Pfefferberg 2008 - Quelle: WikimediaUnd ewig lacht die Säufersonne ....

Pfeffer sei Dank! - Obdachlosenorganisation besetzt Brauerei

These: Daß Obdachlose allesamt Säufer und Alkoholiker sind, ist ein altbekanntes Vorurteil. Statistisch gesehen trinken Obdachlose nicht mehr - aber auch nicht weniger - als der Durchschnitt der Bevölkerung, nur eben, da§ sie es im Unterschied zur Normalbedingung aufgrund bekannter Umstände - vor allem in Ermangelung einer Wohnung - in der Öffentlichkeit tun. Wie auch immer - Vorurteil hin oder her - Obdachlose sind eben (auch) Trinker. Biertrinker. Hauptsächlich Bier, vorzugsweise solches, welches den Gesetzen (sic!) des Deutschen Reinheitsgebotes von 1516 entspricht. Hopfen, Wasser, Gerste, Malz (- Gott erhalt's; aber das ist ein anderes Thema. Das Reinheitsgebot ist immer gefährdet.) Flaschenbier: Pfandpfaschen, Einwegflaschen; Dosenbier: FAXE, große Dosen, kleine Dosen; ALDI-Bier, Bier vom Faß. Pils, Dunkelbier, Altbier, Weizenbier: Kristallweizen, Hefeweizen, Bayern-Brause, (Radler/ Alsterwasser).

Antithese: Daß Obdachlose sich trotz o.g. Tatbestände - oder vielleicht sogar deswegen - organisieren können, ist ein neueres Phänomen. Statistisch gesehen ist jeder Obdachlose Mitglied in 1,7 Vereinen und damit nicht häufiger - aber auch nicht seltener - organisiert als der Durchschnitt der Bevölkerung. Nur eben, daß sie im Unterschied zur Normalbevölkerung vor allem öfter in Vereinen Mitglied sind, die - was die Lebensumstände auch nahelegen - eine Verbesserung und Veränderung der Lebenslage Wohnungsloser zum Ziel haben. Wie auch immer - Phänomen hin oder her - Obdachlose organisieren eben auch - mehr oder weniger - Selbsthilfe. Oder geben Hilfe zur Selbsthilfe. Etwa im Verein mob - obdachlose machen mobil e.V., der in erster Linie dadurch bekannt geworden ist, daß er die strassenzeitung (vormals: strassenfeger) herausgibt. Oder aber eine Notübernachtung, ein Wohnprojekt, den Wegweiser der Kältehilfe, politische Kundgebungen und Straßenfeste, Sozial- und Rechtsberatung, Arbeitsplätze und weiteres nützliches mehr aus eigener Kraft selbst organisiert.

Synthese: Zählt man nunmehr zwei und zwei zusammen, so ergibt sich, daß, wenn Obdachlose trinken einerseits und daß, wenn Obdachlose sich organisieren, andererseits, also in Kombination von erstens und zweitens schließlich drittens die Eroberung einer Brauerei durch eine Obdachlosenorganisation ein strategisch richtiges, zugleich wichtiges und vielleicht sogar überlebensnotwendiges Ziel darstellt (oder darstellen muß! Aber: an dieser Stelle - und das wäre dann: viertens! - über die eigentliche Zweckbestimmung von Obdachlosenarbeit philosophieren zu wollen, führt entschieden zu weit bzw. in die Gefilde angewandter Dialektik).

Conclusio: Für den gemeinnützigen Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. ist nunmehr zu konstatieren und wird hiermit allgemein und für alle kundgetan  und verlautbart, da§ dieses wichtige Ziel in greifbare Nähe gerückt ist. Ab dem 01.02.1999 bezieht der Verein und die von ihm herausgegebene Gazette "die strassenzeitung" Räumlichkeiten auf dem Brauereigelände Pfefferberg in Berlin Prenzlauer Berg, um damit - aus eigener Kraft und in aktiver Selbsthilfe - dem Brauereiwesen in Berlin zu neuer Blüte zu verhelfen. Auch die Leitungen sind schon gelegt und freigeschaltet. Alsdann nur noch zu verkünden bleibet mit großem Hallo: a-zapft is'! Freibier für alle! Lebenslang - lebenslänglich.

