01.03.2003 - WortBildTon - Mareke Aden: Willste mal drei Strassenzeitungen?

„Es kommt beim Kunden schlecht an, wenn ihm alle halbe Stunde jemand mit einer Straßenzeitung hinterher rennt“, sagt Reinhard Kellner vom Bundesverband Verband Soziale Straßenzeitungen. In Berlin könne das aber passieren. „Die Berliner Kollegen glauben aus irgendwelchen Gründen, dass sie drei Zeitungen brauchen“, sagt er weiter. Warum glauben die „Berliner Kollegen“ das? Was bedeutet es für die Zeitungen?

Zeitungen in 19 Städten gibt es in Deutschland, andere Länder kommen mit einer Zeitung in fast allen Städten aus. Für Reinhard Kellner liegt das am deutschen Föderalismus. Weil sich in einigen Bundesländern die Kirche um die Obdachlosenzeitungen kümmert und in anderen die Arbeiterwohlfahrt, haben sich in jeder Region andere „Verlegerstrukturen“ herausgebildet. Außerdem gebe es viele Eigengewächse, in Berlin zum Beispiel, wo drei Vereine drei Zeitungen machten. Trotzdem versteht er die Berliner Verhältnisse nicht ganz. Anderswo streite man sich auch nicht.

Bernd Braun von der Motz erklärt die Diversifizierung der Szene so: „Eine Straßenzeitung hat vor allem eine Ausstrahlung auf besonders sture, dickköpfige, empfindliche Leute“, sagt er. Da könnten unterschiedliche Geschmäcker zu Zerwürfnissen führen, besonders da dies bei einer Straßenzeitung selten den Verlust eines bezahlten Arbeitsplatzes bedeutet.

Das mit dem „Zerwürfnis“ spielt darauf an, dass vor etwa fünf Jahren aus einer Straßenzeitung zwei wurden. Die Motz blieb, der Strassenfeger kam hinzu. Idealistisch bleiben stand gegen ein wenig kommerzieller und politischer werden. Der Strassenfeger hieß zwischendurch auch mal Straßenzeitung und hat bundesweite Ambitionen. „Die haben damit alle geärgert“, berichtet Kellner vom Bundesverband. Die Vertreter des Fegers sagen, der Richtungsstreit sei, ob man „mit der Jammernummer Einnahmen erzielen will“ oder ob man „politisch und gleichzeitig wirtschaftlich arbeiten möchte“. Jemand, der bei dem letzten großen Treffen vor der Spaltung dabei war sagt dagegen: „So groß war der Unterschied gar nicht.“ Größer sei er tatsächlich nur durch Sturheit und Dickköpfigkeit geworden.

Auf die Spaltung folgte 2000 die Gründung einer dritten Zeitung. Die Stütze ist das Feuilleton unter den Berliner Straßenzeitungen. „Es ging um das Inhaltliche“, mit ein paar neuen Schreibern wollten die Macher in die kulturelle Straßenzeitungs-Nische. Die Herausgeber der Berliner Blätter finden die Dreifaltigkeit nicht befremdlich. Das liegt daran, dass man mit den Zeitungen selbst ohnehin kein Geld machen kann. Alle drei Zeitungen brauchen noch ein zweites Standbein, zumindest Spenden wie die Stütze. Die Belegschaft der Motz entrümpelt auch und verkauft gebrauchte Bücher, sie hat zu diesem Zweck eine Dienstleistungs-GmbH gegründet. Der Strassenfeger verkauft Trödel.

Um staatliche Unterstützung konkurrieren die drei Zeitungen auch nicht - sie wollen keine. „Wir würden als Selbsthilfeprojekt nicht Ernst genommen werden“, sagt Bernd Braun von der Motz. Leute, denen der Selbstrespekt abhanden gekommen ist, sollten merken, dass man auch ohne Hilfe von außen Erfolg haben kann. „Außerdem würden wir längst nicht mehr existieren, wenn wir auf die Stadt Berlin angewiesen wären“, sagt er.

