29.05.2006 - Sarah Burmester - Fluch oder Freiheit

Fluch oder Freiheit

Eigentlich dürfte es in Deutschland keine Obdachlosigkeit geben. Es gibt sie aber doch.

Wenn Michael (Name geändert) lacht, dann wirkt er wie ein freundlicher, normaler Mittvierziger. Mit einer gepflegten Erscheinung, frisch rasiert, und einem charmanten kleinen Lachen nach den Worten. Bei ihm lauten diese Worte: “Und dann habe ich gekündigt.” Das war, als er bereits zwei
Nervenzusammenbrüche hinter sich hatte.

Heute ist Michael, 44 Jahre, ein freundlicher, frisch rasierter Obdachloser. Wenn er schmunzelt, lachen seine Augen. Er ist kein Penner – oder zumindest keiner, den man ob seiner äußeren Erscheinung oder seines Geruches so nennen würde. Er ist kein Extremfall, er schläft nicht unter Brücken, sondern in einem Obdachlosenheim in Berlin Pankow. Er gehört zu ihnen, den Menschen, die aus dem einen oder anderen Grund aus dem sozialen Raster herausfallen ­ weil sie nichts dagegen tun konnten oder wollten. Michael mochte seinen Beruf als Erzieher, zumindest anfangs. Doch irgendwann, so sagt er, wurde es anstrengend, diese „privilegierten Kinder zu betreuen, die eigentlich alles hatten und doch bei jedem Pups einen Riesenaufstand machten“. Dann die Zusammenbrüche. Er war in Psychotherapie, ein Jahr lang. Die hat ihm geholfen, war nur zu kurz, sagt er.

Es ging bergab, als seine Tochter auszog. Plötzlich war kein Grund mehr da, ordentlich zu sein, ein geregeltes Leben zu führen. Er ließ alles “sausen”, und tat nur, wozu er Lust hatte. Der Lebens-Mittelpunkt, seine Tochter, war weg, und das Gefühl der Leere hat Michael – erfolgreich – mit Alkohol und Haschisch betäubt. Anfangs genoss er die Freiheit, die er empfand. Nichts mehr tun müssen. Dann: Stillstand. Lähmung. Mehr Drogen. Doch selbst heute noch genießt er seine Freiheit von den üblichen zivilisatorischen Zwängen. Nur im Wohnheim ist seine Freiheit begrenzt, wenn er sich mit den anderen Bewohnern arrangieren muss. So schön es auch sein kann, immer jemanden zum Reden zu haben: Privatsphäre gibt es dort kaum. In den Etagenbetten des Wohnheims stapeln sich die Schicksale – Menschen, die eine oder mehrere falsche Entscheidungen gefällt haben, die sich verschuldet haben, oder die psychisch krank sind und nicht rechtzeitig oder falsch behandelt wurden.

Eigentlich, sagt Stefan Schneider, Vorsitzender des Vereins MOB – Obdachlose machen mobil e.V., eigentlich dürfte es Obdachlosigkeit in Deutschland gar nicht geben. Beratende und materielle Hilfe gebe es, nur erreiche sie die Betroffenen nicht oder nicht rechtzeitig. Stefan Schneider arbeitet seit Jahren mit Obdachlosen. Er weiß, dass Faktoren wie “Müdigkeit und Entmündigung” häufig eine Rolle spielen. Auch gibt es Menschen, die freiwillig in die Obdachlosigkeit gehen, wie der 55jährige Mann, der sich Anti nennt. Er hat mit 20 Jahren absichtlich die Sicherheiten der Zivilisation aufgegeben, ist als Landstreicher umhergezogen und hat ausschließlich bei Kirchen um Brot und Wasser gebeten. Wenn er von seiner Rolle als “Gesellschaftsbeobachter von außen” spricht, klingt er ein bisschen stolz, wie ein gealterter Athlet, der vor Jahrzehnten eine Goldmedaille gewonnen hat. Er ist froh, dass er immer sich selbst treu geblieben ist. Mittlerweile hat er eine Wohnung, und sagt, er habe Glück gehabt.

Nach seinem Kaffee mit Anti geht Michael wieder seiner Wege. In die Freiheit, die ihm so fehlte damals in seiner bürgerlichen Existenz. Die Freiheit, die damals hieß, nichts mehr tun zu müssen, nicht für den Arbeitgeber, nicht fürs Kind, für niemanden. Dabei hat er nur eine Person übersehen – sich selbst.

Sarah Burmester

Dieser Text entstand als Teil einer Bewerbung beim WDR. Die Autorin, in Berlin seit Dezember 2005, hat diesen Text im Mai 2006 zum Thema "Obdachlosigkeit" verfasst.
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