01.04.2000 - junge Welt - Karsten Krampitz: Obdachlose stürmten Berliner Nobelhotel

Im Kempinski am Kurfürstendamm waren noch Betten frei.

Von Karsten Krampitz

»Aber natürlich können Sie sich bei uns bewerben. Im Küchenbereich suchen wir sogar Hilfskräfte, dringend!« Manfred Nissen, Geschäftsführer des Kempinski, wirkt sichtlich irritiert. Gerade eben ist sein Etablissement von 50 Leuten gestürmt worden, darunter 30 Obdachlose. Zwei von ihnen nutzen im Chaos die Gelegenheit zum Bewerbungsgespräch. Nissen, anfänglich eher ungehalten, zeigt Contenance. »Herrschaften, ich bitte Sie. Wir sind doch keine Kirche.«

Unter dem Motto »Es sind noch Betten frei!« hatte das Obdachlosenmagazin strassenzeitung in Berlin für Freitag vormittag zur Besetzung des Kempinski aufgerufen. Die parteiunabhängigen Jungdemokraten und die libertäre Gewerkschaft FAU-IAA schlossen sich an. Grund des Aufruhrs: das alljährliche Ende der sogenannten Kältehilfe. Mit dem 31. März schlossen in der Hauptstadt elf der 21 kirchlichen Notübernachtungen, die ohne Ausnahme von den Bezirksämtern finanziert werden. Standen bis dato für - nach Senatsschätzungen - 2 000 bis 4 000 »auf der Straße lebende Menschen« wenigstens 347 Betten bereit, so sind es mit dem 1. April nur noch 162 Plätze. Ende diesen Monats werden auch die übrigen Einrichtungen der Vergangenheit angehören. Nicht unerwähnt bleiben sollen die sogenannten Nachtcafés, von deren 20 gleichfalls zehn ihren Betrieb einstellen. Nur dem Namen nach erinnern sie an gepflegtes Ambiente. In der Regel schlafen die Unbedachten dort auf Iso-Matten. Und das auch nur einmal pro Woche, weil sich die das Projekt tragenden Kirchen abwechseln.

»In Notunterkünften sind Obdachlose nicht nur vor Kälte, sondern auch vor den Repressalien privater Sicherheitsdienste und der Gewalt von Neonazis geschützt«, so Marek Voigt, Landesvorsitzender der JungdemokratInnen/Junge Linke. »Mit der Aktion wollen wir auf die zunehmende Ausgrenzung Obdachloser aufmerksam machen und mehr Unterstützung für selbstverwaltete Notübernachtungen fordern.«

Mittlerweile sind Hotel-Happenings bei der strassenzeitung (deren Notübernachtung nicht einen Pfennig staatlicher Zuschüsse erhält und trotzdem geöffnet bleibt) ein lieb gewordener Brauch. Aus gleichem Anlaß haben die Akteure im vergangenen Jahr das Adlon-Hotel besucht. Für immerhin 15 Minuten hielten sie medienwirksam das Foyer besetzt. Gestern war die Polizei zwar schneller vor Ort, doch erst nach 20 Minuten konnte sie die Störer aus der Halle drängen. Besondere Verdienste erwarb sich dabei der Portier. Der Mann erstattete erst Anzeige wegen Beleidung - er sei »Penner« gerufen worden - und eine halbe Stunde darauf, die Besetzung war längst beendet, glaubte er sich an Gewalttätigkeiten zu erinnern. Der Beschuldigte, namentlich Oliver Liga (obdachlos, Gewichtsklasse unter fünfzig Kilo), kam umgehend in staatliche Obhut und erst zum späten Nachmittag frei. Alles in allem gab es drei Anzeigen (Hausfriedensbruch etc.) und zwei Festnahmen. Wie eingangs erwähnt, haben aber tatsächlich zwei Wohnungslose eventuell einen Job gefunden. Was für ein Tag!

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