Vom Charme der Armut : Anmerkungen zu einem Buch und zu einer Debatte

von Anne Landsberg

Der Sommer ist nicht nur meteorologisch, sondern auch politisch vorbei. Um die Sommerlochdebatte, wie die hunderttausende arbeitsunwilliger SozialhilfeempfängerInnen zur Arbeit gezwungen werden könnten, ist es schlagartig still geworden. Statt dessen interessiert sich die veröffentlichte Meinung momentan - in eben dieser Reihenfolge - für die neue Liebesbeziehung des Bundesverteidigungsministers Rudolf Scharping (SPD), seine Dienst- und Privatflüge mit der Flugbereitschaft der Bundeswehr und den Einsatz der Bundeswehr in Mazedonien.

Erinnern wir uns: Mitten in den Sommerferien brach der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in Begeisterung darüber aus, daß im US-Bundesstaat Wisconsin die Zahl der Wohlfahrtsabhängigen drastisch verringert wurde, weil es gelungen ist, durch ein differenziertes System von Qualifizierungs- und Beschäftigunsangeboten, kombiniert mit dem Druck, die Unterstützung zu streichen, wenn die Angebote nicht angenommen werden, fast alle WohlfahrtsempfängerInnen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Genau so müßte das Sozialhilfeproblem auch in der Bundesrepublik gehandhabt werden, rief Roland Koch, und ließ flugs eine Dienstreise zum Vor-Ort-Studium von "Wisconsin works" organisieren. Einige Tage später blies Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), der im Nebenberuf stellvertretender Parteivorsitzender der SPD ist, dieselbe Trompete: Man müsse die nicht unbeträchtliche Zahl der SozialhilfeempfängerInnen unter fünfundzwanzig Jahren verpflichten, für den Bezug der Sozialhilfe gemeinnützige Arbeit, etwa im Bereich der Altenpflege, zu leisten. SPD-Generalsekretär Müntefering dementierte diesen angeblich mit Bundeskanzler Schröder abgestimmten Vorschlag ausgesprochen dünnlippig. Sekundiert wurden Koch und Scharping zum Beispiel vom "Spiegel", der wieder einmal den berühmten alleinverdienenden Familienvater mit Frau, zwei Kindern und einem Nettolohn von 2200 DM in Feld führte, der im Einkommensvergleich mit einer voll von Sozialhilfe abhängigen gleich großen Familie deutlich den kürzeren zieht. Dieses Beispiel zeige, daß nicht etwa das Lohnniveau in bestimmten Branchen (zu) niedrig oder das Alleinverdienermodell problematisch sei, sondern: Die Sozialhilfe insbesondere für Familien (Regelsätze für Haushaltsvorstand, Ehefrau und Kinder, Übernahme von Miete und Heizkosten, einmalige Beihilfen) sei viel zu hoch, und diese Tatsache sei hart arbeitenden Familienvätern schon lange nicht mehr vermittelbar. Die Sozialhilfe müsse gekürzt bzw. dürfe nur gegen Arbeitsleistungen gewährt werden, um das Lohnabstandsgebot und damit die Gerechtigkeit zu wahren.

Armut in der Bundesrepublik hat viele charmante Seiten, obwohl hier von Armut strenggenommen nicht gesprochen werden kann, denn auch die rot-grüne Bundesregierung geht davon aus, daß Sozialhilfe nicht Armut, sondern Armutsvermeidung bedeutet. Der Charme des hier zitierten Armutsdiskurses besteht darin, daß er zu Wahlkampfzwecken eingesetzt werden kann. In zwölf Monaten wird ein neuer Bundestag gewählt, und die großen Volksparteien versuchen, sich bereits jetzt der Sympathie ihrer "Stammwähler" zu versichern. Reale Armut etwa in Familien, die bereits über mehrere Generationen von Sozialhilfe leben (müssen), von Menschen, die in bestimmten Phasen ihres Lebens wie Kindheit, Langzeiterwerbslosigkeit, im Erziehungsurlaub, nach einer gescheiterten Existenzgründung, nach dem Studium usw. Sozialhilfe beanspruchen, oder gar die Armut von Obdachlosen ist häufig wenig charmant und anziehend. Reale Armut bedeutet nicht nur chronischer Geldmangel, sondern häufig auch eine handfeste Unter- oder Nichtversorgung in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Wohnen, Ernährung, Mobilität und Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Der anschauliche Fachterminus für diese Lebenslagen heißt "gesellschaftlicher Ausschluß".

