01.04.2007 - fluxx - Sarah Zimmermann/Anja Kammer: Die nackte Wirklichkeit

Die nackte Wirklichkeit

„Guten Tag, ich bin die Elke, und ich verkaufe die Motz...“ Und schon wird abgeschaltet, es ist ohnehin immer dasselbe: aufdringliche, ungewaschene, nach Alkohol stinkende Penner verkaufen eine absolut überteuerte Obdachlosenzeitung, und zocken naive, mitfühlende Leute ab. So muss ein stressiger Arbeitstag einfach nicht beginnen! In Wahrheit jedoch wissen wir im Grunde nichts über diese bedürftigen Menschen, die darauf angewiesen sind, Straßenzeitungen zu verkaufen. Und überhaupt, wer schreibt eigentlich die Artikel und was steckt hinter der Straßenzeitung, die so erfolgreich vertrieben wird? Schließlich begegnen uns täglich mehrere Verkäufer in S- und U-Bahn. Ganz gleich ob im Bahnhof, vor Supermärkten oder schlicht direkt auf der Straße, sie sind überall! Wir sprechen nun also mit Elke*.

Die unangenehm riechende Dame ist nach anfänglicher Scheu überraschend freundlich. Sie ist ungefähr 40 Jahre alt, arbeitete früher für den Tagesspiegel und verkauft seit fast einem Jahr die „Motz“, wobei sie damit angeblich sogar mehr Geld verdient als in ihrem früheren Job. Durch den Verkauf der Straßenzeitung erhofft sie sich für ihre Zukunft einen Pressepass. Sie selbst behauptet, bisher vorwiegend gute Erfahrungen mit dieser Art von Arbeit gemacht zu haben. Allerdings meint sie: „Man wird mehr von Kollegen angeschimpft, als von Fahrgästen.“ Revierneid spiele dabei eine große Rolle. Ihre Fahrkarte und alles andere muss sie natürlich selbst bezahlen. Alles in Allem kommt sie sehr gut mit ihren Einnahmen aus, wobei zu bedenken ist, dass sie lediglich für einen ihrer drei Söhne Kindergeld bekommt. Bei den drei bis vier Stunden, die sie täglich mit dem Verkauf verbringt, verdient sie bis zu zwanzig Euro am Tag.

Unser Ziel ist der berühmte Bahnhof Zoo, der bereits eine allgemein bekannte Anlaufstelle für Obdachlose und Stricher ist. Im Bahnhofsgebäude sind wir einer Flut von multimedialen Reizen ausgesetzt; die neuesten X-Boxen und Großbildfernseher ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Direkt hinter dem Bahnhof allerdings riecht es unangenehm nach Kot und anderen Exkrementen. Hier befindet sich auch eine von zwei
Vertriebsstellen des Straßenfegers. Wir fragen nach. Der gepflegte, glatzköpfige Herr in dem Wohnwagen erzählt uns, dass er die Zeitungen zwar an die Bedürftigen ausgibt, die Zentrale hingegen in der Prenzlauer Allee zu finden sei. Direkt neben dem Wagen steht ein heruntergekommener Mann.

Sein Name ist Hans* und er wirkt verstört. Er klingt weniger optimistisch und zufrieden als Elke. Seit 10 Jahren verkauft er den „Straßenfeger“ und ist in seiner Verkaufslaufbahn nicht nur beleidigt, sondern auch des Öfteren verprügelt worden. Motz-Verkäufer könne er gar nicht ausstehen, erzählt er. Da gebe es oftmals Ärger. Das Verhältnis zu den Straßenfeger-Kollegen sei hingegen gut, ein richtiger Zusammenhalt.
Auch er lebt in einer eigenen Wohnung, verdient 10 bis 15 Euro in den höchstens vier Stunden, die er am Tag arbeitet. Allein vom Straßenfeger kann er aber auch nicht leben. Nebenjobs sind in der Szene scheinbar unumgänglich. Für ein Foto mit einer unserer Reporterinnen verlangte er sogar einen Euro, den sie in ihrer Gutmütigkeit auch bereitwillig zahlte, immerhin handelt es sich ja um einen Bedürftigen. Diesen Euro wird Hans allerdings vermutlich in eine Portion Stoff investieren. Er ist nach eigenerAussage bereits seit Jahren drogenabhängig und könnte ohne den Straßenfeger seine Sucht nicht finanzieren.

Wir machen eine kleine Pause am Brandenburger Tor und treffen zufällig einen weiteren Straßenfegerverkäufer; dies ist seine Geschichte.

Klaus* ist seit zwei Jahren in Berlin und seitdem Verkäufer des Straßenfegers. Ursprünglich kommt er aus Thüringen und nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor zwei Jahren kam er hierher; arbeitslos, ohne Wohnung und ohne Perspektive, aber mit dem Wunsch nach einem neuen Leben in einer neuen Stadt - Berlin. Hier stieß er auf das Café Bankrott, wo Bedürftige für wenig Geld warme Mahlzeiten erhalten können und immer ein offenes Ohr finden. Klaus will mit dem Verkauf von Straßenzeitungen die „Zeit überbrücken“, bis er mit Hilfe seines Betreuers eine Weiterbildung oder vielleicht sogar einen Arbeitsplatz gefunden hat, denn trotz abgeschlossener Berufsausbildung gibt es für ehemalige Häftlinge nicht überall eine offene Tür. Darüber hinaus ist er um jeden Euro froh, mit dem er seinen Schuldenberg ein wenig abtragen kann. „Ich muss einfach etwas tun“, sagt er, „Sonst verfalle ich wieder in den alten Trott oder komme auf dumme Gedanken. Und wo das endet, das weiß ich ja schon.“ Wenn er nicht arbeitet, trifft Klaus sich mit den wenigen Freunden, die er in Berlin bereits gefunden hat. Seit zwei Monaten bekommt er Hartz IV.

