Ein "Bündnis gegen Vertreibung" ruft zum zivilen Ungehorsam auf dem Helmholtzplatz auf

Stefan Strauss

Es könnte ein großes Saufgelage werden, schließlich sind alle herzlich eingeladen, sich gezielt zu betrinken. Ein "Bündnis gegen Vertreibung" hat ein öffentliches Bekenntnis zum Alkoholkonsum ausgerufen. Aber nicht irgendwo in der Stadt, sondern auf dem Helmholtzplatz. "Ich bin Trinker, und das ist auch gut so!", lautet das Motto, unter dem mehrere Gruppen heute Abend im Park zwischen Lychener- und Dunckerstraße zu Freibier, wildem Grillen und einem Wettstreit im Pöbeln einladen. Die Initiatoren wollen damit gegen die "Vertreibung der Trinker vom frisch sanierten Helmholtzplatz" protestieren, heißt es in einem Flugblatt.

Vor der Eröffnung des neu gestalteten Helmholtzplatzes am 13. Juli war die Polizei mit beinahe täglichen Kontrollen gegen Trinker, Obdachlose und Punks vorgegangen, die sich dort aufhielten. Die Kontrollierten erhielten Platzverweise. Begründet wurden diese mit Verstößen gegen das Berliner Straßen- und das Berliner Grünanlagengesetz. Danach ist das Trinken von Alkohol auf öffentlichen Straßen grundsätzlich verboten.

Genau diese gesetzliche Regelung wollen die Unterstützer der Trinkerszene vom Helmholtzplatz am heutigen Abend bewusst ignorieren und so die Polizei provozieren. "Es ist ein Aufruf zum zivilen Ungehorsam", sagt Werner Kraus, der Sprecher der Initiative. "Wir wollen den Konflikt um den Helmholtzplatz transparent machen und so die Debatte zuspitzen."

Von diesem Vorhaben ist Polizeihauptkommissar Günter Ellermann gar nicht begeistert. "Im Moment gibt es eigentlich keinen Grund, auf dem Helmholtzplatz mit Polizeigewalt einzuschreiten", sagt der zuständige Dientsgruppenleiter im Abschnitt 76. Das sehen die Trinker ebenso: Die Lage habe sich entspannt, meinen sie. Von ihnen gibt es mittlerweile weniger auf dem "Helmi". Einige stehen jetzt mit ihren Hunden vor den Allee Arkaden an der Schönhauser Allee, andere haben sich in den Thälmann-Park verzogen. Wer jetzt noch auf dem Helmholtzplatz sitzt, wirft seine leere Büchse vorschriftsmäßig in den Müllsack und benutzt die ganztags geöffnete Toilette im Platzhaus. Polizeihauptkommissar Ellermann glaubt, dass die Trinker von Leuten instrumentalisiert werden, die aus dem Helmholtzplatz ein Politikum machen wollten. "Auf diese Provokation werden wir uns vorbereiten", sagt er.

Betroffene sind nicht informiert

Organisiert wird die Aktion von den Jungdemokraten, von Mitgliedern der Betroffenenvertretung und des Kiezladens in der Dunckerstraße sowie von der "Kirche von unten". "Ohne unsere Unterstützung wären die Trinker längst vertrieben worden", sagt Werner Kraus, der einen dauerhaften Platz für die Betroffenen fordert.

Auch die Redaktion des Obdachlosenprojektes "Straßenzeitung" steht als Unterzeichner unter dem Aufruf. Mitherausgeber Stefan Schneider spricht im Hinblick auf die Polizei-Aktionen der letzten Wochen von "Sozialkosmetik": "Die Trinker vom Helmholtzplatz kann man nicht vertreiben, die gehören einfach in diesen Kiez", sagt er.

Dass es heute Abend Freibier geben soll, wissen die meisten Trinker gar nicht. "Freibier ab 20 Uhr?" fragt einer von ihnen. "Das ist doch viel zu spät, so ein Quatsch."

"Die Polizei-Aktionen sind Sozial-Kosmetik." - St. Schneider "Straßenzeitung" BERLINER ZEITUNG/RICHARD GABRIEL

Treffpunkt Helmholtzplatz - wer hierher kommt, trinkt normalerweise Bier. Nun aber herrscht Alkoholverbot.

Quelle: www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0724/berlin/0207/index.html

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