06.01.2004 - Frankfurter Rundschau - Helmut Höge: "Eine unnötige Zirkulation von Papier und Geld"

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"Eine unnötige Zirkulation von Papier und Geld"

Die Geschichte hinter den Obdachlosen-Zeitungen: Ein Insider berichtet aus der Szene in der Hauptstadt

VON HELMUT HÖGE

Obdachlosigkeit (dpa)

Obdachlosigkeit interessiert keine Sau mehr - die Leute haben sich daran gewöhnt. Dazu haben auch die vielen Obdachlosen-Zeitungen beigetragen mit ihrem ewigen Gejammer. Ich meine jetzt nicht die Verkäufer, die haben schon immer geklagt ("Ich bin 29, lebe seit vier Jahren auf der Straße und bin gerade auf Entzug …"), sondern die Redakteure, weil sie ewig die gleichen langweiligen Artikel bringen und weil sie Etikettenschwindel betreiben: Sie suggerieren den Lesern, dass die Zeitung von und für Obdachlose gemacht wird. Tatsächlich sind das aber alles Premiumpenner, das heißt extrem schlechte Journalisten, die da ihre Spielwiese haben, während sich die Herausgeber, also die jeweiligen Obdachlosen-Vereinsvorstände, damit vermutlich eine goldene Nase verdient haben. Eine unnötige Zirkulation von Papier und Geld ist das.
Wirklich entsetzt bin ich aber über eine Obdachlosenzeitung, die über Jahre hinweg Spenden gesammelt hat für ihr Haus in Berlin, das sogar vom Staat gefördert wurde - mit damals 3,4 Millionen Mark - aber letzten Endes wohnt dort nicht ein Obdachloser, kein Verkäufer, nischt. Der Vorstandsvorsitzende des Vereins hat sich dort stattdessen wohl eine Wohnung genehmigt.

Das Grundproblem bei diesen ganzen Zeitungen ist die Heuchelei: Kauft uns! Wir sind die Guten! Sogar Harry Potter unterstützt uns. In Wirklichkeit wird dort aber übelster Manchester-Kapitalismus praktiziert. Diese armen Verkäufer, das sind genau genommen Drückerkolonnen. In einem normalen Unternehmen haben die Mitarbeiter bestimmte Rechte. Sie können nicht einfach gefeuert werden, es gibt einen Betriebsrat usw. Bei den so genannten Obdachlosenzeitungen werden dagegen die primitivsten Regeln innerbetrieblicher Demokratie missachtet. Sie haben zwar so etwas wie Verkäufersprecher, in der Regel kann der aber nicht mal für sich selbst sprechen, geschweige denn für andere. Für die obdachlosen Verkäufer ist es sowieso ungewohnt, sich zu organisieren, ihre Interessen durchzusetzen, die hauen lieber ab. Das sieht man daran, dass sich die Auflagen inzwischen nahezu halbiert haben. Um die Straßenblätter wäre es auch nicht schade.

Eine Chance wurde verspielt

Nur ist der Begriff "Selbsthilfe" damit in Berlin auf lange Zeit diskreditiert. Und leider werden auch seriöse Obdachlosenprojekte davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Spendenbereitschaft für Wärmestuben und Notübernachtungen ist insgesamt merklich zurückgegangen. Schlimmer noch wiegt die Tatsache, dass die Chance auf politische Veränderungen dabei verspielt wurde. Noch vor drei Jahren waren die Leute sensibilisiert für das Thema. Als wir 1999 das Hotel Adlon besetzt haben und 2000 das Kempinski, mit Transparenten, auf denen draufstand "Es sind noch Betten frei!", gab es einen enormen Zuspruch, auch von der Politik.