Als nächstes machen wir uns auf den Weg zur Prenzlauer Allee 82, der Zentrale des Straßenfegers. Ein dreckiger Altbau-Durchgang führt in eine Art überdachten Innenhof. Das ist das „Café Bankrott“. Man sieht Menschen an sperrmüllartigen Tischen sitzen und ein Barmann verkauft zu sehr niedrigen Preisen Getränke und Imbissküche. Das Radio spielt „Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas. In der hintersten Ecke kann man einen Mann entdecken, der aufmerksam am einzigem Internet -PC nach Arbeitsstellen sucht. Die Atmosphäre ist entgegen aller Erwartungen herzlich und zuvorkommend, Sitzplätze werden angeboten und Interesse bekundet. Am anderen Ende des Hofes ist ein kleiner Raum mit etwa 7 Personen, die angestrengt vor ihren Arbeitsplätzen hocken. Durch eine große versiffte Glasfassade kann man nichts näheres erkennen.

Die zuständige Chefredakteurin Katja erklärt sich für ein Interview mit uns bereit. Wir setzen uns an eine große Tafel, an der bereits zwei obdachlose Personen sitzen. Sie stellen sich als Willhelm II. und Königin Elisabeth vor.

*Wer oder was steckt hinter dem Straßenfeger?
Es ist ein Projekt um bedürftigen Menschen zu helfen, dass sie einigermaßen finanziell über die Runden kommen. Oft sagen die Verkäufer, es ist eine Obdachlosenzeitung, wir aber in der Redaktion sagen, es ist eher eine Straßenzeitung. Es sind ja nicht alle obdachlos, es gibt auch Verkäufer, die Hilfe vom Staat bekommen. Jeder denkt die Redaktion besteht auch aus Obdachlosen, die die Texte schreiben. Das ist gar nicht so. Es sind meistens Hartz IV Empfänger oder Praktikanten, die eine Redaktionslaufbahn einschlagen möchten und Leute, die ihre Strafe ableisten müssen. Arbeit statt Strafe.

*Wodurch werden Ihre Arbeitsplätze finanziert?
Das ist jetzt ein bisschen heikel, die Arbeitsplätze werden zumeist durch Ein-Euro-Jobs finanziert, Praktikanten werden natürlich nicht bezahlt und einige werden mit den Arbeitsstunden entschädigt.

*Was ist das Ziel dieses Projektes?
Das Ziel ist es, dass die Menschen mit ehrlicher Arbeit vorankommen, dass sie nicht betteln müssen, sondern auch etwas dafür geben können.

*Über was schreibt der Straßenfeger?
Die Struktur der Zeitung ist anderen sehr ähnlich, da sie auch aktuelle Themen aufgreift, die sich eben nicht nur um Bedürftige drehen oder sogar nur für Obdachlose interessant sind, die man jedoch auch nicht in jeder Tageszeitung wieder findet. Es gibt sogar einen Jugendteil, von 2 Seiten, der Kehrseite heißt. Dort toben sich Jugendliche aus. Hier schreibt also eine Jugendredaktion und hat ihre eigenen Themen, wie z.B. über die Debatte um das Komasaufen.

*Wir haben heute am Zoologischen Garten eine Art Zweigstelle des Straßenfegers besucht. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine Anlaufstelle für den Vertrieb, dort werden die Zeitungen deponiert und die Verkäufer können sich die Anzahl ihrer Exemplare dort abholen. Dafür gibt’s zwei Stellen, eine ist noch am Ostbahnhof.

*Wie oft erscheint die Zeitung und in welcher Auflage?
Sie erscheint alle 14 Tage, also zweimal im Monat in einer Auflage von 24.000. Es gibt manchmal ein paar Reste, es bleibt aber nicht viel übrig.

*Wie ist der Vertrieb geregelt?
Die Zeitung kostet 40 Cent für den Verkäufer und er bietet sie für 1.20 € an, davon behält er also 80 Cent. Dabei ist Eigenkapital natürlich erforderlich. Er kann aber natürlich auch Vergünstigungen bekommen. Die
ersten 10 Exemplare sind umsonst, damit er erstmal eine Anschubfinanzierung hat, um überhaupt etwas verkaufen zu können.

*Was halten Sie persönlich von den Straßenfegerverkäufern?
In der Redaktion hat man keinen großen Kontakt zu den Verkäufern. Mich nervt es auch, dass sie mit Bahnen pendeln, mir ist es lieber, wenn sie an festen Standorten bleiben, aber ich weiß, dass es sein muss. Das Problem ist aber, dass Bahnhöfe meist privatisiert sind und es daher schwer ist, sich mit dem Security Personal zu einigen. Ich habe also auch Verständnis für die Leute, die genervt sind und denen es einfach zu viel ist.

*Es gibt neben Ihrer auch andere Straßenzeitungen. Die Motz und die Stütze. Gibt es da irgendeine Konkurrenz?
Die Stütze hat eine viel geringere Auflage; ca. 1000. Es gab historisch gesehen eine große Konkurrenz zur Motz. Der Straßenfeger und die Motz sind sogar mal aus einer Redaktion entstanden, die sich gestritten hat und dann gab es plötzlich zwei Zeitungen. Jedoch solch einen großen Einblick habe ich auch nicht über die Straßensituation, ich schreibe nur für die Zeitung. Letztendlich ließe sich festhalten, dass das Phänomen „Straßenzeitung“ zwar eine weitere unangenehme Möglichkeit des Bettelns darstellt, aber es tatsächlich auch Menschen gibt, die auf die dadurch erzielten Einnahmen angewiesen sind.

Von Sarah Zimmermann und Anja Kammer
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