25.10.2003 - Berliner Zeitung - Marin Majica: Ein zauberhaftes Geschenk

Bei Motz, Stütze und Straßenfeger laufen die Vorbereitungen für die Harry-Potter-Ausgabe am 1. November

25.10.2003, Lokales - Seite 24, Marin Majica

Die heiße Ware liegt im Posteingang. "Ich habe die E-Mail gestern bekommen", bestätigt Grafiker und Künstler Andreas Koch und guckt ein wenig verschwörerisch. Nein, auf die Post darf man leider keinen Blick werfen. Auch keinen kurzen. Noch nicht mal einen klitzekleinen. Gar keinen.

Die geheimnisvolle Datei besteht aus 37 800 Zeichen und kommt aus der Redaktion der Straßenzeitung Motz. Koch und sein Kollege Stefan Stefanescu haben sich in ihrem Ladenbüro in der Brunnenstraße in Mitte mit Wolfgang Terner von der Motz getroffen. Die drei wollen über das Layout der nächsten Ausgabe sprechen. Das ist eigentlich nichts Besonderes, denn Koch und Stefanescu gestalten seit neun Jahren die Motz. Nur hängt an der E-Mail aus der Redaktion neben den normalen Motz-Artikeln das erste Kapitel des neuen Buches "Harry Potter und der Orden des Phönix".

Hilfe für Obdachlose

Den Anfang des fünften Potter-Bandes dürfen die Motz und die anderen beiden Berliner Straßenzeitungen am 1. November eine Woche vor dem offiziellen Verkaufsstart in Deutschland veröffentlichen - ein Geschenk der sozial engagierten Autorin Joanne K. Rowling. Die Britin, die mit ihrem Zauberlehrling reich wurde, will etwas abgeben von ihrem Glück. Potter soll die Verkaufszahlen der Straßenzeitungen steigern, der Erlös den obdachlosen Verkäufern zugute kommen.

Nur ist Frau Rowling mit ihrem Geschenk recht zimperlich: Sollten Teile des Textes vor dem 1. November veröffentlicht werden, droht den Straßenzeitungen eine 25 000-Euro-Strafe. Als Illustrationen zum Text dürfen nur zwei vorgegebene Bilddateien verwendet werden: ein Harry auf seinem Besen und eine Eule. Das Copyright muss deutlich vermerkt sein. "Wir lassen Harry durch die Seiten fliegen", schlägt Grafiker Andreas Koch vor. "Vielleicht spiegeln wir ihn und lassen zwei Harrys aufeinander zufliegen", nimmt Stefan Stefanescu den Ball auf. "Ich weiß nicht, ob wir das dürfen", witzelt Koch über die überstrengen Vorgaben des Verlags.

Ganz geheuer ist die Aufgeregtheit um den Zauberlehrling der Stütze und dem Straßenfeger nicht. Aber eine solche Chance zur Umsatzsteigerung will sich trotzdem keine der drei Redaktionen entgehen lassen. Die Motz und die Stütze lassen jeweils 5 000 Ausgaben mehr drucken. "Und wir können jederzeit nachdrucken", versichert Thomas Schepers von der Stütze. Während sich der Straßenfeger mit Euphorie zurückhält, will die Stütze die Potter-Ausgaben in der Nacht auf Sonnabend um 0.01 Uhr im Sony Center am Potsdamer Platz präsentieren. Musiker Frank Zander und andere Prominente haben versprochen, Werbung für die Stütze zu machen. Die Motz wird ihre Ausgabe zur gleichen Zeit bei einer Party in der Friedrichhainer Weserstraße 36 präsentieren und drei Gutscheine für das Potter-Buch verlosen.

"Es ist ein Geschenk des Himmels", sagt Wolfgang Terner von der Motz über die Aktion. Nach dem Sommer, wenn Obdachlosen traditionell weniger Spenden und Zeitungen abgekauft bekommen, seien die Straßenzeitungen knapp bei Kasse. Den Geldzauber eines Harry Potter können die Obdachlosenprojekte gut gebrauchen, sagt Terner. Obwohl ihm der Geheimhaltungstrubel suspekt ist.

Eine Woche lang musste er seinen Computer im Auge behalten, damit niemand die geheime E-Mail liest. Terner selbst ist wegen der ganzen Aufregung auch nicht dazu gekommen.

Straßenzeitungen // Die Verkäufer der Straßenzeitungen kaufen beliebig viele Exemplare für 40 Cent das Stück und verkaufen die Zeitungen dann auf der Straße für 1,20 Euro. Die 80 Cent Differenz können die Verkäufer, die oft auf der Straße leben, behalten. Aus ihren Einnahmen finanzieren die Träger-Vereine der Zeitungen Obdachlosen-Projekte wie etwa Notunterkünfte.

Der Straßenfeger ist mit einer Auflage von 15-18 000 Exemplaren die größte Berliner Straßenzeitung. Gegründet wurde die Zeitung vor neun Jahren. Seitdem erlebte das Blatt einige Namenwechsel und hieß zwischenzeitlich Die Straßenzeitung. Heute arbeiten in der Redaktion in der Prenzlauer Allee 87 zwei Festangestellte, ein Redakteur und eine Grafikerin, und ein Zivildienstleistender. Rund 20 freie und ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen die Redaktion. Getragen wird die Zeitung von dem Verein Mob. Der Straßenfeger erscheint wie alle Straßenzeitungen alle 14 Tage und ist im Internet unter www. straßenfeger-berlin. de zu finden.

Die Motz gibt es ebenfalls seit neun Jahren. Gegründet wurde die Zeitung mit Sitz in der Zossener Straße in Kreuzberg aus dem Umfeld des Obdachlosen-Vereins Mob und der heute nicht mehr existierenden Straßenzeitung Hatz. Aus den beiden Namen entstand die Mischung "Motz". Die Motz hat eine Auflage von 15 000 Zeitungen und wird von einem hauptamtlichen Redakteur betreut. Im Wechsel erscheinen die von der Redaktion gemachte Motz und die Motz Life. Deren Texte schreiben die Bewohner der Obdachlosen-Unterkunft in der Friedrichshainer Weserstraße. Im Internet unter www. motz-berlin. de.

Die Stütze wurde im Jahr 2000 gegründet und hat ihren Sitz in der Bastianstraße 21 in Wedding. Die Straßenzeitung, die mit einer Auflage von 10 000 Stück erscheint, wird ausschließlich von Ehrenamtlichen gemacht. Die Internetseite www. die-stuetze. com entsteht gerade.

BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Der Meister und ein Schüler: Ab 8. November gibt es den neuen Harry Potter-Roman auf Deutsch im Buchhandel.

Joomla templates by a4joomla