97-07-14

1. Pulle

Die Pulle geöffnet, angesetzt, zwei drei kleine Schluck, die Temperatur kühl - worauf ich sonst fast nie achte, der Stoff richtig. Die Botschaft kommt sofort an im Hirn, ein kleines, wohliges Schaudern, welches Dir signalisiert, jawohl Junge, das ist genau das, was ich von Dir hören wollte, hach, tut das gut, genau der richtige Stoff, der wohlige Auftakt für stetiges Trinken. - Jetzt, nach fünf Schlucken macht sich die Wirkung breiter im Hirn, eine klitzekleine innere Seligkeit. Es ist nicht mehr alles so ganz genau. Hier, an diesem Punkt stetig weitermachen, und Seligkeit muß irgendwann mal in Griffnähe sein. Die erste Pulle ist immer die schönste.

Aber schon die erste Unruhe. Die Pulle ist noch halbvoll, das heißt, sie ist schon halbleer. Kleine Panik, es wird langsam Zeit, an Nachschub zu denken. Es kann doch nicht angehen, den Gefühlszuwachs abbrechen zu wollen.

Eigentlich wolltest Du doch gar nicht trinken. Da hast Du (für Deine Verhältnisse) lange drüber nachgedacht. Aber was ist dieses gottverdammte Nachdenken schon gegen dieses wonnige Gefühl. Als würdest Du ein klein wenig mehr Sicherheit einatmen können. Was für ein glorreicher Selbstbetrug. Aber ist es ein Selbstbetrug, ist es nicht vielmehr ein innerer Kampf in mir, den ein Teil von mir stetig verliert. Warum kämpfe ich innerlich und vor allem, was kämpft in mir? Gefühl gegen Verstand, so einfach ist das? Grund genug, mir jetzt gleich noch Nachschub zu holen und hinter die Binde zu kippen. Ja, irgendwas in mir will heute diesen Stoff haben (also ich selbst), und dieses irgendwas ist wirklich clever und kennt viele Tricks, dies auch zu schaffen.

Ich glaube doch im Ernst nicht, daß die rationale Seite in mir, die nicht Trinken wollen will, auch nur einen Zentimeter weit hinter die Ursachen dieses Verhaltens kommt, wenn es den Teil, den es befragen müßte, erst betäuben muß.

- Gegen Ende dieser Pulle keine nennenswerten Reaktionen mehr auf die Zufuhr dieses Stoffes. Worum es nur noch zu gehen scheint, ist der stetige Nachschub von kleinen Teilen dieses Stoffes.

Dieses wohlige Matt im Kopf wird immer breiter. Mal im Kühlschrank gucken, ob noch Stoff da ist, um weiter schreiben zu können. Irgendwas ist da jetzt sehr entschieden! Nachschub, Nachschub, Dalli - Dalli!

2. Pulle

Doch, ich fühle mich jetzt besser als vorher. Gehe optimistischer durch die Gegend, nicht mehr so bock- und lustlos wie vorhin, sogar ein klein wenig euphorisch. Ja, genau in dieser Stimmung könnte ich mich entschlossen und tatkräftig ans Werk machen, sogar ein bißchen kreativ.

Nun weiß ich, daß diese Stimmung umschlägt oder auch, daß ich gelegentlich sogar trotz Alk erst gar nicht in die Stimmung komme, sondern lustlos alte Zeitungen lese, alte Platten höre und mich in irgend etwas verkrame oder Frust schiebe. Oder angesoffen zu wichtigen Terminen gehe, wo ich in dem Zustand sicherlich nicht mehr die Leistung bringe, die notwendig oder möglich wäre.

- Es schmeckt auch schon gar nicht mehr. An diesem Punkt sollte ich aufhören. Ich bin jetzt in dem Zustand einer Waage, das Verhältnis Kopf und Bauch ist ausgeglichen. Faire Partner. Das Kräfteverhältnis stimmt nicht. Die eine Seite scheint den Stoff zu brauchen, um nicht stetig gegen den anderen unterlegen zu sein. Alkohol als Ballancemittel, leider ein sehr einseitiges Mittel, weil es ständig in der Niederlage meines Kopfes (Hä) endet. Ein sehr bedeutsamer Fehler. Alkohol ist demnach nicht der Feind meines Kopfessondern der Feind meines Gefühls, welches nur scheinbar freier wird.

Mein Kopf kontrolliert jedesmal nach, was ich im trunkenem Zustand geschrieben, gesagt und vereinbart habe. Er kann es nur immer weniger, weil ich immer mehr trinkt. Versuchte Schadensbegrenzung, wenn der Einsatz von Alk anderen Wertigkeiten widerspricht: Verschlafen, lange auspennen, verminderte Leistungsfähigkeit usw. Manchmal sogar: Ins Bett pinkeln!

Pause, leichte Erschöpfung, Schuhe ausziehen. Alkohol ist ein Mittel meines Kopfes! Zeitlebens hat mein Verstand mein Gefühl beherrscht. Zeitlebens habe ich den Aufstand meiner Gefühle durch Alkohol bekämpft. Je länger ich mit Alkohol dagegen kämpfe, desto schlechter sehe ich aus, desto schlechter sieht meine Bilanz aus.

Innerpsychischer Demokratieprozess. Haha. Mein Hirn bestimmt alles. Gefühle rauslassen. Meine Gefühle suchen sich ihren Weg, und je drängender sie dies tun, desto härter bin ich am Trinken. Die Trinkerpausen sind lediglich vom Kopf erzwungene Geschichten, weil der Krieg gegen die Gefühle bis an die Substanz geht und die Selbsterhaltung des Kopfes notwendig ist. Die Ersatzstrategie in Trinkerpausen ist Arbeit, Arbeit, Arbeit, nochmals Arbeit, um durch die Sperre Arbeit für das Gefühl keinen Raum zu haben.

