Vorbemerkung: Obgleich im Text nicht ausdrücklich erwähnt, ist Jan Markowski seit vielen Jahren regelmässiger Autor beim strassenfeger, seit dem Jahr 2007 auch Mitglied des Vereins mob - obdachlose machen mobil e.V. und vor allem Macher der 14tägigen okb-Sendung strassenfeger - die Sendung mit dem Aufzug. Aus diesen Gründen gehört ein Portrait von Jan Markowski unbedingt in diese Rubrik.
Berlin, 10.03.2008, Stefan Schneider


Frei von Zwängen

Von der DDR-Opposition in die deutsche Armut: das bewegte Leben des Berliner Obdachlosen Jan Markowsky

Erik Heier

BERLIN. Es ist Freitagabend, als Jan Markowsky in einem Laden im Wedding Stühle und Tische beiseite schiebt. "Unter Druck. Kultur von der Straße e.V." steht auf einem Holzschild über der Tür. Martina, Ulla, Horst und Thommy schauen Markowsky zu. Der Jüngste von ihnen ist fünfundvierzig Jahre alt, die Älteste achtundsechzig. Die Theatergruppe des Vereins probt ihr neues Stück, eine zeitgenössische Version von "Hänsel und Gretel". Ein landloser Bauer aus Mecklenburg und eine entlassene Kantinenwirtin aus Helmstedt suchen ihr Glück, das heißt einen neuen Job. Grimms Märchen im Hartz-IV-Deutschland.

Den Investor, auf den sich die Hoffnungen richten, spielt Horst. Er setzt eine Krone auf, posiert damit vor Ulla, die beiden glucksen wie zwei alt gewordene Kinder. Horsts Sporthose und das alte T-Shirt sind noch nicht bühnenreif. Seine dürftige Mimik ebenso wenig.

Markowsky schüttelt den Kopf, schickt ihn auf das Sofa, spielt die Szene vor. Wie er sie sich vorstellt. Er prüft die Finger von Hänsel und Gretel. "Immer noch zu fett!" Dann rümpft er die Nase, furcht die Augenbrauen. Horst kratzt sich am Kopf, auf dem immer noch die Krone sitzt. "Nicht schlecht, Jan. Gefällt mir. Dafür üben wa ja."

Zum Obdachlosentheater ist Jan Markowsky gekommen, als er selbst erst wenige Monate auf der Straße lebte. Anfangs wollte er lediglich zuschauen. Dann machte er mit.

Mittlerweile sitzt er im Vereinsvorstand, ehrenamtlich. Er sammelt Lebensmittelspenden, arbeitet in Zirkeln über Wohnungsnot, geht zu Sozialausschüssen.

Manchmal trifft man ihn bei Veranstaltungen über Obdachlosigkeit. Dort sucht er sich einen Platz ganz hinten. Dann sitzt er still auf dem Stuhl, konzentriert, stets sauber gekleidet, einen kleinen Rucksack an sich gepresst. Eine Randgestalt.

Es ist nicht anders als damals in der DDR. Jan Markowsky mischt sich ein für etwas, das ihm wichtig erscheint. Heute sind es Menschen, die keine Wohnung haben und kein Bankkonto, die nicht krankenversichert sind und von Armenspeisungen leben - wie er. Damals waren es Menschen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung der DDR für ein besseres Land einsetzten, Dissidenten, Intellektuelle, Künstler

Das klingt nach einem sozialen Absturz. Wie eine traurige Pointe im Leben des Jan Markowsky, geboren 1949 in Greifswald, die Eltern Mediziner, drei Brüder. Es klingt nach einem Leben, dem immer mehr die Bedeutung abhanden kommt.

An einem Januartag vor acht Jahren, von dem an Jan Markowsky obdachlos sein wird, kann er seine Toilette nicht benutzen. Sie ist defekt. Er geht vor die Tür, seine Wohnung liegt parterre. Plötzlich fällt es ihm ein. Der Schlüssel. Der steckt in der anderen Hose. Markowsky starrt auf die Tür. Gerade erst hat er seinen Job geschmissen. Die Miete. Wie soll er die zahlen? Er dreht sich um, geht weg, einfach so, lässt alles zurück. Möbel, Kleidung, Geburtsurkunde, sein bisheriges Leben. Es kommt ihm nicht seltsam vor, nur logisch. "Wie eine Befreiung", behauptet er. Seine Finger gleiten dabei durch seinen Schnauzbart. Der zieht sich bis über die Mundwinkel. Wie bei Wolf Biermann. Zufall, sagt er.

