14.09.2006 - taz: Jan Feddersen: Die unterirdischen Behelliger

Sie geistern durch die U-Bahnen der Metropolen und geben sich alle Mühe, uns zu nerven

Mit der Zeit kann man sie erkennen. Scannen die U-Bahn-Züge kurz vor dem Türenschließen längsseitig ab, meist positionieren sie sich in der Mitte eines Waggons - ihre Tribüne. Dann sagen sie, was sie zu sagen haben: dass sie obdachlos sind, nichts zu essen haben, aber dieser Not könne man abhelfen, spendet man oder kauft eine Zeitung. Stets etwas leiernd, was doch appellativ beim Publikum ankommen möchte. Sie haben ein perfektes Timing gelernt, immer sind sie mit ihrer Klage fertig, um noch den Waggon mit ihrer Ware, der Zeitung, zu durchstreifen oder mit einem Kaffeebecher, in den wir Münzen legen können. Läuft die U-Bahn in die nächste Station, haben sie ihre Aufgabe getan - um in den nächsten Waggon zu wechseln.

Wir, das Publikum, sind bei diesen Akten der Aufdringlichkeit niemals froh. Bei keiner Gelegenheit habe ich erlebt, dass einer oder eine sagt, hey, das ist ja super, da kommt ein Bettler, ein Bedürftiger, dem ich zuhören kann. Alle wirken genervt, aber keiner spricht darüber. Es gibt ja den bösen Scherz, dass einer beim ersten Ton einer Bettlerrede auf diesen zugelaufen wäre, einen Zehn-Euro-Schein in der Hand, sagend: "Schweigen Sie, nehmen Sie dieses Geld und tun Sie, was wir alle tun. U-Bahn-Fahren. Ruhig, sinnierend, lesend, unbehelligt und unbehelligend."

Und doch geben einige Passagiere gern. Männer haben übrigens nie diesen Bettelerfolg wie Frauen, dünne Frauen mehr als robuste, solche mit Hund am meisten. Warum wir trotzdem unter einem schlechten Gewissen leiden, sogar manche böse murmeln von der Belästigung und man müsse doch auch hart arbeiten, scheint sonnenklar: Man hasst die Armut, noch mehr aber die Armen, die dies kundtun. Außerdem ist die Situation ja unausweichlich, niemand kann den Waggon verlassen bis zur nächsten Haltestelle. Sie drücken, das ist das Infame, auf die Tränendrüse, sie spielen mit archaischen Bildern von Mutter und Vater, spekulieren, dass wir selbst niemals hinfällig, bedürftig und klagend werden möchten - und in der Spende - uns Erleichterung verschaffen.

Der Unterschied zur Bereitschaft, die eigenen siechenden Eltern ins teure Pflegeheim zu verbringen, um sich nicht selbst kümmern zu müssen, ja, nicht einmal den Gedanken zuzulassen, dass Pflege der Eltern etwas tödlich Anstrengendes nicht nur sein kann, sondern ja auch meist ist, dieser Unterschied ist gering. Die U-Bahn-Armutsagitatoren wissen dies womöglich nicht bewusst, aber intuitiv spielen sie diese Karte - und müssen es auch, sonst würde man sie ja brüsk als Störer nicht nur erkennen, sondern auch als solche brandmarken wie Jugendliche, die in der U-Bahn überlaut quatschen, weil es nervt und übergriffig ist.

Die Bettelei aber macht uns hilflos, stumm. Armut beißt, sie wirkt so ausgestellt fast obszön. Das Problem ist ja außerdem, dass viele der BettlerzeitungsverkäuferInnen so ausgesprochen routiniert wirken - im Grunde wie Büroangestellte, die ihre Ablage sortieren oder ihren Mailordner verwalten. Das macht wütend, denn arm kann man sein, aber nicht mit ihr kokettieren. Niemand weiß, es bleibt immer ein Verdacht, ob diese behelligenden Aktionen wirklich nötig sind: Verdient die oder der mit ihren Verkäufen nicht, um sich ein auskömmliches Leben zu organisieren? Und verbreiten sie nicht den Verdacht, dass sie eigentlich ganz froh sind, in der U-Bahn Menschen in Verlegenheit zu bringen, statt sich in Büros oder Verwaltungen vom Computer ersticken zu lassen? Kurzum: Genießen die womöglich das, worunter sie nicht so strikt leiden - denn Armut, nicht wahr, setzt bei uns das Gefühl des Leidens frei, der des anderen, der dies aber nicht mehr tun soll, deshalb überhaupt unsere Fantasie, etwas zu spenden oder es zu lassen. Im Übrigen muss man diese Tribunale der Armut aushalten. Tag für Tag. So wie Fahrscheinkontrolleure. Einfach eine Wegelagerei ohne Notausgang, immer versehen mit so etwas wie Gewissen. Letzte Beobachtung: Menschen, die als Einwanderer erkennbar sind, betteln nie. Sie gieren nach Erfolg. Ohne Caritas.

aus: taz, 14.09.2006
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