Charmant hingegen und eines großen Medienechos sicher sind Beispiele freiwilliger (materieller) Armut, insbesondere wenn sie so fundiert beschrieben und gekonnt präsentiert werden, wie Heidemarie Schwermer es tut. Die Rede ist von ihrem Anfang dieses Jahres erschienenen und vielgelesenen Buch "Das Sterntalerexperiment : Mein Leben ohne Geld". Die Autorin ist mittlerweile Ende fünfzig, hat zwei erwachsene Kinder und hat als Grundschullehrerin und Therapeutin gearbeitet. Leitmotiv für ihr soziales Engagement und ihren Weg zu ihrem jetzigen Leben ohne festen Wohnsitz und mit wenig Geld ist "das große Versprechen", das sich das "kleine traurige Flüchtlingsmädchen" bereits sehr früh gegeben hat: "Ich werde alles dafür tun, an einer schönen Welt mitzuwirken. In dieser Welt soll es keine Kriege mehr geben. Und jeder Mensch soll in Würde leben" (S. 12). Eine große Rolle auf ihrem Weg spielte auch das Erleben der "unfaßbaren Armut", die ihr in Lateinamerika begegnete. Über die Schilderung ihrer familiären, beruflichen, gesundheitlichen und der ihr sehr wichtigen spirituellen Entwicklung führt Schwermer die Leserin zum ersten Höhepunkt ihres als politisch begriffenen Wirkens - der Gründung des Tauschrings Gib- und Nimm-Zentrale 1994 in Dortmund. Erklärtes Ziel der Gründerin war es, "ohne Geld über die Runden zu kommen" (S. 52). Die scharfsinnige Schilderung des von Schwermer im Grundsatz als Erfolg gewerteten Tauschring-Experiments ist ein wichtiger Beitrag zur Praxis der Alternativwirtschaft in der Bundesrepublik. Für Schwermer persönlich ist der Tauschring aber nicht radikal genug; aus der Erfahrung, daß sich nach dem Sterntaler-Prinzip innerhalb des Tauschrings Nahrung, Bekleidung, Dienstleistungen, ein Internetzugang und Wohnmöglichkeiten "anfinden", fällt sie 1996 die Entscheidung, fortan ohne sozialversicherungspflichtigen Job, ohne Wohnung, ohne Krankenversicherung und ohne Bargeld zu leben. Die praktischen Erfahrungen dieser Jahre, die sie mit dem Hüten fremder Wohnungen, mit Putzen und mit vielen Interviews verbringt, füllen den gesamten zweiten Teil des Buches.

