In meinen Tagträumen phantasiere ich, daß ich zur Lottostelle gehe um die Ecke, meinen Tip abgebe und am nächsten Samstag erfahre, daß ich gewonnen habe, natürlich 6 Richtige und so mindestens eine Million. Montag drauf kommt dann offiziell der Typ vom Lotto und bestätigt mir das. Inzwischen habe ich das natürlich mit meinen Freunden durchgekaspert und sage: 200.000 Mark Handgeld, den Rest lege ich an. Alles Roger und so. Dann würde ich erstmal in nen CD-Laden gehen und dem Geschäftsführer mitteilen, was ich mal eben brauche: Alles von Heino, Freddy, Roberto Blanco und Elvis Presley und noch ein paar andere Kleinigkeiten. So knapp nebenbei mal 1.000 CDs oder mehr. Am nächsten Tag zum Laubenpieperverein und den Kollegen erzählen, was mir so vorschwebt. Ein Garten von Feinsten mit allen Extras. Dann die Wohnung renovieren, Gasetagenheizung, Isolierverglasung, Komplettrenovierung. Am besten gleich kaufen. Und eine vernünftige Lebensversicherung abschließen. Zum Schluß noch ein paar tausend Mark Spende für den Straßenfeger, damit das mal ne brauchbare Zeitung wird. Und dann den Kollegen auf Arbeit bescheidstoßen: Und Tschüß! Arschlecken ist angesagt. Nie mehr wieder knechten. Schönen Dank auch! Erstmal Urlaub machen - Weltreise in die Karibik oder Südsee oder so.

Komischerweise würde ich meine Freundin behalten. Weiß auch nicht. Gibt Sachen, die kann man für Geld nicht kaufen.

Seltsam. Irgendwannmal ist Schluß mit Tagträumen. Du trinkst noch ein Bier, wachst am nächsten Morgen auf und stellst fest, Dein Konto ist immer noch überzogen, die Miete ist nicht bezahlt und einen Job hast Du auch nicht. Und die Leute auf dem Sozialamt kännen Dich mal! Gerne haben! Scheiß drauf. Also raus auf die Straße, Zeitung verkaufen, abends den Frust runterspülen. Scheißleben!

Eine Kontokarte müßte man haben! Du brauchst Geld, gehst zum nächsten Automaten und läßt es raus ohne Ende. Hallo Automat, ich brauch mal eben 400 Mark für heute abend - schönen Dank auch!

Schluß mit Lustig: Auch ein Millionär kann nicht mehr fressen als ich kotzen kann. Für alle eine Wohnung und für alle eine Arbeit.

Und daß jeder, der Geld hat, solange mit den Armen teilen muß, bis alle gleich sind.

Sie finden das utopisch? Ich auch!

Na und?

Ach so - das Thema dieser Ausgabe ist: "Reich und schön". Die meisten von uns sind einfach nur - arm und obdachlos. Über Schönheit läßt sich streiten.

Sie finden dieses Editorial reichlich verworren? Ich gebe Ihnen recht. Wir kännten die Welt verändern, aber vielleicht nicht gerade heute sondern irgendwann später. Ist ja in Ordnung. Vielleicht möchten Sie ja ein paar Mark spenden auf unser Konto. Wir würden uns im Verein einen Kopf darum machen, wie wir Ihr Geld verwenden. Zum Beispiel eine Wohnung anmieten für obdachlose Verkäufer. Das allerdings ist uns ein wichtiges Anliegen: der nächste Winter kommt bestimmt. Im Moment renovieren wir gerade unsere Notübernachtung. Vorsorglich.

Trotz düsterer Gedanken - viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe wünscht Ihnen

Bruno Katlewski

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