24.06.1998 - Berliner Zeitung - Andreas Kurtz: Betteldiplom für Professor -ky

Betteldiplom für Professor -ky

Nein, nicht alle Studenten werden nach erfolgreicher Verteidigung ihrer Diplomarbeiten Taxifahrer. Es gibt auch welche, die nicht soviel Glück haben.

Und was tun die Professoren dagegen – ich meine außer Taxi rufen und sich zur nächsten Demo für oder gegen mehr Dingsbums chauffieren lassen?! Die Professoren machen sich im Idealfall Gedanken, durch welches Zusatzwissen sie ihren Schutzbefohlenen den Start in das böse Leben ein wenig erleichtern können.

Leuchtendes Beispiel: Professor Horst Bosetzky, Soziologieprofessor an der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege. Der Mann belegt morgen gemeinsam mit Studenten eine Zusatzausbildung, an deren Ende das "Betteldiplom" steht. Unter sachkundiger Anleitung von Fachleuten - den Verkäufern des Obdachlosenmagazins "Der Straßenfeger", die auf diese Weise zu Dozenten, also gewissermaßen Kollegen werden.

Bosetzky, der bisher eher als Krimiautor -ky" auffällig wurde, muß sich dabei in drei Pflichtfächern beweisen:
  1. "Sitzung halten" in der Einkaufspassage (körperliche Gebrechen und Hunde sind selbst mitzubringen, nur ein gültiger Platzverweis der Polizei befreit wirksam von diesem Fach),
  2. "Straßenfeger" verkaufen,
  3. Pfarrer zu Hause belagern und anschnorren.
Wahlfächer:
Einkaufswagenmark schnorren oder Containern (die Jagd nach dem Flaschenpfand).

Die Teilnahmegebühr in Höhe von 180 Mark wird zwischen dem persönlichen Dozenten und den Wohnprojekten des "Straßenfeger"-Trägervereins brüderlich geteilt. Für Bosetzkys Studenten ist diese Ausbildung übrigens besonders wichtig, denn viele von denen landen früher oder später sowieso auf dem Sozialamt. Allerdings hinter dem Schreibtisch.

Natürlich gibt es ihn, den Fluch der guten Idee. Ein Beispiel: Irgendein Witzbold in der Redaktion der Radiostation r.s.2 hatte die Idee, vernachlässigten "WM-Witwen" männlichen Beistand anzubieten, während die Gatten in die Röhre schauen. Das Ganze nennt sich nun leicht verrucht "Gentleman-Hotline" und schlägt voll auf seine Erfinder zurück. Bei r.s.2 hat nämlich inzwischen kaum noch ein männlicher Mitarbeiter Zeit zum Fußballgucken … Sogar die Chefs müssen mit ran, wenn die vernachlässigte Hörerin ruft.

Berliner Zeitung 24.06.1998

Stadtgeflüster von Andreas Kurtz
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