13./14.07.2002 - Märkische Allgemeine Zeitung - Melanie Katzenberger - Blätterwald auf Asphalt

In Berlin drängen sich die Verkäufer dreier Straßenzeitungen. Nach Brandenburg kommen wenige.

Robert Schwarz ist ein höflicher Mensch. „Die Dame?", spricht er die Passantinnen in der Brandenburger Straße in Potsdam an, „die Dame, darf ich Ihnen auch mal die Obdachlosenzeitung für Berlin und Brandenburg mitgeben?"

Robert Schwarz verkauft „Die Stütze", die jüngste der drei Berliner Straßenzeitungen. Viele Obdachlose bieten alle drei Blätter feil: die motz, den Strassenfeger und die Stütze. Doch Robert Schwarz findet, „man sollte einem Verein treu bleiben."

Der „Stütze - Aufbruch von unten e.V." wurde vor zwei Jahren gegründet. Ein halbes Jahr später ging die erste Zeitungsausgabe in Druck. Nach einem weiteren Jahr eröffnete der Verein eine Notunterkunft mit sieben Betten in einem ehemaligen Ladengeschäft im Wedding. Dort, in einer ruhigen Kopfsteinpflasterstraße mit türkischer Bäckerei und Tabakladen, ist auch die Redaktion untergebracht. Vereinsgründer und Chefredakteur Uwe Spacek sitzt im Vorraum. Er trägt Jeans und Karohemd, Brille und Bart, das rotblonde Haar hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. „Zwei Jahre vollkommener Selbstausbeutung" liegen hinter ihm, sagt er. Doch zum Leben reicht es immer noch nicht. Der 42-jährige bekommt Arbeitslosengeld. Um sich ein paar Euro dazu zu verdienen, zieht er regelmäßig mit einem Stapel von Stützen im Arm los. „Ich bin wahrscheinlich der einzige Redakteur, der seine Zeitung selbst verkauft." Es klingt nicht bitter, eher amüsiert.

Uwe Spacek will kein klassisches Obdachlosenblatt machen, sich nicht auf die Berichterstattung rund um die Wohnungsnot beschränken. „Wir sind ein soziales Magazin, das Themenvielfalt aufweist", sagt er.

Recht auf Faulheit unter der Lupe

In der aktuellen Ausgabe geht es um Lust, Liebe und Sexualität. Anlass ist der Christopher-Street-Day und die Love-Parade. Auch das Recht auf Faulheit oder den Zusammenhang von Umweltsünden und Armut haben die Stütze-Macher schon beleuchtet. Es gibt feste Rubriken, sie heißen O-Ton, Leidkultur und Ratgeber. Das Layout ist abwechslungsreich, die Vielzahl von Schriftarten und Gestaltungselementen wirkt jedoch etwas unruhig.

Gemacht wird die Stütze von drei Redakteuren, zehn festen Autoren und zwei Fotografen. Auch Verkäufer kommen in der Stütze regelmäßig zu Wort. „Viele wollen nicht nur die Zeitung verkaufen, sie wollen sich einbringen", sagt Uwe Spacek in seiner unaufgeregten Art. Man fragt sich nicht, warum er sich für Arme und Obdachlose engagiert, es passt zu ihm. Seine Kindheit hat Uwe Spacek zum Teil im Ausland verbracht, unter anderem in Tansania. Sein Vater war beim Rundfunk, Abteilung Außenpolitik. Als er zehn war, kehrte er mit seinen Eltern in die DDR zurück. Er sagt: „Ich habe an den Sozialismus geglaubt." Heute kämpft er für die, die durch das soziale Netz gefallen sind. Angefangen hat Uwe Spacek bei der PDS-nahen Berliner Linken Wochenzeitung, später hat er ein Journalistik-Fernstudium begonnen und als Redakteur beim „Strassenfeger" gearbeitet. Doch es gab Streit, er verließ das Blatt und machte sich selbständig.

Der „Strassenfeger" existiert seit 1995, hieß zwischenzeitlich Straßenzeitung und wird vom Verein „Mob - Obdachlose machen mobil e.V." herausgegeben. Gemacht wird das Blatt von Zivildienstleistenden, ehrenamtlichen Helfern und Leuten, die „Arbeit statt Strafe", „Arbeit statt Sozialhilfe" oder „gemeinnützige zusätzliche Arbeit" leisten. Auch die Verkäufer selbst liefern regelmäßig Beiträge.

In der Redaktion an der Oderberger Straße im Prenzlauer Berg ist es laut und staubig, das Haus wird saniert. Die Strassenfeger-Leute bereiten den Umzug in ihr neues Domizil an der Prenzlauer Allee vor. Dort sollen die einzelnen Mob-Projekte – das Kaffee Bankrott, die Redaktion und ein Trödelmarkt – unter einem Dach vereint werden.

Der Mob-Vorsitzende ist im Urlaub. Deshalb schmeißt Kerstin Herbst den Laden. Die 43-Jährige ist über die Kommunalpolitik zum Strassenfeger gekommen. Sie sitzt für die Grünen in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung, hörte dort von mob e.V. und begann sich zu engagieren – ehrenamtlich.

