Richtung Wannsee und zurück

Vor 30 Jahren hat OKW den Zug verpasst. Heute passiert ihm das nicht mehr

Von Christina Matte
Züge sind die Konstante in OKWs Leben.
 Züge sind die Konstante in OKWs Leben

S-Bahnhof Berlin-Schöneberg. Um neun nach neun Uhr beginnt OKW seine Tour. Dann fährt der Zug nach Wannsee ein, dann gehört die Linie S1 ihm – jeden Tag, auch samstags und sonntags. Um neun nach neun wird der Zug nach Wannsee zu so etwas wie OKWs Arbeitsplatz. Einen Arbeitsvertrag und festen Stundenlohn hat er nicht. Er verkauft die »motz«.

Morgens halb acht geht OKW aus dem Haus Weserstraße 36 in Berlin-Friedrichshain. Dort befinden sich die »motz«-Redaktion und die Notunterkunft, in der er seit ein paar Wochen abgestiegen ist, wobei »Abstieg« es recht gut trifft – ein Freund hat ihn vor die Tür gesetzt. Es ist nicht das erste Mal, dass er keine eigene Bleibe hat: Einmal hat er drei Jahre am Stück auf der Straße gelebt. Schlafen musste er in Bahnhöfen oder auf Dachböden, das will er jetzt nicht mehr. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch sein Spitzname: OKW steht nicht für »Oberkommando der Wehrmacht«, sondern für »Ostkreuz-Wolfgang«. Er war damals einer der ersten, die in Berlin Obdachlosenzeitungen verkauften, und zwar am Bahnhof Ostkreuz. Der Name OKW gefällt ihm besser als einfach nur Wolfgang, sogar besser als sein Familienname. Auf diesen Namen kann er stolz sein: Er macht ihn zur Institution.

Um neun nach neun hat er auf dem Bahnsteig bei »Kings« schon seinen Kaffee getrunken. Und eine Zigarette geraucht. Rauchen ist sein einziges Laster; von Alkohol und Drogen lässt er die Finger. Bei »Kings« hält er sich immer ein paar Minuten auf: Mit den Verkäuferinnen versteht er sich. Sie palavern übers Wetter und auch schon mal über Politik, darüber, dass alles teurer geworden ist und es für kleine Leute wie sie immer enger wird. Irgendwann hat OKW ihnen wohl auch erzählt, wie sein Leben gelaufen ist: 1960 kam er in Leipzig zur Welt, im Frauengefängnis, wo seine hochschwangere Mutter wegen versuchter Republikflucht einsaß. So lautet seine Version der Geschichte. Vielleicht kennt er keine andere, vielleicht ist es diejenige, die am wenigsten schmerzt, vielleicht kommt sie einfach nur gut an – dass die deutsche-deutsche Grenze 1960 noch offenstand, fällt sowieso kaum jemandem auf. Und für den Fortgang seines Lebens spielt es ja auch keine Rolle: Den Vater hat er nie kennen gelernt. Im Alter von sechs Monaten brachte man ihn zur Uroma nach Bernburg und, als er sechs geworden war, in verschiedene Kinderheime. Mit fünfzehn durfte er »im Rahmen der Familienzusammenführung« zur Mutter nach Westberlin, die einen Tag vor dem Mauerbau »doch noch abgehauen« war. Sie steckte ihn, weil sie mit ihm nicht zurechtkam, nach einem halben Jahr wieder ins Heim. Seit 30 Jahren haben sie keinen Kontakt mehr. So wollen sie es beide.

Schräger Vogel
Der Zug neun nach neun ist ein sogenannter Vierer. Das heißt, er fährt mit vier Waggons – andere fahren nur mit drei. Also muss OKW in diesem hier erst nach vier Stationen wieder raus und auf den Zug zurück warten – das ist effektiv. Stets beginnt er am »Kopf«, im ersten Wagen. Um sich dann von Station zu Station in den nächsten vorzuarbeiten. 15 Zeitungen trägt er bei sich, mehr nicht. Mehr wird er sowieso nicht los. Für 40 Cent pro Exemplar hat er sie der Redaktion abgekauft, für 1,20 Euro darf er sie wieder verkaufen. Zwölf Euro kann er Gewinn machen, wenn er es schafft, alle Zeitungen loszuwerden.

Nachdem sich der Bahnsteig geleert hat, schließen sich die S-Bahntüren. OKW wartet dann, bis sich alle neu zugestiegenen Fahrgäste gesetzt haben. Sobald der Zug angefahren ist und der Fahrer seine Ansage beendet hat, tritt er in die Mitte und macht seine eigene Ansage. Es ist immer derselbe Spruch, den er in leicht schleppendem Tempo vorträgt, damit man ihn gut versteht: »Guten Tag. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich verkaufe das Straßenmagazin ›motz‹. Wir wären dankbar, wenn Sie uns mit einer Spende helfen würden, weitere Unterkünfte für Obdachlose einzurichten.« Noch während er spricht, nimmt er die vertraute Szenerie wahr: Leute, die zur Arbeit fahren, in eine Bank oder eine Arztpraxis, die unterwegs zur Uni sind, zum Einkaufen oder zu einer Freundin. Die in Büchern oder in Zeitungen lesen, Laptops auf den Knien halten, die Ohren zugestöpstelt haben, sich schlafend stellen, aus den Fenstern starren. Die bemüht sind, nicht aufzuschauen, seinem Blick nicht zu begegnen.