Mit der Ausbürgerung des Liedermachers am 16. November 1976 verschlägt es Jan Markowsky zu den Bürgerrechtlern. Wegen seines Bruders Bernd, zwei Jahre jünger als er und ein Freund Wolf Biermanns.

Bernd wird in Jena verhaftet. Gerade war er aus Berlin zurückgekehrt, von Robert Havemann, dem prominentesten DDR-Dissidenten. Dort hatte Bernd Markowsky eine Protestresolution einiger Autoren um Stephan Hermlin abgeholt.

"Bernd war der Mutigere von uns beiden, der eher einen eigenen Weg suchte als ich", sagt Jan Markowsky. "Das Politische ergab sich in einer Diktatur zwangsläufig."

Er selbst wohnt damals erst seit kurzem in Berlin, als Diplomingenieur arbeitet er beim VEB Gasversorgung. Als der Bruder festgenommen wird, fährt er nach Jena. Dort lernt er dessen Freunde kennen, dann auch Oppositionelle in Berlin. Darunter den Schriftsteller Lutz Rathenow, mit dem Bernd Markowsky in Jena den staatskritischen Arbeitskreis Literatur gegründet hat.

Nach Monaten in Haft wird sein Bruder 1977 nach Westberlin abgeschoben. Der Vater folgt. Im Osten bleiben Jan, seine beiden anderen Brüder und die Mutter. Nun sind die Markowskys geteilt wie das Land.

"Eine rebellische Familie", sagt Lutz Rathenow. "Politisch eigenwillig, Unruhestifter im Guten."

Wie ein Unruhestifter sieht Jan Markowsky nicht aus, nicht auf den ersten Blick. Wie er zum Beispiel dieser Tage an einem Tisch kauert. Regungslos, still, in sich gekehrt. Es ist das Kaffee Bankrott in der Prenzlauer Allee, wo sich Menschen ohne festen Wohnsitz treffen. Im fahlen Licht der Neonröhren tagt die Redaktionskonferenz des Obdachlosenmagazins "Straßenfeger". Ein Dutzend Leute redet über Jugendgewalt, Elternverantwortung, Kapitalismus und Kriminalität. All so was. Einer grummelt dazwischen: "Das ist zu oberflächlich." Plötzlich donnert Markowsky los: "Dann hör' genau zu!" Ein Ausbruch wie ein Faustschlag. Ansatzlos, selbstgewiss. Eigentlich eine Spur zu heftig.

Jan Markowsky ist niemand, der stillhält, wenn ihm etwas nicht passt. Das war er nie. Selten ist er ganz vorn in der DDR-Opposition dabei, aber oft mittendrin. Wie im September 1981. Da fährt er nach Woltersdorf östlich von Berlin. Im Garten des Physikers Gerd Poppe, dem späteren Bundestagsabgeordneten für Bündnis 90/Die Grünen, treffen sich einige Bürgerrechtler. Es ist ein sonniger Tag, Wochenende. In der Runde sitzt Robert Havemann. Er liest einen offenen Brief vor, an den sowjetischen Staatschef. Breschnew solle die Stationierung der atomaren SS-20-Mittelstreckenraketen in der DDR zurückziehen.

Aber Havemann geht noch weiter: "Wie wir Deutsche unsere nationale Frage dann lösen werden, muss man uns schon selbst überlassen, und niemand soll sich davor mehr fürchten als vor dem Atomkrieg." Gleich dort im Garten unterzeichnen einige den Brief. Unter ihnen der Pfarrer Rainer Eppelmann und der Lyriker Sascha Anderson, der als IM der Stasi von dem Tag berichtet. Und Jan Markowsky. Kurz darauf schreiben sich im Westen einige Friedensaktivisten hinzu.

Zwei Wochen später ruft Bruder Bernd an. Er will Markowsky warnen. Der Brief werde in einigen Westzeitungen veröffentlicht, mit den Erstunterzeichnern. Jan Markowsky sagt nur: "Ist doch in Ordnung."

So erzählt er es. Er will verstanden werden. Denn es geht ihm ums Prinzip. Sein Prinzip. Alles mit vollem Namen.

Als von ihm ein Text über die Friedensbewegung der evangelischen Kirche der DDR in der Westberliner taz abgedruckt wird, steht darunter "Jan Markowsky, Ost-Berlin". Auch wenn es ihm ein Verhör bei der Stasi einbringt. Dem Amtsleiter der Abteilung Inneres von Berlin-Weißensee, der Freunde von ihm wegen vermeintlich staatsfeindlicher Aktivitäten vorführen ließ, schickt er eine Postkarte mit Auszügen aus der DDR-Strafprozessordnung. Der Leiter möge sie unterschreiben und an ihn zurücksenden. Seine Adresse steht dabei.

