15.08.2006 - Esslinger Zeitung - Verena Großkreutz: Weder Haifisch noch Zähne

Brandauer inszeniert Brechts "Dreigroschenoper" und scheitert auf niedrigem Nivea

Berlin - Schon lange war sie als Sensation zum 50. Todestag Bertolt Brechts angekündigt und gehypt worden: Klaus Maria Brandauers prominent besetzte Inszenierung der Brecht-Weillschen "Dreigroschenoper". Gleichzeitig sollte sie die Wiedereröffnung des Admiralspalastes in der Berliner Friedrichstraße feiern, jenes Gebäudes, das 1910 als Vergnügungsprachtbau seine Pforten aufgetan hatte und 1998 als "Metropol"-Operetten-Theater geschlossen worden war. Mit der Restaurierung des neoklassizistischen Theatersaals war man zwar zur Premiere fertig geworden, das übrige Haus aber war immer noch eine Baustelle. An den Sektgläsern klebte Baustaub.


Brandauer hatte mit dem "Tote-Hosen"-Frontman Campino die Rolle des Mackie Messer besetzt und den Medien damit ein delikates Häppchen in die Arena geworfen. Doch dass der Abend zu einer langweiligen Peinlichkeit werden sollte, zeigte sich bereits, als das Licht im Zuschauerraum ausging. Der Vorhang öffnete sich zu Edgar Elgars berühmtem "Pomp-and-Circumstances"-Marsch, und flugs war im Raum, was Brecht und Weill verbannen wollten: Pathos und Sentimentalität. Hier war einer ohne Konzept und musikalischen Sachverstand ans Werk gegangen.

Personenführung? Fehlanzeige

Was folgte, war eine spannungslose Aneinanderreihung von uninspiriert vorgetragenen Musiknummern und oft dilettantisch gespielten Sprechszenen, die nichts von der bissigen Unterweltstragikomödie übrig ließen. Eine Personenführung war nicht erkennbar. Gottfried John spielte den profitgierigen Bettlerchef Peachum steif und farblos, Katrin Sass als seine Frau setzte auf Ohnesorg-Theater, und Campino war weder Haifisch, noch hatte er Zähne: ein grauer Herr, der nur einmal ein wenig gewaltbereit wirkte, als er seinem Gaunerkollegen völlig unmotiviert eine Flasche auf den Kopf schlug, so dass der arme Mann noch längere Zeit mit den Glassplittern in seinem Hemdkragen zu kämpfen hatte.

So gab die eine Länge der nächsten die Hand. Das konnten auch Birgit Minichmayr als naive Polly Peachum, Michael Kind als korrupter Polizeichef Tiger Brown und Maria Happel als Spelunkenjenny nicht verhindern, die trotz hohem Potenzial weit unter ihrem Niveau blieben. Und Jenny Deimling drehte als Mackie-Geliebte und Polly-Konkurrentin Lucy am Ende zwar mächtig auf, wirkte aber bald hysterisch, weil so viel Extrovertiertheit ins eintönige Einerlei eben auch nicht mehr passte.

Die restlichen Figuren - Huren und Ganoven - standen meist unbeteiligt herum und machten traurige oder debile Gesichter. Das beziehungslose Nebeneinander wurde durch unnötige Umbaupausen noch ermüdender. Einfallslos auch das Bühnenbild. Mit Klavier, Strohballen oder Holzbeingestell ausstaffiert und von einem Stahlgerüst mit Treppe dominiert, langweilten vor allem seine überdimensionierten, übereinander gestapelten Holzschränke, die nur einmal wirklich bespielt wurden: In der Bordell-Szene hurten darin die Huren oder rasierten sich die Beine.

Die Kostüme im Stile der 20er-Jahre wurden bald durch Handygebrauch in Frage gestellt, und warum man die Moritat "Und der Haifisch, der hat Zähne", die im Original am Anfang steht, mitten im Stück brachte, blieb ebenso ungeklärt wie der Sinn der Maßnahme, viele der Songs in einem von oben herabgelassenen, von Lämpchen eingefassten Goldrahmen vortragen zu lassen. Am Ende wurde es zur unfreiwillig komischen Symbolik für den Abend: Brandauer hat seine Schauspieler zu unbeweglichen, gehemmt agierenden Pappkameraden gemacht, denen jegliche Spielfreude fehlte. Zudem wurden die Songs lediglich vorgetragen statt interpretiert. Auch wenn Birgit Minichmayr und Maria Happel ein paar schöne Momente gelangen: Das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Jan Müller-Wieland machte aus Weills knallharter, unsentimentaler Musik ein seichtes, gefälliges Geplänkel.

Dass das Programmheft als Ausgabe der Berliner Obdachlosenzeitung "Strassenfeger" daherkam und von Obdachlosen vor den Türen des Admiralspalastes verkauft wurde, war immerhin eine gute Idee, die allerdings in der Inszenierung weder Widerhall noch Fortführung fand. Ein Bettler, der den Vorhang auf- und zuzog, eine selbstmordgefährdete Hure: Sonst war nichts zu sehen von den Hungernden, den Erniedrigten, den Arbeitslosen.

Weitere Vorstellungen täglich außer montags bis 24. September.

Quelle: Esslinger Zeitung 15.08.2006
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