30.07.2003 - taz Bremen - Aletta Rochau: Vom Erfolg in die Krise gefegt

Einst waren es 40, jetzt sind es nur noch drei Menschen, die in der Bremer City die Obdachlosenzeitung "Straßenfeger" verkaufen - der Grund: zu wenig Reklame

Der Straßenfeger steckt in der Krise. Die einzige Obdachlosenzeitung in Bremen leidet unter sinkenden Verkaufszahlen. Von einst 10.000 Exemplaren werden in der Söge- und Obernstraße vor Karstadt nur noch rund 500 im Monat verkauft.

Vertriebschef Christian Schellert meint, die aktuelle Entwicklung hänge mit der fehlenden Reklame zusammen. Und weniger Werbung bewirkt weniger Verkäufe. Seit 1998 gibt es den Straßenfeger in Bremen. Während früher 40 Obdachlose, Arbeitslose und Bedürftige die Zeitung verkauften, sind es heute nur noch drei.

Die Zeitung mit einer Gesamtauflage von 15.000 Exemplaren wird von dem Berliner Verein "Obdachlose machen mobil" (mob e.V.) gemacht. Der Verein hat sich die Verbesserung der Lebensumstände von gesellschaftlich Benachteiligten und Ausgegrenzten auf die Fahnen geschrieben. Der Straßenfeger verstehe sich als Forum und Sprachrohr für Obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen. Die Verkäufer sollen sich aus den Erlösen des Straßenfegers selbst aus ihrer Situation heraushelfen - das Geld sei nicht dazu da, wie Schellert sagt, "um zum Kiosk zu gehen und sich die nächste Pulle zu holen." Schellert behauptet, dass schon 32 Verkäufer in Bremen wieder einen festen Wohnsitz hätten, dank des Straßenfegers. In Bremen sind laut Sozialressort derzeit 200 Menschen obdachlos.

Die Zeitung aus Berlin berichtet längst nicht nur über soziale Themen, sie bietet auch Artikel zu Freizeit und Lifestyle. Für Obdachlose gibt es überdies Informationen und Tipps beispielsweise zum Sozialhilfegesetz. Nachteil für Bremen: Die Zeitung hat keinen Lokalteil. Christian Schellert könnte selbst schreiben, er will aber nicht. Dennoch: "Mitmachen kann jeder."

Der Straßenfeger wird von journalistisch Interessierten gemacht, ein paar Profis sind auch dabei. Die Zeitung kostet 1,30 Euro. Davon behält der Verkäufer 60 Cent. Vom Rest wandern 50 an den Herausgeber mob e.V. in Berlin. 20 Cent bleiben in Bremen.

Verkaufen kann jeder und jede. Aber er oder sie muss sich an Regeln halten: Verboten sind der Verkauf im berauschten Zustand und in öffentlichen Verkehrsmitteln, die Belästigung oder gar Bedrohung von Passanten und Kollegen. Daneben gilt für Schellert, der früher selbst obdachlos war, das ungeschriebene Gesetz: "Wer sitzt, verkauft nicht", sondern lasse vielmehr zu, dass Menschen auf Verkäufer und Straßenfeger herabblicken.

Aletta Rochau

Mehr Infos unter www.strassenfeger-berlin.de. Wer redaktionell mitmachen möchte, meldet sich bei Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Zurzeit beschäftigt sich der Straßenfeger in Bremen mit dem Aufbau einer eigenen Website und braucht dabei Hilfe. Wer helfen will, melde sich bei Christian Schellert unter 0178 / 421 96 08

taz Bremen Nr. 7117 vom 30.7.2003, Seite 22 TAZ-Bericht Aletta Rochau



Kommentar (Stefan Schneider):

Ganz genau hat Frau Rochau dann wohl doch nicht recherchiert. Vielleicht hat Christian auch ein wenig übertrieben. 10.000 Exemplare wurden vom strassenfeger in Bremen nie verkauft. Bestenfalls in Spitzenzeiten 2.000 Exemplare, im Durchschnitt eher 1.000 Exemplare. Und wir hatten auch keine 40 VerkäuferInnen, bestenfalls 15 - 20 Leute, aber eher 10. Und kleinere Gruppen sind ohnehin nicht so stabil.
 

Anyway: Bremen ist und bleibt - trotz Schwankungen - ein wichtiges kleines Standbein vom Strassenfeger.
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