Fast schon Ende der zweiten Pulle.

Viele haben mir gesagt, daß ich durch Körpersprache alles zeige - nur wer versteht es wirklich und nimmt es als Anlaß dafür, mit mir zu reden? Mein Weg, mit dem ich das, was mir auf der Seele brennt, rauslassen kann.

Ich bin rückfällig geworden, weil ich nicht gesprochen habe.

3. Pulle

Morgen wird Iris zurecht böse sein, weil sie ausgeschlafen um 9:00 Uhr auf der Matte steht und ich meinen Rausch ausschlafe bis nachmittags. Herb schmeckt sie nur noch, herb, die dritte Pulle. Ich bin nicht mehr in der Lage, klar zu denken.

Meine Gefühle rauslassen! Aber wie soll das gehen, wenn diese ständig besoffen sind! Meine Gefühle sind besoffen - und damit unter Spezialkontrolle des Gehirnes gestellt. Ich lasse meine Gefühle gar nicht raus, wenn sie besoffen sind, ich umgrenze sie nur anders. Ich versuche sie dadurch im Zaum zu halten.

Wie wäre ich, wie wäre der Robert, wenn er seine Gefühle rauslassen würde? Robert wäre sprunghafter, weil er nicht mehr (immer) aus rationalen Gründen ein Ding zuende machen würde, wenn er daran nicht mehr glaubt. Er wäre unzuverlässiger, weil er nicht aus Pflichtgefühl (falsches Wort, es müßte eher heißen: Pflichtverstand) Termine wahrnehmen würde. Es wäre noch direkter, noch klarer, aber er würde mehr Feinde haben, weil er schneller als die anderen die Dinge auf den Punkt bringt - meist oder häufig subjektiv, sehr persönlich. Ein solcher Robert wäre weniger politikfähig, oder gerade deswegen politikfähig, weil ihn Strukturen und Formalitäten nicht mehr so belasten würden. - Das ließe sich endlos aufzählen und abwägen. Ich glaube, das Hauptproblem von Robert ist, daß er sich nicht traut, so zu sein, wie er sein könnte. Oder viel besser, daß er sich nicht traut, so zu sein, wie er ist. Robert ist nicht so, wie er ist, und deswegen säuft er.

Was hindert Robert daran, so zu sein, wie er ist? Der rationale Teil antwortet sofort: Weil die gesellschaftlichen Verhältnisse so sind, wie sie sind. (Haha!) Und selbst, wenn Robert auf sich selbst und seine eigenen Kräften bestehen würde, er würde sagen, die gesellschaftlichen Verhältnisse legen diese Verhaltensweise des Saufens nahe, oder sogar, sie erzwingen sie fast mit Notwendigkeit. (Haha!)

Robert wäre sehr viel freier, wenn er sich davon freimachen würde und in einem seelischen und emotionalen Gleichgewicht leben würde. Hier beißt sich die Katze in den Zwang. Robert ist Wanderer zwischen den Welten, und deswegen trinkt er. Robert will Trinker sein. Wer oder was spricht jetzt aus mir? Will ich damit sagen, ich will an diesem Konflikt scheitern - zu Grunde gehen? - Ja!

Das schlimme scheint zu sein: Es gibt für einen Alkoholiker nicht: Ein bißchen Trinken! Aber kann es nicht sein, so frohlockt nun eine wiederum andere Seite von mir, daß, sobald ich meine Kopf - Hirn - Probleme gelöst habe oder haben sollte, wieder normal trinken kann - mal bei Gelegenheit und dann mal wieder nicht?

In der Tat: Es gibt für einen Alkoholiker nicht: Ein bißchen Trinken! Aber bin ich - nach dem, was ich oben geschrieben habe - ein Alkoholiker? Bin ich nicht vielmehr ein Mensch, der mit seinen Gefühlen nicht klarkommt? Oder ist auch das schon wieder ein Form der Selbsttäuschung?

Noch eine Pulle. Viel, und zugleich doch wenig. Für einen Trinker. Für einen Alkoholiker. Also doch!

4. Pulle

Fünfte Pulle wohl, nein vierte!

Wer bin ich, was bin ich, wo will ich hin? Keine Aussage möglich!  Drehe ich mich im Kreis? Ich glaube schon. Wohin geht der Weg? Weiter trinken - das wäre mein vorzeitiges und sicheres Ende. Dahin will ich nicht! Keinen Mittelweg? Ein bißchen Trinken? Warum halte ich mich daran so fest? Die Tiefe des Rausches führt ihr eigenes Leben, hat eine eigene Regie. Wieweit bin ich noch ich selbst? Ich weiß nicht mehr weiter!

5. Pulle

Ich will nur noch Musik hören, trinken, die Pulle zu Ende trinken und dann ins Bett gehen. Ich möchte, daß alles so bleibt wie es ist und daß sich alle unangenehmen Dinge von alleine erledigen. Ich bin wahrscheinlich wieder voll und ganz im Selbstbeschiß-Programm. Alles ist so matschig, so unklar, ich will mich nicht durchringen, nicht Position beziehen. Alles ist so unklar!

Saufen und das Leben geht weiter?!?!?!?!? Ich habe Angst. Nichts geht so weiter. Ich forciere damit Entscheidungen, aber welche Entscheidungen? Wo will ich hin? Immerzu mehr Fragen als Antworten!

Nachsatz

Obige Aufzeichnungen datieren vom 14. Juli 1997. Im Mai 1999 hat Robert mit dem Saufen aufgehört. Seitdem arbeitet er daran, nüchtern zu werden.

Robert Thiel

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