Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du?
Die Arbeit mit Obdachlosen von Pfarrer Ritzkowsky
Von Anne Landsberg                        

Kürzlich wurde Joachim Ritzkowski, Pfarrer an der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche, für sein langjähriges Engagement in der Arbeit mit Obdachlosen mit dem Ingeborg-Drewitz-Preis der Humanistischen Union ausgezeichnet (die Straßenzeitung berichtete). Der Preisträger hatte darum gebeten, während der Festveranstaltung nicht fotografiert oder gefilmt zu werden. Die Medien hielten sich so gründlich daran, daß über die Preisverleihung kaum berichtet wurde. Schade eigentlich. Halten wir uns deshalb an das gerade erschienene Buch von Joachim Ritzkowsky. Es heißt “Die Spinne auf der Haut : Leben mit Obdachlosen” und trägt den Untertitel “Bericht – Analyse – Deutung”.
Das schmale Bändchen enthält Texte und Reflexionen, die der Autor in den letzten Jahren zu verschiedenen Anlässen und in verschiedenen Rollen – etwa als evangelischer Gemeindepfarrer, als Wirt der Wärmestube im Gemeindehaus in der Nostitzstraße oder als Mitbegründer der Berliner “Arbeitsgemeinschaft Leben mit Obdachlosen” - geschrieben hat. Stark sind die Texte, in denen Ritzkowsky schildert, wie er 1990 aus der Zehlendorfer Bürgerlichkeit heraus die Pfarrstelle in Kreuzberg antrat, sich massiv mit Obdachlosigkeit, Verwahrlosung und Krankheit konfrontiert sah und nicht wegschaute, sondern begann, für das Recht von Wohnungslosen auf medizinische Betreuung und eine Meldeadresse zu streiten (siehe das Kapitel “Sterben auf Berlins Straßen” und die Verteidungsrede vor dem Landgericht Berlin 1996). Die Texte, in denen der Autor versucht, die Ursachen von Wohnungslosigkeit zu erklären oder das Leben von Obdachlosen als Leben im ˆffentlichen Raum zu beschreiben bzw. zu deuten, lassen die Rezensentin in einer gewissen Ratlosigkeit zurück. So erfaßt Ritzkowskys These, daß Menschen deshalb obdachlos werden, weil immer mehr Menschen auf Grund der Individualisierung von Lebensstilen immer mehr Wohnraum und Freizeitflächen beanspruchen (Kapitel “Obdachlos ist wohnungslos”), nur ein winziges Stück Oberfläche weitaus komplexerer gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen sich zunehmend ungleiche Zugänge zu Bildung, Erwerbsarbeit, Gesundheitswesen, gesellschaftlicher Beteiligung und natürlich auch Wohnraum zeigen.
Aus allen Texten von Joachim Ritzkowsky sprechen aber ein großer Respekt vor obdachlosen Menschen und ihrem Leben auf der Straße und die daraus abgeleitete radikaldemokratische Haltung, daß die Stadt für alle da sei. Wer den Ansatz vom Leben mit Obdachlosen ernst nähme, “verklärt weder Armut noch Elend, noch verdrängt er Arme und Elende aus der Innenstadt, sondern sucht die Möglichkeiten und Fähigkeiten der obdachlos Gewordenen in der Stadt zur Geltung zu bringen.” Es sei notwendig, “Lebenswirklichkeiten zu finden, die mit weniger Raum, weniger Geld, weniger Komfort und weniger technischen Prothesen auskommen. In dieser bestimmten Hinsicht kann von den Armen gesagt werden, daß sie gesellschaftliche Zukunft vorwegnehmen. Das "Leben mit Obdachlosen‘ verliert – so verstanden – jenen Geruch, der aller sozialen Tätigkeit anhaftet – den des 'Almosengebens‘. Der Hauptunterschiedspunkt zwischen dem Senatskonzept der 'Einweisung von Obdachlosen in Pensionen‘ und unserem Konzept des 'Lebens mit Obdachlosen‘ liegt in der Alternative, ob die Obdachlosen lediglich als Empfänger (Sozialhilfeempfänger) angesehen oder als Menschen erkannt werden, von denen etwas in Bezug auf die auf uns zukommende Zeit zu erkennen und zu lernen ist, und mit denen wir zusammenbleiben wollen. Das Überleben der Armen enthält eine Erkenntnis, wie die Gesellschaft insgesamt überleben, das heißt leben kann”. (S. 27 f.)
Hierüber ließe sich trefflich streiten, zumal derartige Überlegungen auch in der internationalen Debatte über die Zukunft großer Städte eine Rolle spielen. Leider führt Ritzkowsky seinen Gedanken nicht weiter aus. Das Handeln des Pfarrers ist dann – gemessen am Anspruch – überraschend pragmatisch. Die Heilig-Kreuz-Gemeinde unterhält bereits seit zehn Jahren eine Wärmestube (vom Autor geschildert aus seiner, des “Wirtes”, Perspektive im Kapitel “Die Wärmestube – Funktionsweise oder Geheimnis”), und seit dem letzten Herbst ist die Gemeinde Träger eines großen ABM-Obdachlosenhilfe-Zentrums in der Gitschiner Straße 15.
Die inzwischen drei Berliner Obdachlosenzeitungen, die im Gegensatz zu vielen Zeitungen in anderen Städten von Obdachlosenselbsthilfegruppen herausgegeben werden, werden im Kapitel “Gespieltes Leben” lediglich erwähnt, und zwar als “unter anderem Foren der Selbstdarstellung der Szene” (S. 85). Als Szene erscheinen die auf der Straße, also einer “Bühne” lebenden nichtregistierten Obdachlosen, die ihr Leben, weil es im öffentlichen Raum stattfindet, faktisch “spielen”, während der “bürgerliche Ernst” von den Wohnenden, Erwerbsarbeitenden, Integrierten repräsentiert wird. - Die Erfassung von Straßenzeitungen als Resultat des Selbsthilfe- und Selbstorganisationspotentials von Obdachlosen, als Marktteilnehmer und Repräsentanten einer sich entwickelnden Wirtschaft von unten bleibt Aufgabe anderer Bücher und anderer AutorInnen.

Joachim Ritzkowsky, Die Spinne auf der Haut : Leben mit Obdachlosen, Bericht – Analyse – Deutung. – Berlin : Alektor Verlag, 2001

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