Das Impressum

"Wir brauchen noch einen Bericht über irgendetwas Wichtiges bei mob e.V., irgendwelche neuen Aktivitäten im Verein oder in den Projekten", sagt die Redaktionsleiterin. "Du, Herausgeber, kümmer Dich drum, die Mittelseiten sind fest dafür eingeplant, alles andere ist schon fertig!" Solche Ansagen kann der Herausgeber gut leiden, denn wenn etwas spektakuläres passiert, ist die Frage immer nur: "Welche von den Fotos können wir denn nehmen und ist der Text in Ordnung so?"

Das wichtigste Ereignis der vergangenen Tage hatte mit mob e.V. eigentlich wenig zu tun. Kirchentag war in Berlin. "Hier ist es ja überall ein bißchen weitergegangen!", sagte Peter Runck zum Abschied, als er nach dem Abschlußgottesdienst seine Sachen packte und nach Hause wollte. Peter Runck ist der Geschäftsführer des Internationalen Bauordens in Deutschland mit Sitz in Worms. Eine kleine Gruppe des Bauordens hatte bei uns angefragt, in unseren Räumlichkeiten zu übernachten. Schließlich war der Bauorden, eine kleine, aber wirkungsvolle Organisation der baulichen freiwilligen Hilfe und sozialen Projekten und Einrichtungen, während dieser Zeit mit einem Stand auf dem Messegelände vertreten.

14 Tage vorher waren die letzten Teilnehmer eines workcamps des Bauordens bei uns abgereist. 15 junge Menschen aus den Niederlanden, Deutschland und Österreich hatten uns zwei Wochen lang dabei geholfen, mit der Hausbauvorhaben in der Oderberger Str. im Bezirk Pankow fertigzuwerden. Wesentliches wurde mit Hilfe der freiwilligen aus Europa geschafft, fast alle Wohnungen konnten in gemeinsamer Anstrengung fertiggestellt werden, und ein Ende der Arbeiten ist in Sicht. Trotzdem: Hätte Peter Runck gewußt, in welche Verlegenheit er mich mit dem Satz brachte, hätte er sich wahrscheinlich lieber in die Zuge gebissen.

Wir standen an dem anderen Standort des Vereins, im Treffpunkt Kaffe Bankrott in der Prenzlauer Allee 87. Ja, in der Tat: Seit fast einem halben Jahr ist es an allen Ecken und Enden immer ein bißchen weitergegangen. Zum Beispiel gleich rechts neben dem Eingang. Dort ist ein riesiges Stück Putz abgeschlagen. Der Maurer, der hier den losen Putz abschlägt, und dann sorgsam neu verputzt, kann immer nur am Wochenende. Unter der Woche arbeitet er, am Wochenende leistet er bei uns "Arbeit statt Strafe" ab. Wenn Material da ist. Und wenn er dann an einem Wochenende mit dem Putz abschlagen fertig wird, bleibt die Arbeit bis zum nächsten Wochenende liegen.

Oder oben in der Notübernachtung. Vor drei Wochen hatten die Studenten der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik die Wände tapeziert. Jetzt ist das immer noch nicht fertig, weil der Fußboden noch zu Ende gefliest werden muss. Das wiederum konnten die Studenten nicht machen, weil darin hatten sie keine Übung. Also wurde erst tapeziert, und jetzt fliest ein Teil der Notübernachtungsbesatzung hinterher. Linoleum verlegen wäre vielleicht schneller, vielleicht billiger. Aber Fliesen haben wir gespendet bekommen, ausserdem sind Fliesen dauerhafter. Also wird jetzt ganz langsam gefliest, wenn die Notübernachter dazu mal kommen.

