"Strassenzeitung" - das erste bundesweite Obdachlosenmagazin

"Schönen guten Tag, ich verkaufe hier die aktuelle Egal was drin steht. Von jeder Egal was drin steht verdiene ich eine Mark, die andere Mark geht an die Projekte."

In Berlin mag dieser Spruch, in anderer Form freilich, aller Orten zu hören sein, ganz besonders in den U- und S-Bahnen. Seit 1994 die erste Obdachlosenzeitung ins Leben gerufen wurde, gehören die Blätter zum öffentlichen Bild. Nicht gerade akzeptiert, gleichwohl aber geduldet. In anderen Großstädten (Frankfurt am Main, Leipzig oder München usw.) sieht es da schon anders aus. Die Vertreibung aus der Stadtmitte durch Polizei und private Sicherheitsdienste ging an den Straßenmagazinen nicht spurlos vorüber. Beinahe alle Blätter beklagen Auflagenrückgänge.

Mit dem 28. Dezember erscheint nun das erste bundesweite Obdachlosenmagazin - die Strassenzeitung. Ganz oben auf dem Programm steht: verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Eigens dafür haben sich Betroffenengruppen aus Bremen, Tübingen und Essen zusammengeschlossen, gemeinsam mit dem hessischen "Looser" und dem Berliner "Strassenfeger". Die monatliche Auflage belöuft sich auf rund 60.000, hinzu kommt die Berliner Lokalausgabe mit 30.000. - Wenn man bedenkt, wie wenig davon ein einzelner Verkäufer am Tag loswird, so verrät die Auflagenhöhe einiges über die Verbreitung und die Anzahl der Mitstreiter.

Im Unterschied zu den meisten anderen Gazetten der Unbedachten, seien es "Asphalt" in Hannover oder "Biss" in München, hat die "Strassenzeitung" nicht viel mit den Wohlfahrtsverbänden zu tun. Als bekennendes Pennerblatt will man nicht nur inhaltlich eigene Wege gehen. Unter den Akteuren stellen Obdachlose und Leute, die früher auf der Straße gelebt haben, die überwiegende Mehrheit. - Und das auf allen Ebenen: in Redaktion und in der Geschäftsführung.

Der Neugründung ging ein Probejahr voraus, in dem Looser und Strassenfeger monatlich gemeinsame Ausgaben erstellten.

Bereits in der ersten überregionalen Ausgabe fanden sich - frei nach dem Motto der Bremer Stadtmusikanten: "Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal!" - Interviews mit Inge Meysel und Inge Viett, der ehemaligen RAF-Aktivistin. Extreme, die keine Seltenheit blieben. So gesellten sich unter die Autoren der letzten Oktoberausgabe u.a. Hermann Kant, ehemaliger Prösident des DDR-Schriftstellerverbandes, und Wolfgang Rüddenklau, Oppositioneller aus der Umweltbibliothek Berlin-Prenzlauer Berg. Gerade in der Mischung mit den obdachlosen Autoren sieht Mitherausgeber Stefan Schneider "die Chance". Angenommen, alle regelmäßigen, nicht obdachlosen Schreiber würden donnerstags die Schreibwerkstatt aufsuchen, (ausgenommen natürlich Hermann Kant, da blieb es bei der Premiere), die Redaktion der Strassenzeitung käme auf etwa dreißig Jahre Knast und Psychiatrie. Genauso aber auch auf drei Promotionen und mindestens zwölf Buchveröffentlichungen. Ein Potential, das kein anderes Straßenmagazin vereint.

Verständlich, daß sich das neue Blatt bei den alten Sozialarbeiterpostillen nicht gerade großer Beliebtheit erfreut. "Die Straße" in Solingen klärte ihre Leser bereits auf: "Trittbrettfahrer und faule Eier". Birgit Müller-Clasen aus Hamburg, Chefredakteurin von "Hinz & Kunzt", befürchtet gar, anderen Zeitungen werde die Existenz abgesprochen. Am weitesten herausgewagt aber hat sich bislang "TrottWar" in Stuttgart. Während man dort gern auf Autoren der jetzigen "Strassenzeitung" zurückgriff, scheuten sich die Aktivisten nicht, im nahegelegenen Ulm die Polizei auf vermutlich illegale, weil ausländische Verkäufer des Looser/Strassenfeger zu hetzen.

In Sachen Presse von der Platte dürfte es im neuen Jahr spannend werden, besonders in Berlin, wo sich der Wettbewerb seit geraumer Zeit zuspitzt. Einstweilen knallten bei der "motz" schon mal die Sektkorken. Mit Einstellung des "Strassenfegers", heißt es in deren aktueller Ausgabe, sei man "das einzige existierende Berliner Straßenmagazin". - Wenn sich die Journalisten da mal nicht irren.

Karsten Krampitz

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