15.04.2007 - Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - Kristina Vogt: Der Obdachlose als tragische Figur?

Die Grenzen der aristotelischen Poetik: Wie erzählen Zeitungen über die Bewohner der sozialen Exklusionszone? Und wie tun es die Zeitungen der Obdachlosen selber?

VON KRISTINA VOGT

Tagtäglich begegnet man im Stadtbild obdachlosen Menschen, dennoch kommt ein Kontakt so gut wie nie zustande. Über ihre Identität, ihre Herkunft, die Ursachen ihrer Lage ist kaum etwas bekannt. Über ihren täglichen Kampf um Nahrung und um einen sicheren Schlafplatz hört man wenig. Es gibt keine national einheitliche Definition dieser Bevölkerungsgruppe und nur in Teilen, auf regionaler Ebene, unregelmäßig erscheinende, statistische Erfassungen, was die „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ seit langem anprangert.

Das Bild der obdachlosen Menschen wird darum vor allem durch die Medien geprägt. Doch wie wird dort die Wirklichkeit dieses Personenkreises dargestellt? Welche ihrer Geschichten werden erzählt? Sichtet man beispielsweise Artikel der zwei auflagenstärksten Berliner Tageszeitungen – „Berliner Zeitung“ und „BZ“ – und der drei Berliner Straßenzeitungen, „Stütze“, „motz“ und „Strassenfeger“, dann wird deutlich, dass die Skripte der Genres „Bericht über Obdachlose“ kaum Gemeinsamkeiten aufweisen. Wonach wählen die Medien aus, was sie berichten?

Schon Aristoteles beschrieb am Beispiel von Ödipus, dass die Essenz einer guten Tragödie ein in sich geschlossener Plot ist. So solle bei dem Zuschauer Mitleid mit und Furcht um den tragisch unschuldig schuldig gewordenen Helden bewirkt werden. Eine weitere Komponente sei die Furcht, selbst schuldlos falsch zu handeln. Katharsis oder Reinigung werde möglich durch die empfundene Läuterung des Zuschauers und seinen Erkenntnisgewinn nach Betrachtung des Schauspiels.

Die Tragödien, von denen die Zeitungen berichten, haben jedoch den Anspruch auf Wahrheit: Werden Obdachlose in den untersuchten Tageszeitungen überhaupt plastisch dargestellt und bleiben nicht nur anonyme Objekte der Hilfeleistungen, so entwerfen die Artikel vornehmlich ein stereotypes Bild des männlichen „Penners“. Wird dem Pariser Clochard traditionell Charme und Esprit angedichtet, so geht dieser dem deutschen Äquivalent aber gänzlich ab. Auch Frauen, Kinder und Jugendliche kommen in den Berichten der Tageszeitungen kaum vor. Dies trotz der Tatsache, dass schon 2004 unter den 6973 „Wohnungslosen“ 950 alleinstehende Frauen und 454 Minderjährige verzeichnet waren und insgesamt noch mit einer weitaus höheren Dunkelziffer gerechnet wird.

Als tragische Figuren taugen die „Penner“ der Tageszeitungen nicht. Für Deutschland konstatiert der französische Soziologe Serge Paugam einen nicht reflektierten Umgang mit dem Phänomen „Armut“: In der Leistungsgesellschaft verstörten die stigmatisierten Armen durch die Möglichkeit des Scheiterns. Ihnen werde entsprechend der Maxime des Wohlfahrtsstaates geholfen, ohne jedoch ihre Reintegration anzustreben oder spezifische Problemlagen zu erörtern. Doch wer sind dann die Helden in den allwinterlichen Obdachlosenepen, in denen die Obdachlosen selbst zu Nebenfiguren werden? Es könnten die Helfenden sein: Staatliche und private Organisationen, die anlässlich von Weihnachten und Winterkälte Spendenappelle an die Bevölkerung richten; Prominente aus Showbusiness, Politik und Wirtschaft, die auf Weihnachtsfeiern Obdachlose bewirten und unterhalten; die alte Dame, die gegen die Kälte eigens gestrickte Socken spendet. Antagonisten scheint es in diesen Erzählungen nicht zu geben. Die Lösung des Konfliktes scheint schon die Hilfeleistung per se zu sein, die Besänftigung der Normabweichung. Eine Katharsis findet durch die Bekräftigung barmherziger Einstellungen beim Leser statt. Parallel dazu werden wohlfahrtsstaatliche Werte revitalisiert.

Den lobbylosen Obdachlosen aus einer bewusst linken Perspektive heraus Gerechtigkeit zu verschaffen, machen sich die Straßenzeitungen zur Aufgabe. Ihre Redaktionen setzen sich in Berlin partiell aus ehedem Obdachlosen zusammen, und allesamt bieten sie Reintegrationsprojekte an, die maßgeblich durch den Straßenzeitungsverkauf der Berliner Clochards finanziert werden. Sie schreiben ein anderes Stück: Obdachlose sind unschuldig schuldig gewordene Protagonisten mit vielgestaltigen Biographien und Fähigkeiten. Hier gibt es Antagonisten: der Abbau des Wohlfahrtsstaates, der Kapitalismus und die gleichgültige Konsumgesellschaft, deren Hilfe den Straßenzeitungen bis auf wenige Ausnahmen unzulänglich erscheint. Die Katharsis kann hier nur Labsal sein vor Beginn des nächsten Aktes der unendlichen Tragödie.

Wie zumindest in den Leserbriefen der Straßenzeitungen deutlich wird, sind die Leser nach der Überwindung erster Barrieren offen für das alternative Skript. Es mangelt den Tageszeitungen jedoch an Anreiz und den Straßenzeitungen an Ressourcen, um eine neue Wirklichkeit massenwirksam zu entwerfen. Man liest also weiter alte und neue Tragödien und hofft auf Katharsis.

Lektürehinweis: Paugam, Serge, „Armut und soziale Exklusion: Eine soziologische Perspektive“, in: Hartmut Häußermann u. a. (Hrsg.), An den Rändern der Städte. Armut und Ausgrenzung. Frankfurt am Main 2004

aus: FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG, 15. APRIL 2007, Nr. 15
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