24.11.1998 - Junge Welt - Karsten Krampitz: Stiftung Wärmestubentest

Stiftung Wärmestubentest

Obdachlose beurteilen staatliche und kirchliche Hilfsangebote


Der Winter ist nun auch in Deutschland ausgebrochen. Zeit des Mitgefühls und der Barmherzigkeit. Ein liebgewordener Brauch ist es da, daß sich die Kirchen in Berlin und anderswo der Unbedachten annehmen. Sozialarbeiter, Gemeindemitglieder und Studenten opfern sich auf, schmieren Stullen, schütteln Betten und haben bei alledem - wie immer wieder berichtet wird - ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Bedürftigen. Alle geben sie sich der Nächstenliebe hin, gleichwohl die Bezirksämter das Engagement kaum würdigen. Der Stundenlohn für die »Ehrenamtlichen« liegt nur unwesentlich über dem Sozialhilfe-Tagessatz für Obdachlose. Besonders aber in den privaten Wohnheimen, die ganzjährig geöffnet sind, erfahren die fleißigen Helfer viel zu selten Dank für ihre Arbeit.
»Stiftung Wärmestubentest« - das ist doch ein Scherz, oder? Das wird sich zeigen. Einen Anlaß dafür gibt es allemal: Sozialarbeit, ob von Laien oder Hauptberuflichen geleistet, wird von den Betroffenen oft als Gnadenakt empfunden. Selten, daß die Hilfe frei von Willkür und Disziplinierung daherkommt. In allen anderen Bereichen der Gesellschaft, sei es in Politik oder Wirtschaft, wirken Mechanismen, die den Verantwortlichen vorab bestimmte Grenzen setzten, z. B. Wahlen. Sozialarbeiter aber werden nicht gewählt, auch haben Obdachlose keine Gewerkschaft.

Mit der Aktion »Wärmestubentest« soll den Betroffenen eine Möglichkeit geboten werden, auf soziale Einrichtungen öffentlichen Druck auszuüben und Mißstände aufzuzeigen. Dabei steht außer Frage, daß es überall Leute gibt, die ehrlichen Herzens ihrer Arbeit nachgehen. Diese Pfarrer und Sozialarbeiter, vielleicht sind es ihrer ja mehr, als wir denken, werden mit Freude die Herausforderung annehmen.

Die Bewertung der jeweiligen Einrichtung erfolgt durch eine rein zufällige Stichprobe einer unabhängigen Jury. Die Juroren, allesamt erfahrene »Nutznießer« der Berliner Kältehilfe, sind zur Objektivität angehalten. Ihrer Beurteilung schließt sich noch eine zweite an - durch die Obdachlosen vor Ort. Deren Antworten zu einem Fragebogen werden vertraulich behandelt. Alle Ergebnisse werden im Obdachlosenmagazin »Straßenfeger« veröffentlicht und kommentiert.

In Anlehnung an die Hotelbranche werden ein bis vier Sterne vergeben:
* »verbesserungswürdig«;
** »annehmbar«;
*** »gut«;
**** »sehr gut«.

Jedes Jurymitglied bzw. jeder Gast vergibt in den verschiedenen Kategorien (Personal, Atmosphäre, Essen und Hygiene) Noten von 1 bis 5. Diese ergeben in ihrem Durchschnitt das persönliche Urteil. Aus allen Fragebögen zusammen wird dann das jeweilige Endprädikat ermittelt.

In vielen Einrichtungen werden bedürftige Ausländer aufgenommen. In anderen nicht. Da Spannungen zwischen deutschen und nichtdeutschen Obdachlosen an der Tagesordnung sind, weichen die Betreuer diesem Problem oftmals mittels Abweisung ausländischer Bedürftiger aus. Deshalb wird bei den Stichproben auch auf die Anwesenheit von Ausländern geachtet werden, was, je nach dem, zu einer Auf- oder Abwertung des Testergebnisses führen kann.

Nachahmungen dieser Testaktion in anderen Städten sind durchaus erwünscht.

Karsten Krampitz

* Musterfragebogen und Kontakt: Karsten Krampitz, Tel.: 030/2901959 oder 030/7847337

junge Welt, Inland, 24.11.1998

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