2001 - ddp - Sarah-Mai Dang: Wir lieben uns nach wie vor nicht

"Wir lieben uns nach wie vor nicht"

Die Berliner Straßenzeitungen haben sich an die Konkurrenz untereinander gewöhnt

-- Von ddp-Korrespondentin Sarah-Mai Dang --

Die U-Bahn-Tür öffnet sich und ein Mann in verschlissener Lederjacke steigt ein. Unter dem Arm trägt er einen Packen Zeitungen, die er verkaufen will, Straßenzeitungen. Ab und an findet der Mann einen Abnehmer. Manche Fahrgäste sind genervt, denn er ist bereits der dritte Verkäufer, der sein Magazin loswerden möchte. Drei Straßenzeitungen gibt es derzeit in Berlin: die "motz", die "straz" und die "Stütze". Alle drei sind aus verschiedenen Zeitungsgründungen und -auflösungen hervorgegangen. Die Historie ist kompliziert.

Am Anfang gab es "Haz" und "Mob". Aus der "Haz" ging die "Platte" hervor. Der Rest "Haz" schloss sich mit der "Mob" zur "motz" zusammen. Ein Teil der "motz" ging später zum "Straßenfeger", der sich aus der "Platte" löste. Der "Straßenfeger" fusionierte mit dem "Looser", hervorgegangen aus dem "Wohungsloser", zur "Straßenzeitung". Heute heißt sie "straz". Die "Platte" ging ein. Dann wurde die "motz-life" gegründet, die im Wechsel mit der "motz" erscheint. Teile der "Straßenzeitung" und der "motz" gründeten die "Stütze". Alle drei Magazine erscheinen vierzehntägig an verschiedenen Wochentagen und kosten 1,20 Euro.

Grund der wechselnden Titel sind persönliche Streitigkeiten der Mitarbeiter und interne Meinungsverschiedenheiten zum Konzept. Nachdem sich die gröbsten Auseinandersetzungen und Vorwürfe gelegt haben, begrüßen die Macher inzwischen nach außen hin die Konkurrenz. Wenn die "Stütze" und die "straz" eingingen, würden sowieso wieder neue Projekte geschaffen, meint "motz"-Geschäftsführer Bernd Braun. Außerdem sei Konkurrenz wichtig für die Qualitätssicherung. Die Zeitung muss gut sein, damit sie Abnehmer findet und somit auch für die Verkäufer als Einnahmequelle interessant wird.

Ähnlich sieht das auch "straz"-Herausgeber Stefan Schneider. Zwar hätten sich die unterschiedlichen Charaktere nicht zusammenraufen können, um eine gemeinsame Zeitung zu machen, doch würden die Projekte auch voneinander lernen. Ebenso denkt sein Konkurrent und ehemaliger Kollege, "Stütze"-Gründer Uwe Spacek. Nach gescheiterten Fusionsgespräche von "motz" und "Straßenfeger" vor etwa drei Jahren sieht auch er keine Möglichkeit für eine gemeinsame Zeitung. "Wir lieben uns nach wie vor nicht", sagt Spacek. Doch gebe es Kooperationen wie Unterschriftenaktionen, zum Beispiel gegen die Vertreibung Obdachloser aus den Bahnhöfen. Sicher wäre auch ein gemeinsames Vertriebssystem sinnvoll, um Geld und Kräfte zu bündeln, doch dies sei momentan nicht machbar.

Eine Zukunft für eine gemeinsamen Zeitung sieht auch Braun nicht. Außerdem sei Berlin groß genug für drei Straßenmagazine. Die beiden Stadtmagazine "Zitty" und "tip" fusionierten ja auch nicht, nur weil sie ähnlich arbeiteten. Außerdem unterschieden sich die Projekte auch zu sehr in ihrem Konzept. So pflege die "Stütze" beispielsweise ein viel engeres Verhältnis zu ihren Verkäufern und probiere ihnen in ihrem Blatt ein "zu Hause" zu geben, meint Braun. Dagegen werde bei der "motz" - genauso wie bei der "straz" - das Private strikt von dem Geschäftlichen getrennt. Während Braun denkt, dass sich die Verkäufer sowieso nicht für den Inhalt der Zeitungen interessieren, legt Spacek besonders Wert darauf, dass sie sich in der "Stütze" wiederfinden.

Die drei Straßenzeitungen dienen suchtkranken und obdachlosen Menschen nicht nur als Einnahmequelle. Durch den selbstständigen Verkauf bekommen sie auch ein stärkeres Selbstvertrauen. Zudem nehmen sie weniger Drogen, um die Zeitungen besser präsentieren zu können. Ferner sollen die Berichte auf soziale Probleme aufmerksam machen. Die Magazine fungieren ebenso als Sprachrohr der Bedürftigen. Hinter den Zeitungen stehen auch noch weitere Projekte, bei denen auch feste Arbeitsplätze entstanden. So bieten die Vereine "motz & Co", "mob - obdachlose machen mobil" und "Stütze - Aufbruch von unten" noch teilweise Selbsthilfekonzepte wie Notübernachtung, Treffpunkte, Trödelhandel, Transporte, Bauprojekte und Kulturveranstaltungen.

Die Zeitungen sind essentiell wichtig für die Vereine. Sie bekommen mittels Anzeigen dadurch Aufträge und Spenden für ihre anderen Projekt wovon sie wiederum ihre Magazine finanzieren. Staatliche Förderungen erhalten die Vereine nicht. Daher werde es die "motz" auf jeden Fall weiter geben, versichert Braun., der bei einer Auflage von etwa 28.000 auch keinen Grund zur Beunruhigung hat. Auch Spacek ist bei seiner "Stütze" zuversichtlich. Die Auflage am Anfang von 7000 habe sich mittlerweile auf etwa 15.000 erhöht. Diese Anzahl sei aber auch nötig, um ihr Projekt zu finanzieren. Schneider gibt sich ganz pragmatisch. Die "straz" - mit einer Auflage um die 15.000 - würde solange gemacht, wie sie gebraucht werde. Und wenn die anderen Vereinsprojekte vollkommen selbständig geworden sind, brauche man die Zeitung nicht mehr.
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