29.06.2006 - Die Zeit - Ulrich Gineiger: Dr. phil. Obdachlos

Unter den Brücken Berlins hält eine neue soziale Gruppe Einzug: Wohnungslose Akademiker 

Von Ulrich Gineiger

Berlin. In der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo scharen sich unter Neonfunzeln gebeugte Gestalten um eine warme Mahlzeit. Unter denen, die allein am Tisch sitzen, ist Fritz Joachim Rudert, Doktor der Philosophie. »Wenn Marx den Schopenhauer gelesen hätte«, verkündet er, »dann wäre die Weltgeschichte anders verlaufen.« Rudert spricht hastig, seine Augen wechseln ihr Ziel so schnell wie seine Gedanken. Buddha, Leonardo, philososphisch-sozialistische Bekenntnisse, dazwischen der anklagende Satz: »Warum sind Büchereien nachts und an Feiertagen geschlossen?« Am Hals trägt er ein Wirrwar aller möglicher Utensilien, unter anderem Wohnungsschlüssel. »Am 30. Juli werde ich rausgeschmissen«, sagt er und fügt hinzu, dass das so schlimm nicht sei. »Mit einer Wohnung ist es wie mit dem Bewusstsein: Es geht auch ohne.« Sein Blick verfinstert sich. »Aber meine Bücher«, sprudelt es aus ihm hervor, »ich habe 6000 Bücher.«

Gibt es das, obdachlose Akademiker? Am Anfang standen zufällige Beobachtungen, die das Gesamtbild eines Phänomens nur zögernd preisgeben. Da war das Truthahnessen für Obdachlose zum Thanksgiving Day in der US-Botschaft. Als die Ansprache einer Sozialarbeiterin an mangelnden Englischkentnissen scheiterte, erinnert sich Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission, »ergriffen spontan zwei oder drei Obdachlose das Wort, hielten in perfektem Englisch Ansprachen und bedankten sich beim Botschafter mit ausgesuchten Umgangsformen.«

»Ich beobachte das nun seit etwa drei Jahren«, berichtet Brigitte Koch, die Leiterin der Berliner Bahnhofsmission. »Da stehen bei der Essensausgabe Leute in der Schlange, die passen nicht in das Klischee.« Dieses »neue Klientel« falle auf durch gemeinsame Eigenschaften: hoch gebildet, wohnungslos und psychisch krank. 

Stefan Schneider, verantwortlicher Redakteur für das Berliner Obdachlosen-Magazin Straßenfeger, sah bereits um die Jahrtausendwende erste Anzeichen für das soziale Abdriften von Vertretern der Mittelschicht. »Ich höre zu, was diese Leute diskutieren, und erkenne eine hohe Kompetenz«, sagt er. Ein Obdachloser habe sich als Arzt zu erkennen gegeben, ein anderer als Jurastudent kurz vor dem Staatsexamen. Auch Schwester Maria Canisi-Kurz, die in der Stadtmission Beziehungsberatung anbietet, kennt das Phänomen. »In der Notaufnahme bin ich auch schon einem Jesuitenpater begegnet.«

Erst kamen junge Ostdeutsche, dann Künstler, nun Hochschulabsolventen

Unweit des Philosophen Ruder hat beim Essen in der Bahnhofsmission ein Mann von beachtlicher Körperfülle mit langen Haaren und wildem Bart Platz genommen. Er trägt ein schwarzes Netzhemd und sieht erschöpft aus. Immer wieder wird sein Körper von heftigem Husten geschüttelt, während seine Arme hilflos rudern. Über Ursachen und Umstände seines gegenwärtigen Lebensstils spricht er nicht. Umso mehr kann er sich für das Thema der chemischen Zusammensetzung von Genussmitteln begeistern. Der Mann, stellt sich im Gespräch heraus, hat Pharmazie studiert. Kann man als Akademiker nicht leichter einen Weg in Arbeit und Lohn zurückfinden? »Die Chefs haben doch nur Angst vor intelligenter Konkurrenz!«, antwortet er. Dann meint er: »Also, zu meiner Person möchte ich anmerken, ich bin nicht der Mann unter der Brücke, falls Sie verstehen, was ich meine.«

»Es kommt immer in Wellen«, sagt der Leiter der Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker. Nach der Wende seien es junge Leute aus dem Osten gewesen, die mit dem ungewohnten Mangel an staatlicher Fürsorge nicht klarkamen. Später, als in der Kultur der Rotstift regierte, stürzten die Künstler ab. Und nun die Akademiker. In Berlin, schätzt Filker, betrage ihr Anteil unter den Obdachlosen inzwischen an die 20 Prozent.

Ursachen gebe es viele, sagt er, die Streichung der Subventionen im öffentlichen Hauptstadtleben, zerbrechende Familien, die veränderte Lage auf dem Arbeitsmarkt. Dazu kommt das Milieu der Lebenskünstler, die es mit wenig Ehrgeiz und wenig Geld nach Berlin zieht und deren fragile Existenzen auf preiswertem Wohnraum und billigen Secondhand-Läden beruhen. »Die Metropole zieht Menschen mit gehobener Schulbildung an« ,sagt Filker, »deren Lebenstraum lässt sich in dieser Stadt häufig nicht verwirklichen, der Absturz ist programmiert.« Und natürlich gebe es auch in der Mittelschicht unauffällige Trinker, die ein Schicksalsschlag aus der Bahn und auf die Straße werfen könne.

Stefan Schneider, der Straßenfeger-Redakteur, hat noch eine weitere Gruppe ausgemacht: Studenten aus dem außereuropäischen Ausland. »Billigflieger machen die Einreise möglich, und wenn dann die finanzielle Unterstützung durch die Familie abreißt, landen diese Leute bei uns.«

Der 69-jährigen Ronert G. stand einst im gehobenen Dienst eines Versorgungsunternehmens in der DDR. Noch vor der Wende ging er in den Westen, verlor den Anschluss an die Gesellschaft und flüchtete ins Eremitendasein. Fast 20 Jahre lang lebte G. in einem Zelt im Grunewald und fuhr nur ins Berliner Zentrum, um in den Bibliotheken von Instituten Literatur über Politik und Wirtschaft zu lesen. »Ein Einzelgänger, hoch gebildet«, so beschreibt ihn Thomas Winistädt, Krankenstationsleiter der Stadtmission.

»Mein Wohnungsschlüssel – ich kann das noch gar nicht fassen«

G. ist ein hoch gewachsen, die weißen Haare trägt er kurz geschnitten, die buschigen Augenbrauen sind gepflegt. Die Stadtmission hat ihm eine kleine Wohnung vermittelt, nachdem er wegen Erfrierungen im Krankenhaus behandelt werden musste – dass sich überhaupt jemand um ihn sorgte, rührte den Einsiedler so sehr, dass er das Angebot annahm. Nun fischt G. einen Packen ausländischer Zeitungen aus seiner Umhängetasche – er spricht Italienisch, Spanisch, Englisch und Französisch. Und dann präsentiert er, fast verschämt, seinen größten Schatz. »Mein Wohnungsschlüssel«, sagt er leise. »Ich kann das noch gar nicht so recht fassen.« Anfangs, berichtet er, sei er nachts zweimal aufgestanden und habe sich ins Bad gesetzt. Warum? »Ich dachte, das Bad ist vielleicht weg. Einfach weg. Also habe ich mich reingesetzt.«

www.zeit.de/2006/27/L-Obdachlose?page=all
Joomla templates by a4joomla