21.01.2004 - junge welt - Helmut Höge: Wohnst du noch, oder lebst du schon auf der Straße?

Feuilleton Helmut Höge  
Wirtschaft als das Leben selbst  

Karsten Krampitz veröffentlichte 1996 einen Roman über Obdachlosigkeit: »Rattenherz« und 2000 einen über Obdachlosen-Zeitungen: »Affentöter«. Er war sechs Jahre Redakteur bei den Berliner Obdachlosenzeitungen Mob, Haz, Moz, Straßenfeger und Straßenzeitung. Seit zwölf Jahren arbeitet er in der Treptower Wärmestube »Arche«, die zugleich ein Nacht-Café ist. Gerade soll diese Einrichtung von der PDS-Stadträtin geschlossen werden.

Karsten Krampitz meint: Obdachlosigkeit interessiert keine Sau mehr, die Leute haben sich daran gewöhnt. Dazu haben auch die vielen Obdachlosen-Zeitungen beigetragen – mit ihrem ewigen Gejammer. Ich rede nicht von den Verkäufern, sondern von den Redakteuren, weil sie ewig die gleichen langweiligen Artikel bringen und zudem Etikettenschwindel betreiben: Sie suggerieren den Lesern, daß die Zeitung von und für Obdachlose gemacht wird. Tatsächlich sind das aber alles Premiumpenner, das heißt extrem schlechte Journalisten, die da ihre Spielwiese haben, während sich die Herausgeber, also die Obdachlosenvereinsvorstände, damit eine goldene Nase verdient haben. Es ist eigentlich Betrug.

Wirklich entsetzt bin ich speziell über eine Obdachlosenzeitung, die über Jahre hinweg Spenden gesammelt hat für ihr Haus, das sogar vom Senat gefördert wurde – mit 3,4 Millionen DM – aber es wohnt dort nicht ein Obdachloser. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins hat sich dort statt dessen eine Wohnung genehmigt. Das Grundproblem bei diesen ganzen Zeitungen ist die Heuchelei: Kauft uns! Wir sind die Guten! Sogar Harry Potter unterstützt uns. In Wirklichkeit wird dort aber übelster Manchester-Kapitalismus praktiziert. Die armen Verkäufer sind genaugenommen Drückerkolonnen. In einem normalen Unternehmen haben die Mitarbeiter bestimmte Rechte. Sie können nicht einfach gefeuert werden. Bei den Obdachlosenzeitungen werden dagegen die primitivsten Regeln innerbetrieblicher Demokratie mißachtet. Sie haben zwar so etwas wie Verkäufersprecher, in der Regel kann der aber nicht mal für sich selbst sprechen, geschweige denn für andere. Den obdachlosen Verkäufern ist es sowieso ungewohnt, ihre Interessen zu organisieren, die hauen lieber ab. Das sieht man daran, daß sich die Auflagen inzwischen nahezu halbiert haben. Die Spendenbereitschaft hat auch abgenommen und der Staat tut immer weniger für Obdachlose. Mit Wohnungen versorgt er sie zwar noch, es gibt ja auch genug leerstehende, doch die Obdachlosigkeit ist vor allem ein seelisches Problem.

Ihre ganzen sozialen Kontakte haben diese Menschen auf der Straße und in den Suppenküchen. Anfangs werden die Kumpel und Kumpelinen noch in die neue Wohnung eingeladen, wo sie sich gemeinsam die Kante geben. Nachdem sie die ganze Stütze versoffen haben, beginnt die Einsamkeit, die Bude verkommt, der Müll türmt sich. Und irgendwann ziehen sie wieder los. Die meisten Obdachlosen sind Männer. Sie verwahrlosen auch leichter. Sie suchen verzweifelt Kontakte, treffen sich mit anderen am Kiosk oder im Bahnhof, pennen mal hier, mal dort, und irgendwann sagen sie sich: »Ich brauch’ meine Wohnung – diesen Saustall – doch eigentlich gar nicht«. Man gibt einem Menschen noch kein Zuhause, wenn man ihm eine Wohnung zuweist. Deswegen brauchen Obdachlose eher eine Wohngemeinschaft mit Betreuung. Die gibt es zwar auch, aber meistens nur für Jugendliche. Wer als Unbehauster in Berlin über 18 ist, hat schlechte Karten. Bei uns im Nacht-Café sind regelmäßig etwa zwölf Männer und zwei bis drei Frauen. Den Personalbedarf decken wir teilweise durch die Jugendgerichtshilfe ab: Straffällig gewordene Jugendliche leisten bei uns ihre gemeinnützigen Stunden ab. Und das Essen beziehen wir schon seit Jahren aus dem Abschiebeknast Grünau – 30 Mahlzeiten täglich, kostenlos und tiefgefroren. Dort sind nämlich ständig irgendwelche Gefangenen im Hungerstreik, so daß sie da anscheinend immer genug Portionen übrighaben.

www.jungewelt.de/2004/01-21/025.php+H%C3%B6ge+Strassenzeitung&hl=de&gl=de&ct=clnk&cd=1
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