Zeit, sich in Bewegung zu setzen. Er geht den Mittelgang entlang, beugt sich mal nach rechts, mal nach links, hält Abstand, fragt leise: »Hier vielleicht?« Auch andere haben ihre Sprüche; OKW kennt sie auswendig: »Kann nicht lesen« oder »Kein Kleingeld«. Die meisten tun so, als sei er Luft. OKW weiß: Das ist er nicht. Sie fürchten, dass er, der »schräge Vogel«, sie persönlich ansprechen könnte. Weil er sie stört oder gar aufstört. Weil er sie emotional erpresst. Weil sie mit ihrem Gewissen ringen. Weil es ihnen peinlich ist, wenn sie nicht in die Tasche greifen. Weil er ihnen peinlich ist. Das tut ihm leid, das will er nicht.

S-Bahnhof Friedenau. Er ist am Ende des ersten Waggons angelangt. Herrscht Gedränge am Ausstieg, muss er sich sputen, den zweiten Wagen zu erreichen und noch schnell hineinzuspringen. Wieder sagt er seinen Spruch auf. OKW ist es nicht peinlich, dass er stört. Er ist sich auch selbst nicht peinlich. Warum auch? Er belästigt niemandem mit einem unangenehmen Geruch, ist sauber gewaschen und angezogen. Darauf hält er sich etwas zugute: Nicht jeder in seiner Situation schafft das. Und anders als manche seiner »Kollegen« glaubt er nicht, jemand sei ihm etwas schuldig. Vor 30 Jahren hatte auch er seine Chance: Er hätte Einzelhandelskaufmann werden können. Die Lehre bei »Bolle« schmiss er – aus »Doofheit«.

Sternstunden
Kurz vor dem Bahnhof winkt ihn eine Frau heran und möchte eine Zeitung. Die erste des Tages, na bitte. Das mit den Zeitungen, sagt die Frau, finde sie achtbar, das wolle sie anerkennen. Leuten dagegen, die auf dem Ku’damm rumlungern und behaupten, sie hätten Hunger, traue sie nicht übern Weg. Ein Gespräch bahnt sich an, ganz nach seinem Geschmack: Solche Gespräche sind Sternstunden, auch wenn sie nur Sekunden dauern. Er kann mit Insiderwissen glänzen, auch mal derjenige sein, der gibt. Klar, pflichtet OKW ihr bei, hungern müsse wirklich niemand. In Berlin gäbe es hundert Umsonst-Stellen, wo sich Arme sattessen, waschen und Klamotten holen könnten.

Feuerbachstraße, dritter Waggon. Für OKW ein verlorener: Eine Gruppe Schüler sitzt drin. Seinen Spruch kann er sich schenken: Kinder sind laut und toben rum, er würde zu niemandem durchdringen. Dafür entdeckt er zwei alte Bekannte, die ihm öfter mal eine Zeitung abkaufen. Auf der S1 hat er viele alte Bekannte, er nennt sie »Stammkunden«. Manche fragen schon mal, »Wie geht’s?« Diese beiden werden ihm heute allerdings keine Zeitung abnehmen. Er hat ihnen schon letzte Woche ein Exemplar verkauft – die »motz« erscheint nur vierzehntägig.

Rathaus Steglitz: Spurt zum letzten Wagen. Jäh hält OKW inne, bremst. Jemand von der Sicherheitsfirma, die für die BVG arbeitet, ist eingestiegen. Da ist es besser, er bleibt draußen. Der Sicherheitsmann müsste einschreiten, wenn OKW versuchen würde, in seiner Gegenwart tätig zu werden. OKW ist überzeugt, dass es eine stille Übereinkunft zwischen den »Sicherheitsnadeln« und ihnen, den Verkäufern der Straßenzeitungen, gibt: Solange sie ihren Job nicht unmittelbar unter deren wachsamen Augen ausüben, drücken sie diese einfach zu. Dafür müssen OKW und seine »Kollegen« ihre Augen umso offener halten.

Mit dem »Vierer« nach Wannsee hat OKW Pech gehabt. Eigentlich hatte er bis Botanischer Garten mitfahren wollen, nun muss er schon in Steglitz umsteigen. Der Zug zurück Richtung Oranienburg ist ein »Dreier«. Er wird bis Bahnhof Schöneberg weitere zwei Zeitungen verkaufen. 3,60 Euro hat er verdient, als er sich wieder bei »Kings« einfindet. Kaffee leistet er sich nicht mehr, doch eine Zigarette raucht er. Nein, teilt er der Verkäuferin mit, »das Geschäft« laufe heute nicht. Manchmal, wenn Messen in der Stadt sind, wird er alle Exemplare in nur zwanzig Minuten los. In der Regel ist er aber zwei bis drei Stunden unterwegs. Heute, weiß er, ist so ein Tag. Immerhin hat er schon Kost und Logis verdient, für die er in der Weserstraße 3,50 Euro zu zahlen hat. Dann tritt OKW seine Kippe aus. Der Zug Richtung Wannsee fährt ein.

Zugvögel
Sie ziehen zur Sonne, dorthin, wo es warm ist. Wir stellen Menschen vor, die es wie sie halten, oder irgendwie mit ihnen verwandt sind.

Quelle: Neues Deutschland, 05.12.2007

http://www.neues-deutschland.de/artikel/120413.html

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