Damals entstanden republikweit die "Tafeln": Wohlhabende und pfiffige Frauen taten sich zusammen, um von den Partys der Reichen die übrig gebliebenen Kaviarbrötchen einzusammeln, um sie an die Obdachlosen in ihren Sammelstätten zu verteilen. Zu Weihnachten, wenn die Presse die ersten Kältetoten vermeldete, wurden diese "Tafeln", die oftmals auf ABM-Basis arbeiteten, mit Spenden geradezu überschüttet. Das Problem ist aber nicht der Winter und auch nicht der Hunger. An Obdachlosigkeit sterben Menschen das ganze Jahr über: Hautkrankheiten, Alkohol, Hitze, die zunehmende Gewalt auf der Straße - sie sind genauso schlimm. Auf Platte erreicht man selten das Rentenalter.

Dabei passiert es gar nicht so selten, dass das Sozialamt einem Obdachlosen zu einer Wohnung verhilft. Oft kann man jedoch die Uhr danach stellen, wann derjenige wieder auf der Straße oder in Notübernachtungen pennt. Die Obdachlosigkeit ist vor allem ein seelisches Problem. Ihre ganzen sozialen Kontakte haben diese Menschen auf der Straße und in den Suppenküchen. Anfangs werden die Kumpel und Kumpelinnen noch in die neue Wohnung eingeladen - wo sie sich gemeinsam die Kante geben. Nachdem sie die ganze Stütze versoffen haben, beginnt die Einsamkeit, die Bude verkommt, der Müll türmt sich. Und irgendwann ziehen sie wieder los.

Die meisten Obdachlosen sind Männer. Frauen verlieren zwar schneller ihren Job, kommen aber besser damit klar, auch mit der Einsamkeit. Männer verwahrlosen zudem leichter. Sie suchen verzweifelt Kontakte, treffen sich mit anderen am Kiosk oder im Bahnhof, pennen mal hier mal dort und irgendwann sagen sie sich: "Ich brauch meine Wohnung, diesen Saustall, doch eigentlich gar nicht." Man gibt einem Menschen noch kein Zuhause, wenn man ihm eine Wohnung zuweist. Deswegen brauchen Obdachlose eher eine Wohngemeinschaft mit Betreuung. Die gibt es zwar, aber meistens nur für Jugendliche. Wer als Unbehauster in Berlin über 18 ist, hat schlechte Karten.

Natürlich gibt es auch Obdachlose, eine kleine radikale Minderheit, die gerne "Platte macht", das heißt: die obdachlos leben wollen. Und dann gibt es welche, die es aus eigener Kraft schaffen könnten, sich wieder aufzurappeln. Vielen gelingt das auch. Aber mehr und mehr Leute, die auf der Straße leben, kommen aus der Psychiatrie, sind schizophren oder paranoisch, und brauchen einfach qualifizierte Hilfe, die sie aber nirgends mehr finden.

Nicht wenige Obdachlose sind einfach sterbende Menschen. Da ist zu viel kaputtgegangen. Das ist kein Leben mehr. Erschwert wird es ihnen auch noch durch immer mehr Schikanen. Sie werden aus den Bahnhöfen und Einkaufscentern entfernt, wenn sie dreimal beim Schwarzfahren erwischt werden, dann geht das an die Staatsanwaltschaft, und dann trauen sie sich nicht mehr aufs Sozialamt. Dabei müssen sie immer öfter die BVG benutzen:
Die Sozialämter zahlen hier keinen Tagessatz mehr aus - immerhin neun Euro. Wenn sie Stütze haben wollen, müssen Obdachlose in Berlin polizeilich gemeldet sein, in Männerwohnheimen etwa. Viele haben darauf keinen Bock, deswegen fahren sie täglich raus nach Brandenburg, um sich dort ihre Sozialhilfe abzuholen. Da können sie aber dann nirgends pennen, deswegen fahren sie anschließend wieder in die Stadt zurück.

Für die meisten sind die Berliner Sozialämter sowieso ein Horror. Sie sehen sich gar nicht in der Lage, deren Kriterien zu erfüllen. Sie müssten genaue Angaben über ihre Angehörigen machen, damit die sie gegebenenfalls unterstützen. So mancher lebt getrennt von seiner Frau und hat sich bei der Trennung nicht gerade mit Ruhm bekleckert: sie zum Beispiel geschlagen. Folglich will er nicht, dass sich das Sozialamt an die Ehefrau wendet, auch nicht, dass seine Eltern angeschrieben werden.