Im Frühjahr ist ihr dann auch noch „die Redaktionsarbeit zugefallen", weil die dreiköpfige Redaktionscrew das Blatt verlassen hat. Der Grund: Unstimmigkeiten, es ging um Honorare. Kerstin Herbst – kurze Haare, schwere Lederjacke, Zigarette in der Hand – ist eine resolute Frau. Sie fühlt sich wohl in der Rolle der Macherin. Der Szenenjargon à la „Cash auf die Kralle", „Staatsknete", „wenn die Technik abschmiert" geht ihr leicht über die Lippen. Über sich selbst spricht sie nicht gern. Auch über die ständigen Querelen bei den Straßenzeitungen nicht. Nur so viel: „Das sind ja alles linke Projekte und keiner ist so gut darin, sich zu zerstreiten, wie linke Gruppen."

Kerstin Herbst leitet die allwöchentliche Redaktionssitzung im benachbarten Prenzelberg-Straßencafé mit Blick auf Abrisshäuser neben schmucken, frisch sanierten Fassaden. Sie bespricht die eben gedruckte Ausgabe, plant die neue. Um alternative Gastronomie soll es gehen. Auch der Strassenfeger will sich nicht allein aufs Soziale verlegen. Der Grund: „Unsere Leserschaft ist heterogen." Außerdem: „Immer nur zu schreiben, wie schlecht es den Armen geht, das ist zu platt", sagt Kerstin Herbst. Auch der Strassenfeger hat feste Rubriken. Dazu gehört das Promi-Interview – zuletzt mit Dieter Thomas Heck, der Sozialhilferatgeber und die Schnittstelle, in der ein rauschebärtiger Mann namens Wolfgang Sabbath das Weltgeschehen kommentiert. Ein Standard ist auch die Berichterstattung über die Sanierung des eigenen Hauses. Das ist dem Verein geschenkt worden. Später sollen dort wieder die alten Mieter und Obdachlose einziehen. Der Strassenfeger hat originelle Bildideen und gute Fotos. In fast jeder Ausgabe gelingt eine Hinguckerseite.

Die Stärke der motz, der dritten im Bunde, ist eine ansprechende Optik nicht, vielmehr versprüht sie einen eher Spröden Charme. Auch die Texte sind zwar faktenreich, aber meist recht trocken. Das gilt vor allem für die „Profi"-Ausgabe., die im Wechsel mit der Obdachlosenausgabe erscheint, in der ausschließlich Verkäufer zu Wort kommen. Während Stütze und Straßenfeger mit ehrenamtlicher Arbeit und über geförderte Stellen entstehen, bezahlt der motz & Co e.V. einen festen Redakteur. Das Geld dafür stammt aus dem vereinseigenen Unternehmen mit Umzugsfirma, Trödel und Antiquariat, in dem etwa 20 Menschen arbeiten. Gründungsmitglied und Chefredakteur Christian Linde versteht sich als Chronisten in Sachen Armut und Obdachlosigkeit. Er kritisiert, dass sich die Tageszeitungen des Themas nicht in gebührendem Maße annehmen. Auch den anderen Straßenzeitungen wirft er das vor. „Die berichten über alles, nur nicht über die Wohnungsnotfallproblematik." Das hält er für verwerflich, weil sie alle doch ursprünglich mit genau diesem Anspruch angetreten sind. Wer sich eine Obdachlosenzeitung kauft, der will darin auch etwas zum Sujet finden, davon ist er überzeugt.

Der 39-Jährige sitzt in einem Straßencafé am Marheinekeplatz in Kreuzberg, unweit der motz-Redaktion, komplett in Schwarz gekleidet, Silberringe an den Fingern. Er trinkt Mineralwasser und erzählt. Christian Linde ist eloquent, man hört ihm gerne zu, das weiß er. Er sagt Dinge wie, „von einem Grundmotiv auf eine allgemeine gesellschaftliche Ebene abstrahierend" oder „phänomenologisch dafür ist ...". Dass die erste Straßenzeitung zwei Jahre nach Gründung des Obdachlosentheaters „Die Ratten" entstand, findet er bemerkenswert, zeige es doch wieder einmal, dass „in der Kunst erstmals auftritt, was später gesellschaftliche Relevanz erlangt." Er hat Kommunikationswissenschaften und Publizistik studiert, deshalb interessiere er sich für so etwas, sagt er.

Konkurrenz der Blätter nützt den Obdachlosen

Die Standardfragen nach Auflage und Verkauf findet er langweilig, was bisher über die motz geschrieben wurde auch. Das hat er schon am Telefon gesagt. Ob sich der gebürtige Kreuzberger wirklich überlegen fühlt – wer weiß. Zumindest tut er so.

Die starke Konkurrenz, den steten Kampf auf dem Asphalt um Kunden, versuchen alle Beteiligten positiv zu sehen. Für die Qualität der Blätter sei sie nur gut, sagt Kerstin Herbst. Auch für die Verkäufer ist sie von Vorteil. „Die können sich aussuchen, was sie verkaufen wollen." Und sie diktieren die Preise. Inzwischen gehen zwei Drittel des Erlöses an sie, früher war es nur die Hälfte. Und dann sind da noch die sozialen Projekte – Notunterkünfte, Tagescafés – die hinter jeder Zeitung stehen, erinnert Uwe Spacek. Und je mehr es davon gibt, desto besser.

Robert Schwarz wohnt seit drei Monaten in der Notunterkunft der „Stütze" und verkauft die Zeitung – eigentlich in der Berliner S-Bahn. Doch dort treten sich inzwischen Zeitungsverkäufer, Musiker und Schnorrer auf die Füße, deshalb will er sein Glück in Zukunft auch öfter in Potsdam versuchen. Vor dem Stern-Center, hat er gehört, soll es besonders gut laufen.

Melanie Katzenberger

Veröffentlicht in: Märkische Allgemeine Zeitung, 13./14. Juli 2002
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