Nicht verstecken, das bleibt sein Credo. Auch jetzt, ohne Wohnung. Vielleicht ist er das seinem Stolz schuldig. Markowsky steht zu seinem Leben. Zu seiner Armut.

Wenn Jan Markowsky ins Erzählen kommt, schichtet er akribisch Detail auf Detail. Man kann ihn dabei schlecht zur Kürze anhalten. "Moment!" wehrt er dann ab: "Ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte, die ganze Geschichte, ich erzähle Ihnen die ganze Geschichte."

Manchmal kommt er von den Sätzen nicht mehr los. Als würden seine Gedanken stranden, irgendwo in seinem Kopf. Weil alles zusammenhängt. So viele Dinge.

Als 1984 sein Ausreiseantrag genehmigt wird, packt er nur etwas Wäsche in eine Reisetasche. Am anderen Ende des Tränenpalastes beginnt sein neues Leben. Nichts wird damit leichter.

Ein erster Job als Energieberater ist nur befristet, seine Versuche als Freiberufler scheitern. Das Gefühl, dass auch in Westberlin nichts vorwärts geht, wird immer bohrender. Hinzu kommen Mietschulden, Beziehungsprobleme, Depressionen.

Als die Mauer fällt, sind die Kontakte in den Osten längst gekappt.

Ein Architekt, bei dem er zeitweise doch angestellt wird, hilft ihm beim Entschulden, bringt ihn in einem Haus in Prenzlauer Berg unter. Es wird seine letzte Wohnung sein.

"Jan Markowsky war hoch intelligent und sehr individuell", sagt der Architekt. "Aber als Ingenieur fehlte ihm der Sinn dafür, was praktisch durchführbar ist." Er spricht von ihm in der Vergangenheit.

Womöglich ist es so, dass sich Menschen wie Markowsky in kein System einpassen können. Weil sie sich mit Autoritäten schlecht arrangieren. Weil sie zu eigensinnig sind. Zu eigenbrötlerisch wohl auch.

Im Januar 2000 zerstreitet er sich mit seinem Chef. Dann passiert die Sache mit der Wohnungstür, mitten in einer schlechten Phase.

Das Ende? Der Neuanfang.

"Frei von allen Zwängen zu sein", sagt Jan Markowsky, "das ist das Wichtigste."

Sein jüngerer Bruder Helmut, Pfarrer in Thüringen, sagt: "Ich sehe seine Obdachlosigkeit nicht als absteigenden Ast, sondern einfach als seinen Lebensweg. Er scheut sich nicht, soziale Grenzen zu durchbrechen."

Eine Geschichte erzählt Jan Markowsky gern. Einmal schläft er in einem Park. Im Morgengrauen läuft ein Jogger vorbei. Er sieht wie ein Büromensch aus, einer, der sich quält, um fit zu wirken, belastbar. "Der hat bestimmt gedacht: Der arme Penner. Ich habe gedacht: Der arme Jogger."

Das ist seine Sicht auf die Welt. Markowsky besitzt kaum etwas. Es fehlt ihm an nichts.

Der kleine Mann hat es eilig. Er rennt durch die Schlesische Straße, seine offene Regenjacke flattert, der Schal hängt lose am Hals. Die schnellen Schritte wollen kaum passen zu dem massiven Körper. An diesem Abend nimmt die Kreuzberger Taborkirche Obdachlose auf. Menschen wie ihn. Es wird voll sein. Er ist spät dran. Jan Markowsky läuft um seinen Schlafplatz.

Als er den Vorraum betritt, sind die meisten Isomatten schon belegt. Unter seinem Arm klemmt eine blaue Ikea-Einkaufstasche. Am nächsten Morgen will er von einer Bäckerei Essenspenden für andere Obdachlose abholen.

Er setzt sich, sieht sich um, ausdruckslos. Am Tisch starrt ein bärtiger Mann verschlossen in seine Tasse. Auf dem Boden krümmt sich ein schwer zugedröhnter junger Kerl. Daneben ist noch eine Matte frei. Die letzte. Direkt an der Tür. "Ist in Ordnung", brummt Jan Markowsky. "Reicht mir doch."

Es muss reichen.

Berliner Zeitung, 22.02.2008, Seite 3
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