03.04.2007 - Gransee Zeitung - Mit dem Straßenfeger auf Tour

Olaf Müller aus Hohen Neuendorf ist Berlin-Brandenburgs fleißigster Zeitungsbote


Einfach faul zu Hause auf der Couch herumzuliegen, das kommt für Olaf Müller aus Hohen Neuendorf nicht in Frage. Der 53-jährige Hartz IV-Empfänger trägt schon seit mehr als zehn Jahren den „Straßenfeger“ aus. So kommt er unter Menschen und hat eine spannende Aufgabe.

Von Georg-Stefan Russew

„Nichts ist schlimmer, als zum gar nichts Tun verdonnert zu sein!“, sagt Olaf Müller. Der 1953 in Wildau bei Königs Wusterhausen geborene Müller hat in Berlin den Beruf des Bierbrauers von der Pike auf an erlernt.

Viele Millionen Hektoliter des Gerstensaftes hat er in seiner langen Zeit an den Sudkesseln zusammengebraut. „Hauptsächlich Exportbier wurde bei uns gemacht.“ Er hat bei Bärenquell in Berlin gelernt und später bei Engelhardt in Berlin-Stralau gearbeitet. „Als die Firma zugemacht hat, wurde ich 1994 arbeitslos. Einen neuen Job gabs für mich als Bierbrauer nicht. Viele Bewerbungen waren erfolglos“, so Müller.Zeit, sich lange zu grämen, hatte Olaf Müller nicht. Als er vor 13 Jahren mit der S-Bahn nach Berlin fuhr, traf er einen Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“. „Ich habe ihn angesprochen und er hat mir die Adresse im Prenzlauer Berg gegeben. Ich habe mich gleich beworben und wurde genommen“.

Seitdem ist er ständig für die Straßenzeitung auf Achse.„Wenn ich auf Tour bin, fühle ich mich pudelwohl. Klar wäre ein richtiger Job besser. Aber so liege ich dem Staat nicht so auf der Tasche“, meint der Bierbrauer.Am Verkauf einer normalen Zeitung ist er mit rund 80 Cent beteiligt.

Bei der Zustellung für Abonnenten gibt es nichts. „Der Verdienst wird mir ganz klar auf die 345 Euro Hartz IV angerechnet. So bekomme ich neben Miete für meine Ein-Raum-Wohnung rund 297 Euro vom Staat“, erklärt Olaf Müller.Wenn er als Bierbrauer wieder einen Job finden würde, würde er mit wehenden Fahnen an seine Kessel zurückkehren, „aber ich in meinem Alter bin leider nicht mehr gefragt. Dabei kenne ich die Geheimnisse des Bieres aus dem FF“, so Müller.

Als „Straßenfeger“-Verkäufer ist der 53-Jährige auch die Wucht in Tüten. Geschickt versteht er es, seine Hefte an den Mann oder an die Frau zu bringen. „Früher habe ich auch vor Einkaufsmärkten gestanden und versucht, Kasse zu machen. Aber das war keine gute Idee“. Heute hat er sich fast ganz Brandenburg als Revier ausgesucht. Für diese Zwecke hat sich Müller eine Gesamtnetzkarte der Bahn für Berlin-Brandenburg gekauft und klappert Fürstenberg genauso ab wie Perleberg, Neuruppin, Zossen oder Teltow. „Ich habe mir richtige Touren zusammengestellt, die ich im 14-Tage-Rhythmus abfahre“.

Und dabei geht Müller auf die Menschen zu, geht in die Geschäfte und bietet die Zeitung zum Kauf an. „Hier kann ich meine Kunden direkter ansprechen, und die Verkaufsquote ist tausendmal besser als vor einer Kaufhalle“, berichtet er. Aber nicht immer klappt es. „Ganz oft muss ich unverrichteter Dinge abziehen.“ Und das tut weh, auch wenn Müller dies versucht zu kaschieren.

In seinem Alter geht es die Treppen nicht mehr so gut hinauf. Immer wieder muss er schnaufend pausieren. Auch hier murrt er nicht und zieht seine Tour weiter durch. Ab und zu muss er sich hinsetzen. Dies dauert nie länger als fünf Minuten. Dann geht es weiter. Sein strikter Zeitplan wird von den Zugverbindungen diktiert. Gestern startete er von Oranienburg aus kurz nach 9 Uhr, um kurz vor 10 Uhr auf seine Fürstenberger Runde zu gehen. Gegen 11 Uhr machte er sich in Richtung Gransee auf.

Bei seinen Touren legt er jährlich über 20000 Kilometer zurück. Immer ist er freundlich, nett und ehrlich. Als ihm eine Kundin in der Fürstenberger Schloss-Parfümerie einen Euro zu viel gab, machte er sofort die Frau darauf aufmerksam und gab ihn ihr sofort zurück. „Ehrlichkeit ist für mich das Wichtigste. Wo würde ich hinkommen, wenn es nicht so wäre“, sagt Müller leise.Mit seinem Leben ist er zufrieden. „Klar habe ich noch Träume. Die behalte ich aber lieber für mich, weil die nur mir gehören“, sagt Müller, zählt seine Zeitungsexemplare durch und trottet in Richtung Bahn. In 14 Tagen wird er wieder nach Fürstenberg und Gransee aufbrechen. In der nächsten Woche ist Neuruppin und Oranienburg dran.

Kurze Schlemmerpause beim Fleischer in Fürstenberg. Eine Bockwurst gibt wieder Kraft.

Nur mit Hemd und Weste bekleidet raus bei Wind und Wetter.
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