Liebe Leserin, lieber Leser,

der Evangelische Pressedienst meldete am 15.10.2001: "Die Deutsche Bahn AG hat angebliche Pläne dementiert, sie wolle die Bahnhofsmission aus den Bahnhöfen entfernen. Dies sei zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt, sagte ein Bahnsprecher zu einem entsprechenden Bericht. Nach Angaben der "Bild am Sonntag" hatte Bahnchef Hartmut Mehdorn den Wunsch geäußert, dass die kirchlichen Hilfswerke in den Bahnhöfen keine Warmküchen mehr betreiben sollen. Dadurch würden Obdachlose und Drogensüchtige angezogen. Die Bahn bestätigte jedoch Gespräche mit der Bahnhofsmission über die Essensausgabe in Bahnhöfen. Das kirchliche Hilfswerk solle künftig nicht mehr im oder am Bahnhof Mahlzeiten "für die Obdachlosen und Junkies der ganzen Stadt organisieren", hieß es weiter. Wenn es regne und bei der Bahnhofsmission werde Suppe verteilt, gehe doch kein Obdachloser mehr nach draußen, hatte die Zeitung Mehdorn zitiert."

Drei Tage später berichtet die tageszeitung: "Wir werden nicht wegen eines Interviews von Bahnchef Hartmut Mehdorn die Essensausgabe einstellen", sagte gestern Helga Fritz von der Bahnhofsmission am Zoo. (...) Von Suppenküchen mit warmen Mahlzeiten kann allerdings sowohl am Zoo als auch am Ostbahnhof schon lange nicht mehr die Rede sein. "Wir geben viermal am Tag so genannte Verpflegungsrationen mit Getränken aus", berichtet Helga Fritz. Rund 100.000 dieser Päckchen wurden im letzten Jahr an Hilfesuchende verteilt. "Das Essen ist wichtig, um die Betroffenen über die anderen Angebote wie Schlafplätze oder Therapiemöglichkeiten zu informieren", so Fritz. Täglich kommen bis zu 400 Menschen in die beiden Einrichtungen am Zoo und am Ostbahnhof - neben gestrandeten Reisenden auf der Suche nach verlorenem Gepäck oder Auskünften vor allem Obdachlose, Drogenabhängige, Straßenkinder und junge Prostituierte. Fritz wehrt sich auch gegen die Unterstellung, das Essen zöge die von der Bahn ungeliebte Klientel erst an. "Es ist ein Bedarf dafür da", sagt sie. "Und selbst wenn wir kein Essen mehr ausgeben würden, wären wir weiterhin Anlaufstelle für sozial Ausgegrenzte."

Genau aus diesem Grund ist auch die straz mit seinen Zeitungsausgabestellen am Bahnhof Zoo und am Ostbahnhof präsent, auch andere Projekte und Träger leisten wichtige Arbeit, wie zum Beispiel die Heilsarmee, Fixpunkt und die Treberhilfe. Wir möchten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, über diese Entwicklungen informieren, weil es offenbar nicht mehr selbstverständlich ist, Menschen in Not zu helfen. Wir verstehen diese Äußerungen von Bahnchef Mehdorn auch als Angriff auf unsere Arbeit. Um so mehr sind die Obdachlosen in diesen schwierigen Zeiten auf Ihre praktische Unterstützung und Solidarität angewiesen. Deshalb unser Appell: Wenn arme und obdachlose Mitbürger von Bahnhöfen oder öffentlichen Platzen verdrängt oder vertrieben werden sollen, schauen Sie nicht zu, mischen Sie sich ein, protestieren Sie!

Stefan Schneider

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