Vorbemerkung (2014): Dieser Text von mir, der wahrscheinlich im Jahr 1994 entstanden ist, ist vor allem deshalb aus heutiger Sicht sehr interessant, weil er zum einen die Bedeutung des Computers betont, zum anderen aber das uns heute geläufige world wide web völlig ausblendet. Aus einem einfachen Grund: Das gab damals noch nicht. Oder, um genau zu sein, es gab es nur in den Anfängen. Und dennoch betont der Text die Möglichkeiten, die der Computer als programmierbare Maschine auch wohnungslosen Menschen bieten kann. So weit ich mich erinnere, wurde dieser Text auch seinerzeit im mob-magazin veröffentlicht, aber es gab kaum eine Resonanz. Und die ersten ausrangierten Laptops, die uns angeboten wurden, waren mehr oder weniger schrottreif, auch für unsere Zwecke. Heute, zwanzig Jahre später, sind es nicht wenige Wohnungslose, die bereits Internet-sozialisiert sind und mit dem IPhone den Kontakt zur Welt halten. Dass es mit Hilfe des Computers möglich ist, die eigene Wohnungslosigkeit zu überwinden, ist die eine Sache, dass trotz [und zum Teil auch mit dem] Computer Wohnungsnot nach wie vor hergestellt wird, die andere.

Berlin, 06.09.2014

Stefan Schneider


1. Die Story:

Eines schönen Tages saßen wir alle in den Räumen der Redaktion und redeten über unsere Arbeitsplanung: Wer was in Zukunft machen will und machen wird. Einer saß am Computer, verfolgte die Diskussion, tippte die Ergebnisse ein, die wir vereinbart hatten. Und dann konnte er sagen, bevor sie auseinandergingen: "Hier, ich drucke sie aus, die Ergebnisse unserer Besprechung!" Großes Erstaunen. "Und deswegen ist es wichtig, da§ wir möglichst alle lernen, mit dieser Kiste umzugehen. Diese Maschine ermöglicht uns, die Produkte un­serer Arbeit sofort in Ergebnisse umzusetzen..." Natürlich könne man Texte für die nächste mob handschriftlich auf ein Papier schreiben oder in die Schreibmaschine hacken, trotzdem muß es in den Computer übertragen werden, weil am Computer wird auch die Zeitungsge­staltung (das Lay-Out) erarbeitet. Und selbst wenn es darum geht, Einladungen zu schrei­ben, Presseerklärungen zu formulieren, immer ist der Computer von Vorteil, weil Kor­rekturen möglich sind (nichts von wegen Tipp-Ex oder neue Seite einspannen), und weil man sofort ausdrucken kann, auch in größeren Mengen. (Faxen und Datenübertragung per Computer, eigene Lay-out-Gestaltung ist noch Zukunftsmusik, aber das wird kommen!).
Überraschend war die Reaktion auf diese Bemerkung. Einen Tag später rief S. an und sagte, er hätte die Kiste angeschmissen und wolle nun wissen, wie weiter. Via Telefon erhielt er die wichtigsten Instruktionen. Programme, Dokumente öffnen und schließen, das Bewegen zwischen den Ebenen, das Erstellen, Speichern und Drucken eigener Dokumente. Überra­schend war die schnelle Auffassungsgabe. Er war nicht der einzige. Später, bei verschiedenen Gelegenheiten, kam die Einführung in bestimmte Tricks und Kniffe dazu. Das ergab sich so beim gemeinsamen Sichten, Bearbeiten, Formulieren, Korrigieren und Schreiben der Texte. Einige hatten etwas größere Schwierigkeiten, waren an die Schreibmaschine gewöhnt und hatten Umstellungsschwierigkeiten, Texte am Computer zu erstellen.
Und inzwischen fangen wir an, Texte am Computer zu erfassen und zu erstellen, damit wir damit arbeiten können und eine Grundlage haben für die nächsten Ausgaben an Texten, Ge­dichten und Beiträgen.
Fazit der Entwicklung: Der Computer wird nicht mehr als feindliche Technik erlebt, deren Beherrschung wenigen Auserwählten vorbehalten war, die in das Mysterium eingeweiht waren - "Was machen die da bloß geheimnisvolles?" - sondern wird als nützliches, sinn­volles und zweckmäßiges Arbeitsinstrument erlebt und begriffen, wenn auch hier und da verschiedene Schwierigkeiten auftauchten: "Verdammt noch mal, wo ist denn der Text, den ich geschrieben habe?" - "Scheiße, warum druckt der das jetzt nicht?" und alles erdenk­liche mehr. Aber es gab auch mehr als genug Erfolgserlebnisse: "Aha, wenn mein Artikel jetzt in die neue Ausgabe soll, muß ich ihn in den Ordner Novembermob kopieren?" - "Ge­nau, so ist es!"

