18.03.1997 - Berliner Zeitung - Mechthild Henneke: Nur die Münzen in der Manteltasche geben Halt (Crashkurs Obdachlosigkeit)

Datum: 17.03.1997
Berliner Zeitung Ressort: Lokales

Nur die Münzen in der Manteltasche geben Halt

24 Stunden obdachlos: Die Zeitung "Strassenfeger" lud zum Selbstversuch - Unsere Reporterin Mechthild Henneke machte mit

Gespräch am Abend vorher: "Und Du gibst wirklich alles ab?" "Ich weiß nicht. Die Schälchen für meine Kontaktlinsen nehme ich auf jeden Fall mit." "Wieso? Geh' doch mit Brille." "Kommt nicht in Frage. Damit sehe ich schrecklich aus. Und meine Schlüssel? Soll ich die abgeben? Am Ende ist meine Wohnung ausgeräumt, wenn ich wiederkomme." "Gib doch einen falschen Schlüssel ab. Den echten behälst Du. Sicher ist sicher." Meine Obdachlosigkeit beginnt um acht Uhr morgens in einem Schlafzimmer. Es riecht nach Männerschweiß und Kaffee. Acht Verkäufer des "Strassenfegers" haben auf zwölf Quadratmetern übernachtet. Gerade sind sie aufgestanden, haben das Sofa zusammengeklappt, die Matratzen zur Seite geräumt und den Frühstückstisch gedeckt. Aus der Notübernachtung ist wieder das Redaktionsbüro der Obdachlosenzeitung geworden. Einer der Männer sitzt lallend und mit verdrehten Augen auf dem Sofa. Die anderen hängen müde auf ihren Stühlen. Neugierig mustern sie mich."Hast du schon eine Geschichte, wieso du auf der Straße lebst?", fragt einer. Ich habe keine."Weißt Du schon, wo du pennen willst?"Ich weiß es nicht."Wie willst Du an Kohle kommen?" -"Ich verkaufe den Strassenfeger."Zwei Tage zuvor hatte ich mich angemeldet beim "Crashkurs Obdachlosigkeit", zu dem die Zeitung provozierend einlädt. Kann nicht so schlimm sein, habe ich gedacht: sich einmal 24 Stunden lang vom gewohnten Leben abzuschneiden. Ausprobieren, was das heißt: kein Geld, kein Besitz, kein Zuhause."Obdachlose zu sehen, ist normal geworden", sagt ein Redakteur."Wir wollen, daß mehr für uns getan wird."Wer mitmacht, soll alles abgeben, was das Leben der Seßhaften ausmacht: Portemonnaie, Schlüssel, Kreditkarten. Unterstützung liefert ein Betreuer, den die Redaktion stellt. Mir wird Sascha Wieganddas Abc der Straße beibringen, 31, seit fünf Jahren ohne festen Wohnsitz. Obdachlos sieht er nicht aus, sondern wie ein "Freak": Er ist höchstens 1, 60 Meter, trägt Vollbart, einen langen braunen Zopf, Lederhut. In den etwa 30 Taschen seiner Bundeswehrhose und seines Parkas steckt ein Überlebensprogramm für die Straße: von Handschellen bis zum Fernrohr. Jetzt muß er "noch kurz" zur Turmstraße. Wieso, weiß ich nicht. Wir verabreden uns am Bahnhof Zoo. Vorher werde ich eingekleidet. Auf der Toilette tausche ich meine Jeans gegen eine dunkelblaue Cordhose, die zu weit, meinen Pullover gegen einen verwaschenen Wollrolli, der zu eng ist. Darüber ziehe ich einen kurzen, schwarzen Mantel. Der spannt über der Brust, und die Gürtelschnalle ist kaputt. Ich gucke in den Spiegel: Alles ist sauber, alles ist alt, alles ist häßlich."Sieht doch jut aus", sagt einer, als ich ins Büro komme. Ich lächele hilflos. Auf dem Weg zum Zoo laufe ich immer an den Häuserwänden entlang. Ich erinnere mich, wie ich neulich selbst Altkleider weggebracht habe und dabei dachte: "Endlich weg mit dem Mist."Sieht man, daß ich trage, was ein anderer aussortiert hat? Im Rucksack liegt mein Schlüssel, in meinem Strumpf stecken 20 Mark. Doch mir ist, als gäbe es sie gar nicht, denn die fremde Kleidung hat im Kopf das Band zum frei gewählten Leben zerschnitten. Sie hat mich obdachlos gemacht. In der Jebensstraße am Zoo, wo die Stricher auf Kundschaft warten, steht der blaue Campingbus des "Strassenfegers". Darin sitzt Walter, der "Vertriebschef", der die Zeitungen ausgibt. Ein paar Männer holen sich Zehner-Packen. Walter macht Notizen. Er hat kleine, braune Zähne, dafür aber noch alle. Den meisten Verkäufern fehlt die halbe obere Zahnreihe."Das ist die Straße. Da sitzen die Fäuste locker", sagt Walter. Und: Wer hier lebt, geht nicht zum Kieferorthopäden. Sascha nimmt zehn "Strassenfeger", ich kriege fünf in Kommission. Viermal höre ich zu, wie er in der S-Bahn das Blatt anbietet: "Schönen guten Morgen, meine Damen und Herren. Ich verkaufe die neueste Ausgabe der Obdachlosenzeitung Strassenfeger. Sie kostet zwei Mark, von der eine an den Verkäufer geht. Mit der anderen unterstützen Sie andere Obdachlose und zwar in Form von Suppenküchen und Notunterkünften.Über den Kauf der Zeitung oder kleinere Spenden würde ich mich sehr freuen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und einen schönen Tag."Sascha spricht sehr laut und deutlich. Er verkauft zwei Hefte. Mein Herz klopft bis zum Hals. Saschas Kollegen in der Redaktion haben erzählt, Suppenküchen und Notunterkünften gebe es beim "Strassenfeger" gar nicht. Das Geld bleibe im Verlag. Ich weiß nicht, was stimmt, doch Sascha sagt, der Teil mit den Suppenküchen sei besonders wichtig, damit die Leute vor allem an den guten Zweck und weniger an den Verkäufer denken.

