Von Obdachlosen lernen ...?

Der Verein mob - obdachlose machen mobil e.V., der diese schöne Zeitung herausgibt, ist gemeinnützig und auf Grund dessen von einigen Steuern befreit. Das Finanzamt, das eine solche Bescheinigung nach Prüfung aller Unterlagen ausstellen kann, hat dies damals damit begründet, das der Verein "der Förderung der Volksbildung" diene. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, erschließt sich aber nach einigem Nachdenken. mob e.V. wurde 1994 gegründet mit der Zielsetzung, vorrangig die Lebensumstände obdachloser und von Obdachlosigkeit bedrohter Menschen zu verbessern. Dabei ging es damals zu aller erst darum, als demokratische Gruppe, der von Anfang an auch Obdachlose und ehemals Obdachlose angehörten, eine Obdachlosenzeitung herzustellen, herauszugeben und in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Diese Zeitung hieß damals mob - magazin, später motz, dann strassenfeger, zwischenzeitlich sogar strassenzeitung oder kurz straz. Natürlich war es von Anfang an wichtig, mit der Zeitung armen und obdachlosen Bürgern damit eine Verdienstmöglichkeit zu eröffnen, und damit ein Stück Würde und Selbstbestimmung zu geben. Aber auch die Idee, Menschen auf diese Art und Weise eine Plattform für ihre eigenen Anliegen zu eröffnen, stand im Mittelpunkt der Arbeit. Nicht nur im Verkaufsgespräch, sondern auch durch Artikel, die in der Zeitung veröffentlicht wurden und durch Stände auf Strassenfesten und politischen Veranstaltungen. Damit ist es gelungen, dem Thema Obdachlosigkeit einen breiten Raum in der öffentlichen Wahrnehmung zu verschaffen. Mit diesem Impuls hat sich in den letzten Jahren die Situation der Wohnungslosen deutlich verbessert: Es sind weniger geworden, die Zahl der Obdachlosen ist seit einigen Jahren leicht rückgängig. Auch ist das Netz der Versorgungsangebote besser und dichter geworden, überall sind Übernachtungsstellen, Kleiderkammern, Wärmestuben, Beratungsangebote, betreute Wohnformen hinzugekommen. Auch die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, hat abgenommen, es ist für diese Menschen sicher leichter geworden, Hilfen zum Überleben zu finden. Gerade in der Zeit vor Weihnachten überschlägt sich die Bereitschaft, Obdachlosen etwas Gutes zu tun.

Insofern ist es durchaus berechtigt, festzustellen, daß es die Obdachlosen selbst waren, die durch ihre langjährige Arbeit dazu beigetragen haben, daß sich an der Situation insgesamt einiges gebessert hat. In dem Maße, wie sich arme Menschen durch den Verkauf der Zeitung zu ihrer Armut bekennen, tragen sie dazu bei, daß diese Thema nie aus der Aufmerksamkeit verschwindet, auch im Sommer nicht, auch dann nicht, wenn andere Themen (wieder) wichtiger werden. Und auch der Verkauf der Zeitung ist nur die Spitze des Eisbergs, was Aktionen und Initiativen angeht, die Lebenssituation armer und ausgegrenzter Menschen zu verbessern. Eigentlich seit Beginn der Strassenzeitungen wird in diesem Umfeld daran gearbeitet, Notübernachtungen und Versorgungsmöglichkeiten anzubieten, Anlaufstellen offen zu halten und Beratung zu organisieren, Kleiderkammern, Essensversorgung, Hilfe bei der Wiederbeschaffung von Wohnraum und Wohnungseinrichtung sind weitere Stichworten. Im Kern geht es darum, ohne staatliche Förderung ganz unterschiedliche Formen der Selbsthilfe auf die Beine zu stellen, einfach um zurechtzukommen. Auch hier kann es sein, daß mit den verschiednen erprobten Ansätzen die Obdachlosenvereine mal wieder einen wichtigen Schritt nach vorne gehen: In Zeiten knapper (staatlicher) Kassen kann die Phase des Heulens und Zähneklapperns einfach übersprungen werden - Selbsthilfeprojekte wie mob e.V. mußten und wollten auch von Anfang an eigenverantwortlich wirtschaften und zurechtkommen und so ein großes Stück an politischer und wirtschaftlicher Unabhängigkeit bewahren. Auch wenn es natürlich korrekt ist, von der einen oder anderen Stelle einen Arbeitsplatz oder Arbeitsmaterial gefördert zu bekommen.

Die ganze Arbeit der (Selbst-)hilfe von und für Wohnungslose funktioniert natürlich nur, das muß an dieser Stelle ebenfalls klar und deutlich gesagt werden, weil es von Anfang an Bürgerinnen und Bürger gab, die bereit waren, etwas von sich aus zu geben, um die Arbeit beispielsweise von mob - obdachlose machen mobil e.V. zu unterstützen. Die Formen dieser Unterstützung sind dabei so vielfältig wie unser Selbsthilfeansatz selbst. Beginnend mit der Bereitschaft, eine solche Obdachlosenzeitung überhaupt zu kaufen, war im Verlauf der Jahre zu konstatieren, wie Firmen Material spendeten, Menschen angeboten haben, sich einige Stunden ehrenamtlich zu engagieren, es gab kostenlose Tipps und Hinweise, die Arbeit zu verbessern, Anrufe, gebrauchte Kleidung oder Möbel abzuholen, Lebensmittel kurz vor dem Verfallsdatum dürfen kostenlos abgeholt und weiter verarbeitet werden, Menschen möchten ihr Praktikum ableisten oder eine Forschungsarbeit über Selbsthilfearbeit schreiben, die Redaktion darf Artikel kostenfrei abdrucken und vieles mehr. Dieses Potential, was hier nur angedeutet werden kann, wurde in seiner ganzen Fülle bisher gar nicht wirklich genutzt werden. Das bedeutet nicht, daß der Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. in irgendeiner Weise finanziell reich sei: Das Gegenteil ist der Fall.

Ein schlagendes Beispiel dafür ist das neue Projekt von mob e.V. in der Prenzlauer Allee 87: Weil der bisherige Treffpunkt in der Schliemannstraße mit seinen Funktionen Notübernachtung, Küche, Büro und Beratung, Dusche, Küche, Kleiderkammer und Treffpunkt aus allen Nähten platzte, machte der Verein sich auf der Suche nach neuen und größeren Räumlichkeiten, um seinen selbst gewählten Auftrag der Verbesserung der Lebensumstände wohnungsloser und armer Menschen besser nachkommen zu können. Neben der Aufgabe, die damit verbundenen Kosten an Miete und Betriebskosten selbst erwirtschaften zu müssen, müssen die Räume erstmal überhaupt für diese Funktionen ausgebaut werden. Der Verein benötigt dafür Estrich, Rigips, Farbe, Schrauben, Werkzeug und weiteres mehr. Und selbst wenn das alles vorhanden ist, muß alle nochmals praktisch umgesetzt werden, was bedeutet: Arbeit ohne Ende. Und das zusammen mit den Menschen, die diese Einrichtung später (und eigentlich: jetzt schon) nutzen werden. In diesem Sinne bedeutet Bildung wortwörtlich ganz einfach, sich in einer schwierigen Umgebung erst einmal so einzurichten, daß es möglich wird, dort zu wohnen, zu leben, zu arbeiten.

Stefan Schneider

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