04.07.2004 - rp online: Köhler verschenkt seine Suppe an Obdachlose

 

Botschaft: Obdachlose gehören zu unserer Gesellschaft

Berlin (rpo). Zahlreiche Obdachlose haben am Sonntag ihr warmes Essen vom neuen Bundespräsidenten selbst bekommen. Horst Köhler verteilte am Zoo Reste seiner Suppe vom Vorabend.

Horst Köhler meint es ernst: "Ich bin Bundespräsident aller Menschen in Deutschland - und auch sie gehören dazu. Das will ich zeigen", sagt Köhler, als er am Sonntag Berliner Obdach- und Arbeitslosen, sozial Schwachen und Straßenkinder in der Bahnhofsmission am Zoo eine warme Mahlzeit auftut. Nach einem Lächeln für die Bedürftigen fügt er dann ernst hinzu: "Wir müssen uns auch um sie kümmern."

Für Moritz Siegmar ist es kaum fassbar - ein "leibhaftiger" Bundespräsident zum Anfassen, zum Nöte erzählen. Einer, der zwar nur 20 Minuten da ist, aber der konzentriert zuhört. "Ich finde es toll, was der macht", sagt der 53-Jährige, der Köhler gerade seine Sorge mit dem Sozialamt um einen neuen Rollstuhl geschildert hat. Und er glaubt daran, dass dieses Suppenverteilen "keine demonstrative Geste" von Köhler sei.

Die Idee entstand am Samstagabend, als der gerade zwei Tage im Amt befindliche Bundespräsident am Brandenburger Tor an der "Tafel der Demokratie" saß. Zusammen mit 1500 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft plauderte er über die Herausforderungen, vor denen Deutschland steht. "Ich denke, jeder kann dazu beitragen, dass Deutschland seine Schwierigkeiten überwindet", betont Köhler. Und diese Probleme seien eben nicht nur verkrustete Strukturen oder ein fehlender wirtschaftlicher Neuanfang. Die Probleme seien auch am Rand der Gesellschaft zu finden.

Brigitte Koch, die Chefin der Bahnhofsmission, weiß um die Sorgen. Täglich verköstigt die 45-Jährige mit ihren Helfern Wohnungslose, vereinsamte Rentner und auf der Straße lebende Jugendliche - aber zunehmenden auch Familien mit Kindern, "die sich kaum noch ausreichend Essen leisten können". 800 Bedürftige kommen täglich zur Mission am Bahnhof Zoo. "Das sind 20 Prozent mehr als noch im vergangenen Jahr", setzt die gelernte Sozialpädagogin nüchtern hinzu.

Einer der "Stammgäste" der Bahnhofsmission ist Michael Braun. Er verkauft normalerweise die Obdachlosenzeitung "Straßenfeger", die er dem Bundespräsidenten aber kostenlos überreicht. "40 Cent bezahle ich für die Zeitung, für 1,20 Euro verkaufe ich sie dann. Von der Spanne kann ich einen Teil meines Lebens bestreiten", erzählt der 45-Jährige. Und er wünscht sich, dass Köhler "im Auto oder so mal Zeit findet, in der Zeitung zu blättern. Dann sieht er, wo uns auf der Straße der Schuh drückt."

Zunächst reicht Köhler erst einmal Kelle um Kelle "Gaisburger Marsch" aus - ein Eintopf, der am Samstag von der "Tafel der Demokratie" übrig geblieben ist. Frank Zander, einer der Mitorganisatoren des Hilfsprojektes "Berliner Tafel", hatte den Bundespräsidenten gefragt, ob er mithelfen würde, die Suppe an Bedürftige zu verteilen - quasi "als Einladung des Volkes". Für Köhler war eine Zusage nach eigenen Worten selbstverständlich: "Gute Suppe, gute Idee!"

Url: http://www.rp-online.de/public/article/aktuelles/politik/deutschland/53312

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