06.06.1997 - Berliner Zeitung - Melanie Richter: Mein Geist wußte nie wohin

"Mein Geist wußte nie wohin"

Günter war obdachlos und schrieb Gedichte ­ bis er sich das Leben nahm

06.06.1997

Lokales - Seite 16

"Günter, oft haben wir zusammengesessen, haben geredet, alles Mögliche versucht zu erklären und zu verstehen." So beginnt ein ungewöhnlicher Nachruf in der Obdachlosenzeitung Strassenfeger. Wie ein Brief ­ darüber das Foto eines jungen Mannes. Günter ist tot. Er war 21 Jahre alt. Er hat in einer Neuköllner Wohngemeinschaft gelebt und manchmal für den Strassenfeger geschrieben ­ auch Gedichte. Vor ein paar Wochen nahm sich Günter Tomberger das Leben. Er lag tot in der Dusche ­ neben ihm ein Stromkabel.

Gregor trauert um ihn. Öffentlich. Vielleicht würde sonst kaum jemand vom Tod des 21jährigen Notiz nehmen. Warum der Österreicher Günter nicht mehr zu Hause, sondern lieber in Berlin leben wollte, weiß Gregor nicht. "Erst war Günter nicht so voller Depressionen. Aber es wurde schlimmer. Und wer will schon was wissen über das ganze Elend? Die meisten sehen doch weg." Das "ist ein Scheißgefühl", sagt Gregor.

Bis vor zweieinhalb Jahren hatte Gregor noch einen gutbezahlten Job. Der 25jährige kommt aus einer Kleinstadt bei Stuttgart. "Ich hab· zwei Gesellenbriefe, bin Maurer und Zimmermann." Aber für "diesen Staat" will er nicht mehr arbeiten. Irgendwann landet Gregor in Berlin und lernt Günter kennen. Die beiden verkaufen den Strassenfeger und leben sonst vom Schnorren. Gregor braucht das Geld für Heroin und Schlaftabletten. "Günter war nie auf Droge. Aber den goldenen Schuß wollten wir uns zusammen setzen."

In der Nacht vor seinem Tod trinken sie zusammen Tee. Und reden über Träume. Manchmal habe sich Günter vorgestellt wie es sein könnte mit Enkeln auf dem Arm, eine Pfeife im Mund und den Blick auf die See gerichtet. Im Nachruf schreibt er: "Man wird nicht alt wegen der einfachen Tatsache, daß man eine bestimmte Anzahl von Jahren gelebt hat, sondern nur, wenn man sein eigenes Ideal aufgibt. Ich denke wir fanden kein Ideal." Als Gregor von dem Selbstmord erfährt, läuft er durch die Straßen, weint und singt von einem Freund, der alleine ging.

Im Innersten sei Günter verzweifelt und allein gewesen. In einem seiner Gedichte heißt es: Nur mein Geist wußte nie wohin, dieses Erkennen nahm mir jeglichen Sinn Zerrissen aus eigener Schuld kraftlos am Ende ohne Geduld Gregor glaubt: "Er nahm sich das Leben, weil er hier keinen Platz für sich gefunden hat."

Marina Richter

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1997/0606/lokales/0143/index.html

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