Warum Privatpersonen keine Lebensmittelspenden für Bedürftige loswerden dürfen / "Bremer Tafel" und Bahnhofsmission sind darum stark auf Spenden angewiesen

50 Lunchpakete hatte Stephanie Hoberg nach einer großen Firmenpräsentation übrig. 50 Lunchpakete, morgens frisch verpackt, beladen mit "Sandwiches, Obst und diversen anderen Sachen". Abends um 22 Uhr, so schreibt sie in einem Leserbrief an die Obdachlosenzeitung "Straßenfeger", hätten sich Kollegen aufgemacht, um der Bremer Bahnhofsmission das übriggebliebene Essen anzubieten. Doch die Essensüberbringer blitzten an dem kleinen Häuschen auf Gleis 1 ab. Ohne das Essen zu begutachten, so Hoberg, sei man weggeschickt worden. "Wie lästige Staubsaugervertreter mußten meine Kollegen wieder abziehen."

Bei der Konkurrenz versteht man die Ablehnung nicht ganz. Die "Bremer Tafel" wurde vor drei Jahren gegründet, um Obdachlose mit gespendeten Lebensmitteln zu versorgen. Damit ist sie der größte Abnehmer von gespendeten Lebensmitteln in Bremen. Zwischen 80 und 200 Menschen kann der hauptsächlich mit ehrenamtlichen Mitarbeitern arbeitende Verein so Tag für Tag versorgen. Ohne die Spenden hätte die Tafel nichts, was an die Obdachlosen ausgegeben werden kann. "Wenn uns das angeboten worden wäre und das Essen frisch war, hätten wir die Lebensmittel sicherlich abgeholt", sagt Mitarbeiter Dirk Riewe. Täglich fahren er und seine Kollegen die großen Supermarktketten in Bremen ab, um nicht mehr verkaufswürdige Lebensmittel für die Tafel zu organisieren.

Eine entscheidende Einschränkung macht Riewe, was die Annahme von Lebensmitteln angeht: "Von Privatpersonen nehmen wir grundsätzlich nichts". Höchstens Dosen und Konserven. Ein Gutmensch, der für Obdachlose kocht und mit dem gespendeten Riesentopf Spaghetti ankäme, müßte abgewiesen werden. "Da bekämen wir Probleme mit dem Gesundheitsamt". Schließlich sei bei Privatpersonen nicht klar, wie hygienisch die kochenden Hände gearbeitet hätten. Bei großen Lebensmittelketten sei das natürlich anders. Firmen, die Lebensmittel abgeben, müssen zu einer strengen Eigenkontrolle und einer Schulung der Mitarbeiter bereit sein. Geregelt wird das Verfahren seit Januar 1997 in einer Bundesverordnung.

Daß es in der "Bremer Tafel" noch nie zu einem "Hygieneunfall" gekommen ist, daß sich also noch nie jemand den Magen verdorben hat, führt man bei der Hilfsorganisation auch auf die restriktive Annahmepolitik zurück. Es käme recht häufig vor, daß Privatmenschen anrufen und Lebensmittel abgeben wollen, berichtet auch der erste Vorsitzende der Bremer Tafel, Oskar Splettstäßer. Aber zusammen mit dem Gesundheitsamt habe man sich darauf geeinigt, solche Menschen abzuweisen.

Die Bahnhofsmission hat mehr Spielraum bei der Annahme von Lebensmitteln, wie die Chefin der Bremer Bahnhofsmission, Hella Wilkening, einräumt. "Es hängt von dem einzelnen Kollegen ab, ob er die Lebensmittel annimmt oder nicht." Da direkte Lebensmittelspenden von Privatpersonen ohnehin eher selten kämen, stelle sich die Frage aber kaum. Auch die Bahnhofsmission bezieht ihre Spenden hauptsächlich von Geschäftsleuten. Ablehnungsgründe sind eher, daß die Tiefkühltruhe und der Kühlschrank bereits voll sind oder das Essen offensichtlich verdorben ist. Was mit den Lunch-Paketen des Catoring-Dienstes geschehen ist, kann sich Wilkening auch nicht so recht erklŠren. "Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist". Spenden sind willkommen, nicht nur zur Weihnachtszeit.

Christoph Dowe

TAZ-BREMEN Nr. 5709 vom 11.12.1998 Seite 24 Schlagseite 108 Zeilen

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