29.12.2004 - Junge Welt - Peter Wolter: Berichte von »ganz unten«

In etwa 40 deutschen Städten gibt es »Obdachlosenmagazine«.
Kampf ums Überleben ist ein Dauerthema. Banger Blick ins kommende Jahr  

In vielen Städten gehören sie zum Straßenbild: die meist wohnungslosen Verkäufer von Straßenmagazinen. Mittlerweile gibt es etwa 40 dieser Monatshefte, die Gesamtauflage dürfte bei 300000 Exemplaren liegen. So unterschiedlich sie auch sind – sie haben vor allem zwei Gemeinsamkeiten: Themen »von ganz unten« und den ständigen Kampf ums Überleben.

Als erstes deutsche Straßenmagazin wurde 1993 in München BISS (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) gegründet. Kurz darauf erschien in Hamburg Hintz & Kunzt, das im ersten Jahr während der Wintermonate auf über 100000 Auflage kam. Danach kam es in vielen Städten zu Neugründungen, unter anderem in Kiel (Hempels), Berlin (Straßenfeger), Münster (draußen!), Dortmund (BODO) und Rostock (Strohhalm). Auch in anderen europäischen Ländern wurden Straßenmagazine gegründet.

Vorbild war Big Issue

Vorbild für die meisten war das Londoner Big Issue. Sein Gründer, John Bird, baute das Blatt zu einem kleinen Medienimperium aus: Big Issue erscheint mittlerweile in Südafrika und Australien, in Großbritannien gibt es vier Regionalausgaben. Überschüsse fließen in soziale Projekte.

Grundgedanke aller Straßenmagazine ist, daß Wohnungslose, Bettler und sonstige Arme am Verkauf jedes einzelnen Exemplars beteiligt sind. Auf diese Weise können sie sich ihre Sozialhilfe aufbessern, sich mitunter auch mal eine Fahrkarte oder ein Geschenk leisten.

Überlebt haben bisher fast alle dieser Straßenmagazine – wenn auch oft am Rande des Existenzminimums. Öffentliche Gelder gibt es nur noch im Ausnahmefall. Die Magazine finanzieren sich meist aus den Verkaufserlösen und aus Spenden, das Anzeigenaufkommen ist selten zufriedenstellend. Welches Unternehmen schaltet schon gerne Anzeigen in Zeitschriften, denen das Schmuddel-Etikett »Obdachlosenzeitung« anhaftet?

Ein Vorurteil: Viele Straßenmagazine sind grafisch ansprechend, die meisten werden mehr oder weniger professionell gemacht. In der Regel haben sie die »Betroffenheitslyrik« der Anfangsjahre hinter sich gelassen, es finden sich heute packende Sozialreportagen neben nüchternen Berichten, Glossen neben Kommentaren. Die Redaktionen sind oft mit gelernten oder angelernten Journalisten besetzt, begabte Verkäufer helfen mit. Leser sind »ganz normale« Leute: Hausfrauen, Lehrerinnen, Busfahrer, Polizist, Studentin. Obdachlos bei der »Obdachlosenzeitung« sind meist nur die Verkäufer.

Sozialkritisch, eher links

Soziale Themen standen immer schon im Mittelpunkt der Straßenmagazine, vor allem solche, die mit Obdachlosigkeit zu tun haben. Fast ausnahmslos stellen sie in ihrer Berichterstattung soziale Probleme in den Vordergrund; vor »Hartz IV« und den damit einhergehenden regierungsamtlichen Lügen haben sie von Anfang an gewarnt. Parteipolitisch gebunden ist keines dieser Blätter – auch wenn hin und wieder versucht wird, sie vor den einen oder anderen Karren zu spannen. Aber Ausländerfeindlichkeit oder männlichen Chauvinismus wird man in diesen Heften nicht finden, rechts steht keins von ihnen.

Dem Inkrafttreten der Armutsgesetze am 1. Januar blicken viele Zeitungsmacher mit Bangen entgegen: Einerseits könnte die Zahl der Verkäufer steigen. Andererseits fürchten sie einen Auflageneinbruch, weil dann mancher Leser die 1,50 Euro für eine Zeitung nicht mehr übrig hat.

(Siehe auch Interview mit Gerrit Hoekmann)
Joomla templates by a4joomla