2. Die Überlegung:

Wenn wohnungslose Menschen anfangen, sich mit dem Computer zu befassen und an ihm zu arbeiten, dann deshalb, weil sie seine Vorteile verstehen und zu nutzen wissen. Sie eignen sich damit eine Kompetenz an, die in der Welt ebenso wichtig und bedeutsam ist, wie die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können. Im Unterschied zu den konventionellen Konzepten sozialer Arbeit mit Wohnungslosen, die darauf zielen, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu tun haben (geregelte Arbeit, geregeltes Einkommen, Mietvertrag, Einbindung in die Normalität), bleibt es den Wohnungslosen selbst überlassen, was sie mit dieser Kompetenz anfangen. Sie können dieses Medium nutzen, um Texte zu schreiben für die Zeitung, sie können damit Einladungen und Pressemitteilungen verbreiten, sie können sich autodidaktisch oder mit Hilfe von Lehrbüchern oder Experten in spezielle Programme einarbeiten und damit irgendetwas realisieren, sie können ihre Computerkenntnisse einbringen und darstellen in Bewerbungsgesprächen bei der Arbeitssuche, sie können versuchen, sich damit selbst­ständig zu machen, sie können Kontakte herstellen zu Freunden, Verwandten, Bekannten, Firmen und Institutionen, sie können arbeiten an einem bundesweiten oder internationalen Netzwerk der Obdachlosen(zeitungen), sie können Informationen und Einladungen austau­schen oder organisieren, sie können Zeitungen oder andere Produkte produzieren, sie können sich selbst weiterbilden und vor allem: sie haben Erfolgserlebnissse, und sie können selbst darüber bestimmen.
Einiges von dem, was hier beschrieben ist, ist mit Sicherheit Zukunftsmusik, anderes ist bereits jetzt schon Realität. Der entscheidende Vorteil des Computers als dem dominierenden Medium unserer Epoche überhaupt, liegt darin, da§ damit keine Festlegung auf bestimmte Ziele, Inhalte, Konventionen, Muster, Werte und Normen gegeben ist. Jede und jeder kann den Computer so nutzen, wie er oder sie will. Und genau aus diesem Grund ist es so un­glaublich wichtig, gerade den Wohnungslosen den Zugang zu dieser Kultur des Computerns zu ermög­lichen. Ansonsten entsteht eine fatale Situation, wie zu Beginn der Einführung der Schrift­sprache: Eine tiefgreifende Spaltung in die Gruppe derer, die diese Technik beherr­schen und denjenigen, die das nicht beherrschen und davon ausgeschlossen sind und bleiben. Eine bru­tale Herrschaftstechnik! Computerfreaks und Computeranalfabeten? Insbesondere die Wohnungslosen sollten nicht auf der Seite der Ausgegrenzten stehen, sondern im Gegen­teil: Gerade an der Frage, ob und wieweit wohnungslosen und armen Mitbürgern die Teilhabe an dieser Technik ermöglicht wird, wird entschieden, ob diese Gesellschaft auseinander­bricht, gespalten wird oder ob sozialer Friede, Entwicklung und gemeinsame globale Zukunft für alle denkbar und möglich sind.

3. Die Konsequenzen:

Wir, das Projekt "mob - obdachlose machen mobil e.V. in Gründung", arbeiten zur Zeit mit zwei (relativ langsamen) MacIntosh-Geräten und einem Drucker. Wir können für unsere weitere Arbeit, deshalb dieser dringende Aufruf, gut als Spende gebrauchen:

  • weitere MacIntosh-Geräte für unsere wohnungslosen Autoren als Übungs-, Schreib- und Arbeitsgeräte,
  • einen oder mehrere Laptops (MacIntosh-Powerbooks) für die redaktionelle Au§enarbeit,
  • einen kompatiblen Scanner zum Erfassen von Texten und Fotos mit entsprechender Software,
  • ein (schnelles) Faxmodem (mit entsprechend einfacher Software) zum Verbreiten und Empfangen unserer Daten und Informationen,
  • entsprechende Kabel und Software zur Vernetzung,
  • relevante Software für die tagtägliche Arbeit (Programme zum Erstellen von Texten (word 5 oder 6), Abrechnungen, Terminplanung, Grafik, Bilder, Lay-Out, Faxen und Scannen, interne, nationale und internationale Vernetzung),
  • sowie last but not least,
  • Menschen, die Lust und Willens sind, unseren (hauptsächlich wohnungslosen) Mitar­beitern entsprechende Einführungen und Intensiv-Schulungen zu geben und evtl. für Rückfragen zur Verfügung zu stehen.

4. Die Resultate (Die Moral von der Geschicht):

Als Gegenleistung können wir im Augenblick wenig bieten: Ein staunendes "Dankeschön", eine Spendenquitttung, eine Erwähnung oder einen Beitrag in der nächsten Ausgabe, eine (kostenfreie?) Werbeanzeige, einen Erfahrungsbericht. Vielleicht anders herum: Wir alle sind flexibel, bereit zu lernen und begeisterungsfähig. Ist das etwa nichts? Und was dann sein wird und was sich daraus ergeben kann, wer vermag das jetzt schon zu sagen? Im Zuge dieses Zeitungsprojekts ist deutlich geworden: Menschen, die bisher passiv in den Woh­nungsloseneinrichtungen saßen, sich mit Suppe und Söckchen verpflegen ließen und anson­sten den Tag abwarteten, waren willens, in der Lage und durchaus motiviert, aus sich heraus zu gehen, sich öffentlich zu Outen, zu sagen, "Jawohl, ich bin obdachlos!", auf der Stra§e selbstbewußt die mob zu verkaufen, "Ich identifiziere mich mit diesem Produkt!", Ver­kaufs­stände, Lesungen, den Vertrieb zu organisieren, Texte und Beiträge zu schreiben, Verant­wortung zu übernehmen. Das alles war durchaus nie gradlinig, sondern in der Regel mühe­sam und brüchig, verbunden mit Frust, Rückschlägen und Aussetzern, aber trotz alle­dem: Wir sind gerade mal am Anfang. Oder, wie Heiko André Meyer es sagen würde: "Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie!" In diesem Sinne, Computer und Wohnungslose - so ein Quatsch oder was?

Stefan Schneider

Joomla templates by a4joomla