Anton Tschechow lümmelnd - Quelle: WikimediaExkurs: Zur Erläuterung:

"Der Pfefferberg

Die Schönhauser Allee 176 ist einer der Eingänge zum (...) Standort der BRAUEREI PFEFFER - ab 1841 eine der ersten großen Brauereien in diesem Gebiet. Sie wurde nach dem bayrischen Braumeister und Besitzer der Fabrik benannt. In ihrer Blütezeit um 1850 gab es dort nicht nur den Braubetrieb, sondern auch ein 1844 eingerichtetes Ausschankrestaurant mit großem Biergarten. Es steht nur noch einer der alten Bäume. Um die Jahrhundertwende war Prenzlauer Berg zur Hochburg der Brauereikunst in Berlin angewachsen und der Besuch der vielfach dazugehörenden Biergärten ein besonderes VergnŸgen geworden. Anton Tschechow (1860 - 1904) war einer der vielen, der das Bier rühmte: Nirgendwo auf der Welt habe er so gutes Bier wie in Berlin getrunken, soll sich einmal der Schriftsteller geäußert haben. Die Besitzer sorgten für zusŠtzlich Attraktionen wie Musik- und Theaterdarbietungen oder Luftschaukeln. Hier beim Pfefferberg bot man den Besuchern einmaliges. 1876 wurde ein Gartenpavillon gebaut, dessen Decke sich bei herrlichem Sternenhimmel zur Seite fahren ließ, so daß die Gäste unter freiem Himmel saßen." (Hörisch/ Krause: Prenzlauer Berg. Kunstspaziergänge. Berlin 1998, S. 48-49)

Fazit: Kurze Rede, langer Sinn: Nach langen Reisen über die Kleine Hamburger Straße in Berlin-Mitte, die Boxhagener Str. in Friedrichshain und die Hauptstra§e in Berlin-Schöneberg hat der Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. und damit auch die strassenzeitung endlich ein zu Hause gefunden - auf dem Pfefferberg. Na dann: Prost!

Bruno Katlewski, Sonderbeauftragter für praktische und angewandte Brauereikunde

Anmerkung der Redaktion:

Leider sind bei aller Euphorie dem Autor beim Recherchieren ein paar Ungenauigkeiten unterlaufen oder er hat ein paar Bier zu viel getrunken oder beides (wahrscheinlich beides!).

1. Richtig ist, da§ der Verein mob e.V. zum 01.02.1999 auf dem Pfefferberg Räumlichkeiten beziehen wird, ein Vereinsbüro und eine Redaktionsstube für die strassenzeitung sowie eine Garage als Werkstattraum.

2. Die Räume werden auch nicht besetzt (was dem Verein zuzutrauen wäre), sondern regulär angemietet bei der Pfefferwerk gGmbH.

3. Auch wird auf dem Pfefferberg seit 1918 kein Bier mehr gebraut. Stattdessen ist der Pfefferberg seit den achtziger Jahren ein soziokulturelles Zentrum, welches nunmehr in Trägerschaft vom Pfefferwerk saniert und umgebaut werden soll. Damit wird diese Tradition einer Verbindung von Kultur, Gewerbe und sozialen Projekten auf dem 13.500qm großem GelŠnde - jetzt auch mit mob e.V./die strassenzeitung und vielen anderen Projekten und Initiativen - fortgeführt und weiterentwickelt.

4. Und schließlich: Bei den freien Leitungen handelt es sich nicht um Bier-, sondern um Telefonleitungen.

historische Foto von Pfefferberg: vorhanden (Stefan); Foto von Tschechow:

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