13.10.2000 - Freitag - Detlev Lücke: Bräute aus der Provinz

Am Samstagabend ist die U-Bahn voll. Man lässt das Auto zuhause stehen und rollt erwartungsfroh in die City. Im Bahnhof Turmstraße steigt eine Horde junger Mädchen ein. Eigentlich sind es junge Frauen. Aber sie benehmen sich wie durchgedrehte Backfische. Sie erinnern an Fußballfans in einer fremden Stadt: Gruppendruck, Stimmungsventile, Gegröhle, das nach Aufmerksamkeit der Einheimischen heischt. Die jungen Frauen tragen Brautschleier im Haar. Bräute aus der Provinz. Sie sprechen den hellen Dialekt aus Nordwestdeutschland, dessen Hochdeutsch immer leicht ins Blecherne changiert. Zwei von ihnen ziehen durch den Waggon und fangen an, die Leute um eine Mark anzugehen. Sie finden das außerordentlich lustig. Vielleicht wollen sie auch einmal auf der abgewandten Seite des Lebens wandeln, so wie sie da gut frisiert, gut gewaschen und gut angezogen aus Walsrode oder Osnabrück in die Hauptstadt gekommen sind. Die Passagiere reagieren abweisend. Zwei ältere Polinnen, die mir gegenübersitzen, behaupten: »Nje rasumejemy.« Wir verstehen nicht. Was vermutlich nicht stimmt.

Ich verstehe das Ganze auch nicht und blicke angestrengt in den Tunnel. »Aus dem Fenster sehen gilt nicht«, schreit mich im waggonfüllenden Diskant eine der Bräute an. Etwas humorlos antworte ich ihr: »Hier betteln jeden Tag Leute auf der U 9, die es bitter nötig haben. Sie tun das nicht ganz so ver gnügt wie ihr.« Eine Antwort der gefühlsmäßigen correctness, aber wahrscheinlich doch der falsche Ton gegenüber dieser geballten Harmlosigkeit. In der anderen Ecke spendiert ein Touristenehepaar eine Mark. Jubelndes Gekreische. Eine Sektflasche knallt auf. Die Mädchen haben Mutprobe und Wette gewonnen. Am Bahnhof Zoo entfernen sie sich laut schreiend in Richtung Hardenbergstraße.

Auf dem Bahnsteig schleicht jener schmale Typ herum, der sommers wie winters Sandalen ohne Strümpfe trägt. Er sucht wie immer Zigarettenkippen. Ein älterer Kerl schreit hinter den Sicherheitsleuten her, die durch die Wagen patrouillieren: »Fünf Meter höher sollten se de Mauer baun. Und denn oben Deckel druff.« - »Und du diesmal im Osten«, entgegnet ihm ein Altersgenosse. Der Blöker glotzt blöde.

Auf dem Fernbahnsteig erwarte ich die Ankunft des Interregio aus Oberstdorf. Er hat einige Verspätung. Am Kiosk erstehe ich einen Kaffee zu astronomischen Preisen. Am Nachbartisch steht ein Afrikaner, roter Jogginganzug, rotes Basecap. Plötzlich tauchen zwei Bundesgrenzschutzbeamte auf. Grüne Uniformen mit weißen Mützen. Die Mützen erinnern an die Kopfbedeckungen des KD (Kommandantendienstes), den Kettenhunden der Nationalen Volksarmee, wie sie dort selbstverständlich genannt wurden. Als der Autor Wiglaf Droste kürzlich die Feldjäger der Bundeswehr mit diesem ebenso historischen wie leider auch aktuellen Ausdruck bezeichnete, wurde er gerichtlich belangt. Die BGS-Leute bauen sich vor dem Schwarzen auf, verlangen seine Papiere. Er gibt ihnen eine Legitimation, die wie ein Zettel aussieht, mit seinem Passbild oben links. Der kleinere der Beamten, ein Typ wie Roland Koch, wenn er bei der Stasi gewesen wäre, glotzt auf das Papier, liest es immer wieder, als ob er noch unentwegt etwas Neues entdecken will. Natürlich gibt er das Dokument nicht zurück. Ein Déjà-vu-Erlebnis für mich. Als ich auf dem Bahnhof Salzwedel 1971 verhaftet wurde, stierte der Trapomann minutenlang in meinen Personalausweis, blätterte ihn hin und her, bevor er ihn wegsteckte. Vielleicht lernt man so was auf den Polizeischulen in aller Welt. Es ist erbärmlich. Der Afrikaner steht da wie ein Lamm Gottes, schafsgeduldig und in sein Schicksal ergeben. Einige Passanten bleiben stehen, denken wie ich naiv, sie könnten den Grenzschützer durch Beobachtung verunsichern. Der liest und knittert. Plötzlich klingelt im Jogginganzug des Afrikaners ein Handy. Er telefoniert. Lacht. Kann sich mitteilen. Das gefällt den Ordnungshütern überhaupt nicht. Sie führen ihn ab. Wollen nicht, dass sich Umstehende mit ihm über den fernen Kommunikationsgehilfen freuen.

Der Zug läuft ein. Der Sohn kommt von der Klassenfahrt aus Bayern zurück. Ich kaufe schnell noch einem Straßenverkäufer die neueste Obdachlosenzeitung ab, weil er mir leid tut, wie er da zum tausendsten Mal seine Bettellitanei herunterbetet. »Die zwei Mark hätte ich auch gut gebrauchen können«, meldet sich der Sohn dringlich in der Heimat zurück. »Dir geht es eigentlich ganz gut«, sage ich leise und erzähle ihm nichts von jenen Erlebnissen, die meine Wiedersehensfreude verunsichert haben.

http://www.freitag.de/2000/42/00422003.htm
Joomla templates by a4joomla