jW sprach mit Mit-Herausgeber Stefan Schneider

(Am heutigen Montag erscheint die erste bundesweite Obdachlosenzeitung. Stefan Schneider ist Vorsitzender von "Obdachlose machen mobil" e.V., einem der Herausgebervereine)

F: In der Bundesrepublik gibt es mittlerweile um die 40 Obdachlosenzeitungen. Jetzt endlich: "Die Strassenzeitung" - wurde auch Zeit, was?

Es gibt weniger Zeitungen von Obdachlosen, als man denkt, eine Handvoll vielleicht. Die meisten Blätter werden von Obdachlosen nur verkauft.

Für die Zeitungsmacher mit dem angeblich professionellen Anspruch sind und bleiben die Obdachlosen nur Statisten, denen, wenn überhaupt, nur die Rubrik "Verkäuferseiten" reserviert ist. Selbst beim Verkaufen werden sie von sogenannten Betreuern reglementiert und beaufsichtigt. Bei uns ist es - im Idealfall - genau umgekehrt: Obdachlose bestimmen, was Sache ist. Journalisten und Sozialarbeiter werden im Bedarfsfall von ihnen eingestellt - und eben auch gefeuert, wenn sie nichts taugen.

F: Der bislang von Ihnen herausgegebene "Strassenfeger" wird zum Jahresende eingestellt.

Den alten "Strassenfeger" gibt es schon lange nicht mehr. Seit einem Jahr erscheinen wir überregional, gemeinsam mit dem hessischen "Looser". Allerdings haben wir es nie geschafft, eine neue Identität zu finden. Wie auch? Mit diesem Doppelnamen. Looser/Strassenfeger war immer die Zeitung aus Berlin mit Artikeln aus dem Odenwald.

F: Warum bleibt es nicht dabei?

Inzwischen haben sich uns noch weitere Betroffenengruppen angeschlossen, aus Bremen, Tübingen, Essen und nicht zu vergessen Darmstadt. Alle wollen ihre eigenen Seiten haben, was ja auch okay ist. Nur sollte eine bundesweite Zeitung nicht aus der Summe von Lokalseiten bestehen. Es war an der Zeit, völlig umzudenken.

F: Warum nun aber der neue Name? Strassenfeger hätte es doch auch getan.

Unser unabhängiges Vertriebssystem gibt uns manche Freiheit. Wir verlieren keine Abos.

F: Ist dieses Vertriebssystem, wie Sie es nennen, nicht einfach nur die marktwirtschaftliche Variante des Bettelns?

Daß bei uns gebettelt wird, will ich gar nicht bestreiten. Ich selbst habe schon unser Blatt verkauft, wenn Sie so wollen: gebettelt. Und ich kann nur sagen, das ist Schwerstarbeit. Leider verkauft man mehr sich selbst dabei als die Zeitung.

F: Liegt das vielleicht am Inhalt?

Ich denke kaum. Die Themen der ersten Strassenzeitung reichen von Rosa Luxemburg bis Frank Zander. Das Problem ist doch ein anderes: Obdachlose sind für die bürgerliche Gesellschaft ein optisches Problem. Und als Strassenzeitung werden wir das auch bleiben - mitten in der City!

F: Was passiert mit dem Geld?

Die eine Mark verdient der Verkäufer. Die andere Mark geht an die gemeinnützigen Vereine. Damit finanzieren wir die Produktionskosten. Der Rest kommt wieder direkt Obdachlosen zugute, sei es als Artikelhonorare oder Mieten für Notübernachtungen und Wohnprojekte.

Interview: Karsten Krampitz

Quelle: junge Welt

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