Wer weder um das große Geld, noch um staatliche Unterstützung kämpft, wer also seine Nebenbuhler so wenig zu fürchten hat, kann getrost behaupten: „Konkurrenz belebt“. Die Zeitungsmacher schauen genau, wie die anderen sich verändern. Stefan Schneider zum Beispiel, einer der drei Vorsitzenden des mob (obdachlose machen mobil), der den Strassenfeger herausgibt, weiß genau, wie die Zeitung nie sein soll: Wie die Stütze.

Die glänzt seidenmatt und ist gebunden wie ein Magazin. Der Stil ist nicht sozialengagiert, eher philosophisch angehaucht: Zur Bedeutung von Liebe, Tod und Rausch. Es gibt Fotostrecken. Die jüngste Ausgabe haben zwei Design-Studenten auf Vogue getrimmt. Die Bilder sehen so aus wie in der Modezeitschrift – wenn die Models nicht obdachlos wären. Die Posen der Models sind nachgestellt, auch die Vogue-Untertitel belassen. „Silbern glitzerndes Minikleid, reich verziert mit Perlen, Pailletten, Glassteinen und Schmuckstücken, um N 7000“ steht unter einem Mann mit weißem Rauschebart und Kippe in der Hand, der sich in die Kamera dreht und den Mund leicht geöffnet hat. Witz darf sein, Kultur auch: Das Obdachlosentheater „Ratten 07“ probt die Räuber. Chefredakteur Stephanus Parmann bespricht das Buch „Die Spinne auf der Haut“, das von der wahren Mode Obdachloser handelt. „Eklige Tiere, Eisen und extreme Haartrachten symbolisieren nach außen Aggressivität. Sie dienen ihren Trägern als Schutz und signalisieren: ,Fass mich nicht an!“ Viele Artikel haben gar nichts mit Obdachlosigkeit zu tun: ein Frida Kahlo-Porträt, das Neuste vom französischen Film.

So will der Strassenfeger also nicht sein. Wie dann? Angemessen altpapiern, „das passt zu unserem Image“, kritisch und engagiert. Die Artikel sind gut recherchiert und geschrieben, zum Teil von ausgebildeten Wissenschaftsjournalisten. Es gibt immer Ratschläge, Tipps und Tricks. In der letzten Augustausgabe ist ein Musterbrief abgedruckt, mit dem man die Einrichtung eines Girokontos einfordern kann. Das Gerichtsurteil, das den Anspruch begründet, wird auch erklärt. Ansonsten ist das Blatt monothematisch: Diesmal ist die Hanfparade das Monothema. Zur Vereinbarkeit von Marihuana und Arbeit („Macht kiffen blöd?“), ein Plädoyer für drogenfreie Wärmestuben und Teil II eines Interviews mit dem Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele über die Drogen-Legalisierung.

Die älteste und bekannteste Straßenzeitung, die Motz, ist das Hardcore-Obdachlosenmagazin. „Parteiisch, authentisch, ungeschminkt, life“ steht im Untertitel. Neben dem Geschäftsführer der Motz schrieben und dichteten zuletzt Migo, Moby Dick, Dirk, Rolli, Marco, Sebastian, Paul und Sandy. Viele Artikel beginnen mit den Worten: „Heute möchte ich mal berichten von.“ Dem Jüdischen Museum und den Berliner Wärmestuben sind zwei Serien gewidmet. Paul beschreibt in „Szenen einer Stadt“, wie einer in der U-Bahn „seinen Nasenschleim rasselnd in den Rachen“ saugt.

Klientel der Motz ist nicht der U-Bahn-Fahrer, der die Zeitung liest, sondern alle, die in ihr schreiben und sie verkaufen. Marktwirtschaftlich betrachtet ein gewagtes Konzept. Im Frühjahr stand die Motz vor dem Konkurs, weil das Entrümpelungsgeschäft in der Konjunkturkrise nicht mehr läuft. Die Stütze präsentierte zeitgleich eine ausgeglichene Bilanz 2002, der Strassenfeger gab bekannt, dass die Auflage diesen Sommer auf dem hohen Winterniveau geblieben sei. Aber marktwirtschaftlich will man nicht unbedingt sein.

Mareke Aden
Magazin < S. 17
Ob
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