Als wieder ein Zug kommt, steigt Sascha in den zweiten Wagen (den ersten meidet er wegen des Fahrers, denn der Verkauf ist offiziell verboten), ich in den letzten. In der Mitte wollen wir uns wiedertreffen."Oh Gott", denke ich, "wie wird meine Stimme klingen?"Wird sie zittern? Halte ich durch? Kann ich das Rattern des Zuges übertönen? Die S-Bahn fährt los; ich fange an zu reden; meine Stimme zittert, doch irgendwie schaffe ich es bis zum "Danke für Ihre Aufmerksamkeit". Die erste Käuferin zahlt mit einem Fünf-Mark-Stück. Ich habe kein Wechselgeld, sie will keins."Vielen Dank", stammele ich. Noch 2,50 Mark bis zur BVG-Tageskarte. Im zweiten Wagen baue ich den Satz ein: "In Berlin werden immer mehr Frauen obdachlos. Ich bin eine davon", denn ich habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Wieder verkaufe ich ein Heft, doch die meisten starren, den Kopf weit wegdreht, aus dem Fenster. Um 13 Uhr sind wir wieder am Vertriebsbus. Am andern Ende der Straße entdeckt Sascha den "Fixpunkt"-Bus."Das ist unser Glückstag. Die haben echt gutes Essen", jubelt er. Eine Vollkornschnitte und eine Banane bekommen wir umsonst in der Anlaufstelle für Heroinabhängige. Der Hunger ist zweitrangig. Sascha stopft sich frische Kanülen, Nadeln und Tupfer in seine Bundeswehrhose, und mir dämmert, was er an der Turmstraße gemacht hat."Bist Du auch obdachlos?", fragt mich die Sozialarbeiterin."Hmm", murmele ich. Eine Frau sagt, sie hätte 700 Nadeln zu Hause, und fragt, ob sie die gegen frische tauschen könne. Sascha erzählt von seinem Abszeß an der Lende und erhält Verbandszeug. Bei der Bahnhofsmission reicht ein Mitarbeiter eine Liste mit Notunterkünften durchs Fenster. Durch den Bahnhof Zoo gehen wir zur S-Bahn. Ich meide die Blicke der Passanten und die spiegelnden Fensterscheiben. Wir fahren in Richtung Alexanderplatz. Im Bahnhof Tiergarten steigen wir aus, denn Sascha hat Wachschützer in unserem Zug entdeckt. Wir begutachten den Süßigkeiten-Automaten, und Sascha rüttelt plötzlich wild an dem Gitter. Zack, fällt ein Snickers raus. Es hing lose hinter der Halterung."Für Dich", sagt mein Begleiter, "ich kann sowas nicht essen, wegen meiner Zähne."Im nächsten Zug kramt eine Frau in ihrer Einkaufstasche, als sie mich sieht."Wollen wir der Frau ein Würstchen geben?", fragt sie ihren kleinen Sohn."Ach, nehmen Sie das ganze Glas", sagt sie."Toll - Abendessen gesichert", sagt Sascha anerkennend. Unruhig tritt er von einem Fuß auf den anderen."Wir fahren zum Bus", bestimmt er auf einmal, weil er einen Schuß Heroin brauche. Aus Rücksicht auf mich hatte er sich morgens nur eine kleine Dosis genehmigt. Ich schlucke, doch ihn abhalten kann ich nicht. Im Bus treffen wir einen 18jährigen."Hey kommste gerade aus dem Bau?", fragt Sascha."Habe ich am Tabak erkannt, den gibt's nur im Knast."Mit einem messerscharfen Dolch aus einer seiner Taschen schneidet er eine Pepsi-Dose auseinander. Er nimmt sie mit auf Toilette, um das Heroin aufzukochen. Ich warte. Ein torkelnder Junkie holt sich drei "Strassenfeger". "Was sagen Sie dazu, daß die Männer sich ihre Sucht mit dem Verkauf finanzieren?", frage ich den Vertriebschef."Besser, als wenn sie Omis beklauen", sagt der knapp. Wieder gibt ein Verkäufer zehn Mark ab und erhält dafür neue Ausgaben."Wenn Du Markus siehst, bestell ihm einen schönen Gruß", sagt er, "dem poliere ich so dermaßen die Fresse, wenn ich ihn finde, daß der nicht mehr sehen kann."Markus schuldet ihm seit zwei Tagen sechs Mark. Als Sascha in den Bus zurückkommt, stehen Schweißperlen auf seiner Stirn. Seine Pupillen sind klein wie die Spitze eines Kugelschreibers. Er lallt."Gib mir mal ein Taschentuch", doch seine Hand trifft nicht die Stirn sondern nur seinen Bart. Ich weiß nicht, wohin mit meinem Blick. Walter erzählt von seinem Hund, der morgens vor sein Bett gemacht hat. Nach zehn Minuten ist Sascha wieder ansprechbar. Wir fahren Richtung Potsdam, aber niemand kauft die Zeitung."Mittagszeit. Das ist normal", sagt Sascha. Eine ältere Frau preßt sich voll Widerwillen an die Wand der S-Bahn, als ich an ihr vorbeigehe. Auf der Rückfahrt steigen wir in Wannsee aus. Sascha gibt mir ein Stück Eierrahm-Gußfladen für 3, 25 Mark aus. Damit setzen wir uns auf eine Bank und schauen durchs Fernrohr auf den See. Neben der Bank beginnt ein Park. Es riecht nach Urin.17 Uhr. Wir sind wieder am Bus. Ich habe insgesamt 30 Mark verdient. Den ganzen Tag wandert meine linke Hand immer wieder in die Manteltasche, um die Münzen zu befühlen, als könne ich mich an ihnen festhalten. Mein Kopf dröhnt, meine Beine sind weich. Sascha verschwindet erneut "was besorgen". Es wird Zeit, eine Unterkunft zu suchen.

