02.03.2006 - Berliner Morgenpost - Thomas Fülling: Kehraus im Traditionshotel

Investoren verschenken Inventar des Hauses "Unter den Linden" vor dem Abriß an wohltätige Einrichtungen

Noch einmal herrscht richtig munteres Treiben im Hotel "Unter den Linden". Ein letztes Mal - denn die vor 40 Jahren erbaute Nobelherberge Unter den Linden Ecke Friedrichstraße, in der einst West-Stars wie Udo Jürgens und Roy Black bei DDR-Gastspielen übernachteten, wird abgerissen.

"Vieles vom Inventar ist noch in gutem Zustand und sollte nicht einfach so auf den Müll fliegen", begründet Tobias Krause-Mirus, Projektleiter des Münchener Investors "MEAG" die großzügige Aktion.

Und so packten Mitarbeiter und freiwillige Helfer von insgesamt zehn gemeinnützigen Vereinen gestern kräftig mit an. Tische und Stühle, Stehlampen und Teppiche, ja selbst Rohre und technisches Gerät wurde auf die vielen kleinen Fahrzeuge vor dem Haupteingang des Hotels verladen. "Eine wirklich gute Idee, auf die viel mehr Bauherren kommen sollten", wünscht sich Lothar Markwart von "mob e. V." Der durch seine Zeitung "Straßenfeger" bekannte Verein betreibt an der Prenzlauer Allee 87 ein Betreuungszentrum für Obdachlose. "Wir platzen aus allen Nähten, da ist jede Hilfe willkommen", sagt Markwart. Teil der Einrichtung ist der Treff "Kaffee Bankrott", der wegen großen Andrangs gerade erweitert wird. Dringend dafür benötigte Technik fanden die "mob"-Leute nun in der einstigen Hotel-Küche.

Auch Nöck Gail vom Verein "Zirkus Internationale" hatte eine Einladung zum Hotel-Kehraus bekommen. "Soziale Projekte sind leider oft sehr schlecht ausgestattet, da ist so etwas schon eine große Hilfe", sagt er. Der "Zirkus" engagiert sich seit zehn Jahren in der Kinder- und Jugendarbeit und wurde mehrfach für seine Anti-Gewalt-Projekte ausgezeichnet. Seit kurzem hat der Verein in Wedding ein festes Domizil bezogen. "Für die Ausstattung können wir heute Tische und Stühle mitnehmen", freut sich der Projektkoordinator.

"Ein Auto ist schon beladen, ein zweites ist unterwegs", berichtet ganz aufgeregt Anke Clausen des Zehlendorfer Vereins "Weg der Mitte". 40 ehrenamtliche Helfer waren gestern im Einsatz, um Betten, Matratzen und Lampen einzupacken. Damit soll eine Einrichtung für Gesundheitsurlaub von Familien mit Kindern in Thüringen ausgestattet werden.

Ein Inventarstück wird aber einen ganz anderen Weg nehmen: Das Wandbild "Berlin 1912" aus der einstigen Hotelbar wechselt nur einige hundert Meter weiter in das Deutsche Historische Museum. Das Gemälde des 2002 verstorbenen Künstlers Manfred Kandt zeigt eine Szene auf dem Linden-Boulevard vor knapp 100 Jahren, als Frauen noch um ihr Wahlrecht kämpfen mußten. Nach der Restaurierung soll es im Restaurant im Zeughaus hängen. "Eine Entscheidung ganz im Sinne des Malers", freut sich dessen Neffe Cassen Harms.

Aus der Berliner Morgenpost vom 2. März 2006
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