Strassenverkauf durch Politiker  

Pünktlich um 11:30 erschien der Bezirksstadtrat Stawinoga von Berlin - Hohenschönhausen am Eingang des Lindencenters am vereinbarten Standort zur Verkaufsaktion von Straßenzeitungen im Rahmen der Aktionswoche "Obdachlosigkeit und Gesundheit". Nach kurzer Begrüßung der Leute vom Straßenfeger und weiterer Mitarbeiterinnen des Bezirksamts schritt er entschlossen zur Tat. Er griff sich einen nicht unerheblichen Stapel an Zeitungen und sprach in den folgenden anderthalb Stunden so ziemlich jeden Passanten an, der ihm über den Weg lief. Frauen, Männer, Jugendliche, Familien, BVG-Mitarbeiter, Punks, Bauarbeiter, Polizisten. Nicht immer hatte er Erfolg. Seine Masche, wahlkampferprobt: "Haben Sie mal eine Minute Zeit für mich?" Und wer diese Minute Zeit haben wollte, hatte schon fast gewonnen. Er oder sie konnte sich erklären lassen, daß hier eine Obdachlosenzeitung für einen guten Zweck verkauft wird und um auf die Situation der Obdachlosen aufmerksam zu machen. Nach anderthalb Stunden der Kassensturz: Fünf Leute hatten in harter Arbeit knapp 160 Mark erwirtschaftet - oder, anders gesagt: 80 Zeitungen verkauft. Dieses Geld konnte als Spende für den Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. verbucht werden. Alltäglicher Redaktionsbedarf kann damit finanziert werden: Papier, Druckerpatronen, Briefumschläge, Telefonkosten. Und schon wieder ist die Arbeit eines Obdachlosenselbsthilfeprojekts durch einen kleinen Beitrag unterstützt worden. Wichtiger ist sicherlich die symbolische Wirkung: Wenn selbst schon Politiker die Zeitung verkaufen, dann ist Zeitungsverkauf wohl mehr als nur eine Variante des Bettelns.  

Wichtiger Nebeneffekt: Durch derartige Vorbilder angespornt, faßte sich der nichtobdachlose Vereinsvorsitzende Stefan Schneider ein Herz, griff sich den Straßenfeger und versuchte sich ebenfalls erstmalig im Verkauf der Zeitung. Die Unsicherheit war ihm anzumerken - er verkaufte insgesamt 4 Zeitungen. Der Straßenfeger wäre schließlich eine interessante und informative Zeitung, die ihr Geld wert sei. "Daß ich diese Hemmschwelle überwunden habe, ist ein gutes Zeichen", so Schneider. "Das werde ich jetzt öfter tun!" Demnächst wolle er am Vertriebsbus einen Verkäuferausweis beantragen: "Ich möchte gerne die Verkäufernummer Null-Null-Schneider haben", erklärte er selbstbewußt nach der Verkaufsaktion. Der Zeitungsverkauf müsse auf eine breitere Basis gestellt werden. Mit dem erwirtschafteten Geld kännten beim Verein mob e.V. viele sinnvolle Projekte der Selbsthilfe für Obdachlose angeschoben werden.  

Bruno Katlewski

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