Heidemarie Schwermer betrachtet ihr "Leben ohne Besitz" als reich. "Ein wesentlicher Teil der Lebensqualität, die ich durch das Tauschen und Teilen gewonnen habe, sind die vielen Kontakte zu sehr unterschiedlichen Menschen" (S. 189). Sie hütet sich klugerweise davor, ihre Nichtseßhaftigkeit und den Verzicht auf Bargeld als Globalalternative und Lösung der Armutsfrage zu propagieren. Sie möchte aber sehr wohl, wie sie dem "Spiegel" sagte, das Geld ein wenig "von seinem Thron holen". Dennoch wurden von Schwermers Buch und die Autorin als Person von den deutschen Medien recht freundlich aufgenommen. Dies erklärt sich vor allem daraus, daß einige ihrer Schlußfolgerungen und Ratschläge sehr gut in die aktuellen Debatten über den "Umbau des Sozialstaates" bzw. den "aktivierenden Sozialstaat" hineinpassen. Sie dokumentiert einen Brief an den Oberbürgermeister von Dortmund, in dem sie anbietet: "Ich will Steuern zahlen, jedoch nicht mit Geld, sondern mit meinen Fähigkeiten." Sie bietet ehrenamtliche Beratungen für Sozialhilfeempfänger an und schließt: "Mir geht es darum, Eigenverantwortung und Mündigkeit, Würde und Wert des einzelnen Menschen neu zu entdecken und lebbar zu machen (S. 245)". Sie plädiert dafür, daß Obdachlose ihre Treffpunkte freiwillig selbst sauberhalten und dies nicht der Stadtreinigung überlassen. Sie spricht sich sehr klar gegen die Zwangsverpflichtung von SozialhilfeempfängerInnen zu gemeinnütziger Arbeit aus. Schwermers Plädoyer: "Freiwilligkeit, Initiative und Eigenverantwortung" (S. 247).

Diese Prinzipien haben aber im Bundessozialhilfegesetz keinen und in der aktuellen Sozialstaatsdebatte wenig Raum. Natürlich ist es richtig, daß der Haushalt des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung der mit Abstand größte Posten im Bundeshaushalt ist und daß die Sozialhilfeausgaben viele Kommunen zu strangulieren drohen. Spätestens an dieser Stelle zeigt die Armut eine weitere charmante Seite: Sie ist relativ leicht zu beschreiben, aber sehr schwierig zu bekämpfen, wenn man nicht nur auf die Finanzen und das biblische Prinzip "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" schaut, sondern auch auf Freiheit und Menschenwürde der Armen sehen möchte. Bei einer Reform der Sozialhilfe hin zu einer echten Armutsbekämpfung wären folgende Differenzierungen zu berücksichtigen, die der eingangs zitierte Koch-Scharping-Diskurs bewußt verschweigt: Das Bundessozialhilfegesetz sieht bereits seit langen vor, daß die Sozialhilfeempfangenden aktiv zur Sicherung ihres Lebensunterhalts beitragen müssen. Kürzungen der Sozialhilfe sind bereits jetzt möglich und werden in den letzten Jahren zunehmend praktiziert. Die Kommunen richten - ebenfalls zunehmend - Beschäftigungsmaßnahmen für Sozialhilfeempfangende ein, in die die Menschen unter der Androhung, die Hilfe zu streichen, zugewiesen werden. Dies hat dazu geführt, daß in den letzten Jahren die Zahl der Sozialhilfeempfangenden um 4,5 Prozent gesunken ist und daß fast alle Arbeitsfähigen in Beschäftigungs- oder Qualifizierungsmaßnahmen untergebracht sind, an deren massenhaftem Nutzen allerdings gezweifelt werden darf. Ebenfalls zu berücksichtigen ist, daß fünf bis sieben Prozent der Erwerbstätigen ergänzende Sozialhilfe beziehen, weil das Arbeitseinkommen z.B. nicht für die Miete reicht. Es liegen geeignete und ungeeignete Reformvorschläge auf dem Tisch. Zu den geeigneteren gehört die pauschalisierte Grundsicherung und die Öffnung aller Arbeitsmarktmaßnahmen für Sozialhilfeempfangende. Grundproblem ist jedoch, daß der Arbeitsmarkt nicht aufnahmefähig ist. Aber nicht nur deshalb sollte auf Zwang und Druck gegenüber den HilfeempfängerInnen künftig verzichtet werden. Eine freiheitliche Gesellschaft mit Charme ist in der Lage, zu ertragen, daß Menschen allein deshalb Geld bekommen, weil sie existieren.

Schwermer, Heidemarie: Das Sterntalerexperiment : Mein Leben ohne Geld. - München : Riemann Verl., 2001. - 254 S. - DM 38,-- (Riemann One Earth Spirit)

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