Und solange, wie die Arbeiten in der Notübernachtung nicht abgeschlossen sind, übernachten die Obdachlosen von der Notübernachtung in dem Raum, der später mal als zweiter Treffpunkt-Raum genutzt werden kann. Und in den neuen Räumen der Redaktion. Weil, nebenbei läuft ja nicht nur der Treffpunkt weiter, mit Frühstück und 4 warmen Mittagsmahlzeiten für arme Menschen jeden Tag, auch samstags und sonntags, auch die Zeitung wird alle 14 Tage produziert, gerade an diesem Wochenende ist heisse Produktionsphase und die Redaktionsleiterin sitzt bis spät in die Nacht an den letzten Texten, Korrekturen und Fotos. Das Gebrauchtwarenkaufhaus im Keller - von allen nur liebevoll "der Trödel" genannt - läuft sowieso fast jeden Tag, noch spät am Nachmittag kommt ein Kunde und fragt gezielt, ob vielleicht Bierdeckel im Angebot wären. "Bierdeckel nun gerade nicht", sagt der Projektleiter Ronald Hegert, und murmelt weiter: "Aber jetzt wäre eine gute Gelegenheit, mal die Sofas hinten in Ruhe durchzusortieren!" Aber das interessiert den Kunden nur wenig.  Ronald wartet noch auf den Laster, denn an diesem Wochenende war auch eine Gruppe auf einem Stand mit gebrauchter Kleidung irgendwo in Wedding. Oder war es die Teilnahme an einem Strassenfest? Auch so, und dann werden zum Kirchtag - auch mal eben nebenbei - nochmals 10 Gäste beherbergt. Darum kümmern sich die Notübernachter auch noch so ganz nebenbei. Und der strassenfeger-Verkäufer Siggi Brause aus Bielefeld ruft an und braucht ein neues Paket strassenfeger. Aber das hat die Redaktion schon gemanagt, mit Hilfe des Vertriebsleiters. Von der Arbeit an den Standorten am Zoo und am Ostbahnhof ist an diesem Wochenende gar nichts zu merken, aber die Mitarbeiter kommen ohnehin erst am Montag mit der Abrechnung oder rufen an, wenn kurzfristig neue Zeitungen an die Ausgabestellen geliefert werden müssen.

Stammgast Biggi, eine junge Frau von Mitte 20, hat ausgerechnet an diesem Wochenende wieder einen psychotischen Schub und spricht und guckt ganz wirr. Wenn wieder das Krisentelefon und den psychosozialen Dienst, gegebenenfalls die Polizei oder das Krankenhaus alarmiert werden muss, hält Biggi die ganze Theken- und Küchengruppe auf Trab. Und das kann das bis in die Nacht hinein dauern. Robert dagegen schleicht an diesem Wochenende etwas müde durch die Gegend, hatte er doch am Herrentag für alle festen Mitarbeiter ein Grillfest auf dem Barackengelände veranstaltet, und war nun den ganzen letzten Tag damit beschäftigt, alles wieder aufzuräumen und den laufenden Betrieb des Möbellagers zu gewährleisten. Und der Rasen wollte bei der Hitze auch gegossen werden. Ein Wunder, das Robert an diesem Wochenende überhaupt in der "Firma" war. Im Büro waren Leute damit beschäftigt, Briefe zu schreiben an Mitarbeiter, die das frühere Leben in die Justizvollzugsanstalt verschlagen hatte: Besuchstermine waren zu organisieren, Pakete mit Kleidung und Lebensmittel zusammenzustellen. Der Webmaster sagt am späten Abend Tschüss, er hatte in aller Ruhe jenseits des Alltagsbetriebes ein paar Wartungsarbeiten an den Rechnern durchführen können. Die Küchenmitarbeiter bereiten schon den nächsten Tag vor.

"Hier ist es ja überall ein bißchen weitergegangen!", mit dieser Bemerkung hat Peter Runck den problematischen Kern getroffen. Noch in drei Monaten wird die große Halle im wesentlichen ein Baustellenlager sein, und nur ein geübtes Auge wird die Fortschritte feststellen können, die im Unterschied zu professionellen Baustellen im Schneckentempo vor sich gehen. Und zugleich wird Tag für Tag eine große Zahl von anderen Baustellen bearbeitet, sofort, ohne Verzögerung, professionell, routiniert und umsichtig. Insofern ist Geschwindigkeit relativ, und in vieler Hinsicht ist der Weg das Ziel. Oder, um es mit Hermann Kant zu sagen: Die höchste Geschwindigkeit in einem Selbsthilfeprojekt ist die Selbsthilfegeschwindigkeit. Und die ist gelegentlich so rasant, das einem Betrachter dabei schwindling werden kann.

Aus diesem Grund hatte die Redaktionsgruppe mal überlegt, das Impressum zu verbessern, um deutlich zu zeigen, welche unterschiedlichen Projekte es neben dem strassenfeger bei mob e.V. noch so gibt. Aber sie ist bisher noch nicht dazu gekommen, weil das Schneckentempo der Selbsthilfegeschwindigkeit längst darüber hinweg gefegt ist. Ob das Impressum das jemals darstellen kann?

Stefan Schneider

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