Liebe Leserin, lieber Leser,

es muß wohl dieser Bruno Katlewski gewesen sein, der gelegentlich in unserer Zeitung schreibt und der immer nur sporadisch zu den Redaktionstreffen kommt und dabei häufig so wirres Zeugs erzählt, der vor einigen Wochen ankam und sagte: Laß uns doch mal was zum Thema Kontemplation machen. Inzwischen haben wir herausgefunden, daß dieses Wort übersetzt wohl soviel wie (innere) Anschauung bedeutet, so etwas ähnliches wie Meditation bedeutet. Was für ein Thema für eine Strassenzeitung. Wir haben in der Redaktion uns dem angenähert, indem wir das mit dem Begriff übersetzt haben: In der Ruhe liegt die Kraft. Also, wie wir mit Zeit umgehen. Insofern ist das Anliegen der sich selbst so nennenden glücklichen Arbeitslosen - was noch mal etwas anderes ist als das Recht auf Faulheit - ebenso Gegenstand dieser Ausgabe wie die verschiedenen Redewendungen zum Thema Zeit bis hin zur Frage, welche Notübernachtungen haben in diesem Winter offen. Gerade bei armen, ausgegrenzten, arbeitslosen und obdachlosen Menschen - und diese verkaufen Ihnen die Straßenzeitung - ist offensichtlich, welch eine besondere Rolle Zeit spielt. Wenn ich in dem U-Bahn oder S-Bahn-Wagen zwischen den Geschäften einen Verkäufer oder eine Verkäuferin treffe, bleiben immer noch ein paar Sekunden für einen kurzen Wortwechsel. Auf Umsteigebahnhöfen ist es besser: Da bleiben ein paar Minuten für den nächsten Zug, und glücklicherweise vermelden einem die Anzeigetafeln, wieviel Zeit für ein kurzes Gespräch zur Verfügung steht. Schon oft, wenn wir nicht in Eile waren, haben wir den einen oder anderen Zug fahren lassen, weil, man sieht sich ja schließlich nicht allzu oft, und es muß ja allerhand erörtert werden. Eine andere Dimension hat dieses Thema schon bei den Menschen, die Sozialhilfe beziehen oder Arbeitslosenhilfe. Ja, ich habe wieder einen Termin, ja, wie lange der dauert, kann ich nicht sagen. Solche Sätze kann man oft hören. Die lange Zeit des Wartens auf den Ämtern ist oft ungenutzte, tote Zeit: Die anderen Wartenden betrachten, Zeitung lesen, die Privilegierten können noch per Handy das eine oder andere Telefonat führen, aber im Grunde wird hier nichts sinnvolles geschaffen.  Ja, es stimmt, gerade arme Menschen haben viel Zeit, und zugleich stimmt, auch, im Grunde haben sie wenig Zeit, weil viel Kraft, Energie und Motivation gehen drauf, beim Warten. Womit wir bei der Einführung in die Thematik dieser Ausgabe sind. Sie haben durch den Kauf einer Zeitung einem unserer Verkäufer oder einer unserer Verkäuferinnen ein wenig Zeit geschenkt, vielleicht war auch Raum für ein kurzes Gespräch. Sie haben unser Anliegen unterstützt, armen Menschen und insbesondere Obdachlosen eine Perspektive zu geben. Es ist nie zu spät. In diesem Sinne, vielen Dank!

Stefan Schneider

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