20./21.05.2006 - Märkische Allgemeine - Andrea Müller: Auf geht's

Olaf Müller verkauft alle vier Wochen in König Wusterhausen die Obdachlosenzeitung "Straßenfeger"

Olaf Müller hat Königs Wusterhausen in feste Touren aufgeteilt, die er abläuft, wenn er den
Olaf Müller hat Königs Wusterhausen in feste Touren aufgeteilt, die er abläuft, wenn er den "Straßenfeger" verkauft. Gestern führte sie ihn auch zu Abnehmern auf dem Kirchplatz. Foto: Gerlinde Irmscher

ANDREA MÜLLER

KÖNIGS WUSTERHAUSEN

Die Tour geht genau nach Fahrplan. 9.30 Uhr ist für Olaf Müller in Königs Wusterhausen Start. "Auf geht's", sagt er. In rund drei Stunden will er hier 47 "Straßenfeger" verkaufen, die Zeitung der Obdachlosen. Dann geht sein Zug zurück nach Berlin. Von dort fährt er mit der S-Bahn wieder nach Hause nach Hohen Neuendorf bei Oranienburg.

Der Verkauf des "Straßenfegers" ist Olaf Müllers Arbeit. Jeden Tag - außer an den Wochenenden - macht er sich auf den Weg. Mal führt ihn sein Weg weiter weg, mal muss er nur ein paar Minuten fahren. Die weitesten Touren führen ihn bis nach Weißwasser und Bad Muskau. "Da geht es früh um viere los und abends um elfe bin ich wieder zu Hause", sagt der 53-Jährige. Früher, aber das ist inzwischen über zehn Jahre her, war er Braumeister. Erst verlor Olaf Müller, der in Wildau geboren ist und in Königs Wusterhausen aufwuchs, seine Arbeit, dann konnte er die Miete nicht mehr bezahlen. "Da fliegste gleich aus der Wohnung raus", sagt Müller. Zuschüsse habe es damals gleich nach der Wende noch nicht gegeben. So landete der Braumeister, der sein Leben lang immer genauestens seine Aufgaben erfüllte, in einem Bauwagen. "Aber jetzt habe ich wieder eine Wohnung", ist er zufrieden.Die Miete dafür muss der Hartz-IV-Empfänger nicht bezahlen. Zu dem Geld darf er 160 Euro im Monat dazu verdienen. "Das sind genau 80 Euro pro Ausgabe des 'Straßenfegers'", erklärt Olaf Müller. Er selbst kauft 500 Zeitungen. Pro Zehnerpackung bekommt er eine gratis dazu. Die kann er dann verkaufen. 1,20 Euro kostet das Exemplar in Brandenburg. In den Außenbereichen nimmt er 1,30 Euro. Für Stammkunden, die Olaf Müller "Abonnenten" nennt, hat er aber ein besonderes Angebot. "Fünf Stück für zwei Euro", sagt er. Die MAZ in der Königs-Wusterhausener Bahnhofstraße gehört dazu.

Königs Wusterhausen hat der Zeitungsverkäufer in zwei Touren aufgeteilt. Eine - so auch die von gestern - führt über die Bahnhofstraße, dann zur Sabelus-Apotheke, von dort zum Kirchplatz, um die Ecke zu den Bestattungshäusern Kernbach und Rauf, Versicherungsvertretungen, der Volkssolidarität-Bürgerhilfe und schließlich hinaus zur Volkshochschule und der Landkreisverwaltung im Schulweg.

"Sie schon wieder", hört Olaf Müller am Berliner Berg. Eine Zeitung wird er aber trotzdem los. "Mehr können wir nicht nehmen, sonst landen wir noch da, wo Sie sind", erklärt sich der Abnehmer. Olaf Müller reagiert nicht weiter auf solche Sätze. Er ist sie gewöhnt. "Ich bin froh, wenn die Leute überhaupt welche abnehmen", sagt er. 50 Prozent von denen, die er bei einer Tour aufsucht seien "Wackelkandidaten". Mal nehmen sie Zeitungen ab, mal nicht. Eine, die immer eine kauft, ist Liane Schloddarick bei Digital Druck in der Bahnhofstraße. Auch andere haben die 1,20 Euro schon bereit liegen, um sie Olaf Müller in die Hand zu drücken, wenn er kommt. Auf Körbe antwortet er mit einem freundlichen "Bye, bye und grüß die Heimat..." Er muss es gestern sehr oft sagen. Selbst da, wo er sonst mehr Glück hat, sieht es dünne aus. In der Landkreisverwaltung wird er gerade zwei "Straßenfeger" los. In der VHS geht er ganz leer aus. Bevor er bei der Volkssolidarität klingelt spricht Olaf Müller von den "Fünf Richtigen", die gleich kommen. Leider ist die Chefin nicht im Hause, so dass beinahe aus dem "Lottogewinn" ein großer Reinfall geworden wäre. In der Konsum-Fleischerei am Schlossplatz verkauft Olaf Müller auch eine Zeitung und wechselt die bisher verdienten Euros in Scheine. "Wir freuen uns doch über das Kleingeld", meint Fleischerin Erika Jopp.

Inzwischen ist es 12.30 Uhr. Die Füße von Olaf Müller sind müde. Jeder Schritt fällt ihm schwer. Und wie oft musste er an diesem Vormittag schon umsonst Treppen hinauf steigen. Im "Schleusenstübchen" freut er sich auf eine Verschnaufpause. Zum Schluss ist noch das Fontane-Center dran, seine Außenstelle. Fünf Stück wird er hier immer los. Dann ist Pumpe. Alle Zeitungen sind verkauft.

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