Bei uns im Nacht-Café sind regelmäßig etwa zwölf Männer und zwei bis drei Frauen. Der einen ist die Wohnung abgebrannt und sie will keine neue haben, weil sie einfach nicht noch einmal wieder von vorne anfangen mag. In ein Frauenhaus will sie aber auch nicht. Ich denke, dass sie an dem Punkt einfach nicht geschäftsfähig ist, denn da führt ja kein Weg dran vorbei. Andere Frauen sind nur deswegen nicht richtig obdachlos, weil sie immer bei jemandem anderen schlafen. Das ist so eine Art Wohnungsprostitution. Für Frauen gibt es an sich jedoch mehr und bessere Hilfsangebote als für Männer. Außerdem sprechen die Gerichte zu Recht im Trennungsfall, wenn ein Kind da ist, meistens der Frau die Wohnung zu.

Und dann sind hier in den letzten Jahren rund 500 000 Männerarbeitsplätze weggefallen, aber 700 000 Frauenarbeitsplätze neu entstanden. Für Männer sieht es also immer schlechter aus - besonders von einem bestimmten Alter an und bei bestimmten Berufen. Es gibt inzwischen eine regelrechte Partnerlosigkeit aus Armut. Die Männer sind einsam, weil sie arm sind und umgekehrt.

Jetzt werden auch noch viele Notunterkünfte geschlossen, aus Spargründen - unsere will man ja auch dicht machen. Das letzte Wort ist dabei aber noch nicht gesprochen. Ich bin sogar optimistisch. Obwohl man eigentlich schon mürbe werden könnte: Es hat sich in all den Jahren nichts geändert. Die zunehmende Armut und Obdachlosigkeit wird bloß verwaltet, es fehlen Ideen und Konzepte. Und dann werden noch laufend ohne Sinn und Verstand die Mittel gekürzt. Sogar die medizinische Grundversorgung wird immer schlechter: Die eine Obdachlosen-Ärztin, Jenny de la Torre, im Ostbahnhof hat entnervt nach neun Jahren gekündigt, der anderen, Lisa Rasch, im Bahnhof Zoo ist gekündigt worden. Eine psychologische Betreuung gibt es überhaupt nicht. Und in den wenigen Wärmestuben und Nacht-Cafés, die es gibt, kann man inzwischen nichts mehr kürzen. Bei uns in der "Arche" decken wir den Personalbedarf teilweise durch die Jugendgerichtshilfe ab. Straffällig gewordene Jugendliche leisten bei uns in der Küche ihre gemeinnützigen Stunden ab. Und das Essen beziehen wir schon seit Jahren aus dem Abschiebeknast Grünau - 30 Mahlzeiten täglich, kostenlos und tiefgefroren. Dort treten immer wieder Insassen in einen Hungerstreik, so dass sie da anscheinend immer genug Portionen übrig haben.

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Der Experte

Karsten Krampitz, geboren 1969 in Rüdersdorf, studiert Geschichte im 13. Semester. Im Jahre 1996 veröffentliche er einen Roman über Obdachlosigkeit: "Rattenherz", und 2000 einen über Obdachlosen-Zeitungen: "Affentöter". Er war sechs Jahre Redakteur bei den Berliner Obdachlosenzeitungen "Mob", "Haz", "Moz", "Straßenfeger" und "Straßenzeitung". Seit nunmehr zwölf Jahren arbeitet er in der Treptower Wärmestube "Arche", die mit ihrer Zweieinhalbzimmerwohnung zugleich ein Nacht-Café ist. Die "Arche" soll nach dem Willen der PDS-Stadträtin geschlossen werden. Was Krampitz über Obdachlosigkeit zu sagen hat, wurde von Helmut Höge aufgezeichnet.

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Erscheinungsdatum 06.01.2004
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