügelige Landschaft, die waldreichste Ecke Hessens umsäumt und bestückt von Historischen und “sagenhaften” Stätten, die Römer waren hier ebenso Zuhause wie die Nibelungen. Der Neckar ist per Auto oder von einem nahegelegenen Ort per Zug in knapp zwanzig Minuten erreichbar, Heidelberg in einer guten halben Stunde. Neben Wanderern ist die gesamte Ecke im Sommer bei Mountain- und Tourenradfans und Motorradfreaks schwer beliebt.

Fakt ist, daß das gesamte Gebäude so schnell wie möglich in einen Zustand versetzt werden muß, in dem es Geld erwirtschaftet und nicht nur welches kostet. Mit dem über einen Kredit finanzierten Kaufpreis von 320 000 Mark ist es noch lange nicht getan, Umbau und Einrichtungen werden noch einiges verschlingen. Die Zeitung trägt sich selbst, aber nicht mehr. Um das Projekt so schnell wie möglich in ein wirtschaftliches Unternehmen umzuwandeln, sind wir auf die Hilfe unserer LeserInnen angewiesen. Gleichermaßen danken wir auch all jenen, die unser Vorhaben bislang unterstützt haben und bis zu diesem Punkt erst ermöglichten.

Gabriele Lermann

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