Genug warme Plätze für Obdachlose

Doch viele Betroffene meiden die Unterkünfte der Hilfsorganisationen

Bild aus der Morgenpost

 "Ingo vom Kotti" hatte 15 Jahre unter der Hochbahn übernachtet

Foto: Tollkühn

Vor zwei Tagen ist der erste Obdachlose beigesetzt worden, der in diesem Winter in Berlin erfror, Burkhard Horstmann vom Kottbusser Tor. Nach Ansicht von Stefan Schneider droht das Schicksal von "Ingo vom Kotti", wie Horstmann genannt wurde, auch vielen anderen Wohnungslosen; angesichts von den 7000, die in der Stadt registriert sind, sei eine hohe Dunkelziffer anzunehmen.

Schneider leitet das "Kaffee Bankrott", eine Anlaufstelle für Obdachlose am Prenzlauer Berg. Die Einrichtung bietet auch bis zu 19 Übernachtungsmöglichkeiten an. Wenn sie ausgeschöpft sind, wird das Kältehilfe-Telefon eingeschaltet. Diese "Koordinationsstelle" versucht, eine andere Einrichtung zu finden, wo noch freie Plätze verfügbar sind. Das funktioniere einwandfrei, sagt Schneider, der die Obdachlosen-Szene seit zwölf Jahren beobachtet. "Freie Kapazitäten gibt es genug."

Mit Kältehilfe-Telefon, einem Kältebus und zahlreichen Obdachlosen-Einrichtungen in allen Bezirken ist dafür gesorgt, daß kein Obdachloser draußen erfrieren muß. Daß es trotzdem zu solchen Todesfällen kommt, hängt damit zusammen, daß Betroffene sich lieber draußen mit Alkohol und Drogen betäuben als im warmen Asyl darauf zu verzichten.

Nadja Stodden, Leiterin des Kiez-Cafés der Arbeiterwohlfahrt in Friedrichshain, kennt diese "Hemmschwelle". Viele Obdachlose seien es nicht mehr gewöhnt, sich in eine Gemeinschaft einfügen und Regeln befolgen zu müssen. Und mit der Größe der Gruppe wächst auch das Konfliktpotential. Aus diesem Grund plädiert Stefan Schneider vom "Kaffee Bankrott" für kleinere Einrichtungen, die über 10 bis 20 Plätze verfügen. Denn bei solchen Kapazitäten komme Gewalt erfahrungsgemäß weitaus weniger vor als in großen Unterkünften.

jcs

Aus der Berliner Morgenpost vom 15. Dezember 2005
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