In die meisten komme ich nicht rein, weil ich keinen "Läuseschein" habe, also kein ärztliches Attest, daß ich kein Ungeziefer habe. Eine ist ausschließlich für Frauen."Haben Sie noch Platz?", frage ich dort."Ja, kommen Sie rein. Ich heiße Kathrin", werde ich begrüßt. Es ist viel los, und die Unterkunft hat nur zehn Betten. In der Küche sage ich deshalb der Betreuerin, daß ich Journalistin bin und mein Bett räume, wenn jemand Bedürftiges kommt. Die Frauen kochen Spätzle mit Gemüsesoße. Während die anderen im Mini-Fernseher einen Film gucken, gehe ich schlafen. Um fünf Uhr wache ich auf. Eine Frau bekämpft ihren Husten mit Zigaretten, eine andere schimpft alle zehn Minuten mit ihrer Bettnachbarin: "Sie schnarchen!". Um sieben Uhr gibt es Frühstück, um viertel vor acht haben die meisten ihr Obdach verlassen, als hätten sie dringende Sachen zu erledigen."Wohin gehen sie?", frage ich. Niemand weiß es. Nirgendwohin. Ich fahre zum Redaktionsbüro. Sascha sehe ich nicht wieder."Den hat der Wachschutz geschnappt beim Schwarzfahren", sagen die anderen. Ich habe noch 22 Mark in der Tasche. Das würde reichen für eine neue Tageskarte, ein Frühstück und den ersten Stapel Zeitungen.
(Namen geändert)

© G+J BerlinOnline GmbH, 18.03.1997
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