21.12.1996 - Berliner Zeitung - Volker Bormann: Das Gefühl, Gutes zu tun

Die Berliner Obdachlosenzeitungen kämpfen um ihren Ruf

Profit und Wohltätigkeit gehen ungern zusammen. Obdachlosenzeitungen sind eine Vernunftehe von beidem: Profit zum Zwecke der Wohltätigkeit ist das Konzept, mit dem sie sich gut verkaufen lassen. Drei Obdachlosenzeitungen werben in Berlin um die Großherzigkeit der Passanten.

Zwei Mark gibt der Käufer für eine Zeitung. Eine gehört dem Verkäufer, die andere dem Herausgeber. Der finanziert davon sich selbst und Notunterkünfte, Wärmestuben oder was Obdachlosen sonst noch guttut. Zusammengenommen werden in Berlin rund 50 000 Obdachlosenzeitungen verkauft. Marktführerin ist die "Motz", sie wird alle vierzehn Tage rund 30 000mal verkauft, der Rest verteilt sich in etwa gleich auf den "Straßenfeger" und die "Platte".

Zwei Männer haben die Obdachlosenzeitungen in Verruf gebracht: Frank Kußmaul, der frühere Geschäftsführer der "Platte Verlags GmbH" und Georges Mathis, ein Franzose, der 1994 die erste Berliner Obdachlosenzeitung erscheinen ließ - die vor knapp anderthalb Jahren gescheiterte "Haz". Mathis hat den Profit aus der "Haz" nicht in Wohltaten für Berliner Obdachlose gewandelt, sondern nach Frankreich geholt. Das haben ihm die "Haz"-Redakteure verübelt. Sie sagten sich von Mathis los und vereinigten ihr Blatt im Juni 1994 mit der "Mob", einer weiteren Berliner Obdachlosenzeitung. Das neue Blatt bekam den Namen "Motz". Hartnäckig hielt sich zudem das Gerücht, Mathis stehe den französischen Rechten nahe. Seine Pariser Obdachlosenzeitung "Le Reverbere", zu deutsch die "Straßenlaterne", soll aus derselben Druckerei gekommen sein, die auch Wahlkampfmaterial des Neofaschisten Le Pen druckt. Das behauptet Sonja Kemnitz, eine ehemalige Mitarbeiterin der "Haz".

Während Mathis nur moralische Vorwürfe zu machen sind, ermittelt gegen Frank Kußmaul die Berliner Staatsanwaltschaft. Kußmaul ist im Juli dieses Jahres für einige Zeit verschwunden und soll dabei einen erheblichen Teil vom Verkaufserlös der "Platte" mitgenommen haben. Die Staatsanwälte kennen seinen Aufenthaltsort und ermitteln wegen Verdachts auf Untreue und Unterschlagung. Haftbefehl besteht gegen Kußmaul allerdings nicht. Die "Platte" hat die Hälfte ihrer Auflage und viele Verkäufer verloren.

Die Skandale um die "Haz" und die "Platte" haben das wesentliche Fundament der Obdachlosenzeitungen beschädigt: den guten Ruf, ohne den es die Verkäufer schwer haben, Passanten vom guten Zweck der Zeitung zu überzeugen. Obdachlosenblätter sind ein einfaches Produkt, das zu einem vergleichsweise hohen Preis verkauft wird. Das funktioniert, weil der Käufer mit der Zeitung das Gefühl kauft, Gutes getan zu haben. Das bedruckte Papier ist vor allem ein Symbol für die versprochene soziale Hilfe, und daß sie vom Verkaufserlös auch wirklich erbracht wird, muß der Käufer glauben.

Mittlerweile sind die Träger aller drei Obdachlosenblätter in Berlin bemüht, ihre Glaubwürdigkeit zu beweisen. "Bei uns muß jeder auszugebende Betrag von mehr als 50 Mark vom Vorstand genehmigt werden", sagt Christian Linde, der Chefredakteur der "Motz". Jedes Mitglied des Vereins "Motz & Co. e. V." könne überprüfen, wofür das Geld verwendet worden sei. Die "Motz" hat monatlich rund 30 000 Mark feste Kosten: Gute 10 000 Mark verschlingen allein die Mieten für die Redaktions- und Lagerräume in Kreuzberg, für eine Notunterkunft im Scheunenviertel und die Raten für einen gebrauchten Lastwagen, den der Verein vor kurzem angeschafft hat.

Rund 20 000 Mark wird man für die Produktion der beiden monatlichen Zeitungsausgaben ansetzen dürfen. Rechnerisch bleiben dem Verein von jeder verkauften Zeitung 70 Pfennig, denn die Verkäufer bekommen zur Ermunterung oder als Starthilfe einen Teil der Auflage geschenkt. Insgesamt kommen durch den Verkauf monatlich etwa 42 000 Mark herein. "Vom Überschuß, den wir hier erwirtschaften, wird keiner reich", versichert Linde. Schließlich müsse der Verein davon Steuern zahlen und Rücklagen für den Sommer bilden. Seit Anfang Dezember versucht die "Motz", den Profit zu steigern und erscheint probeweise wöchentlich.

Der Erlös aus dem Zeitungsverkauf verhilft keinen Obdachlosen zu großem Profit, aber zu mancher kleinen Wohltat. Zum Lebensunterhalt reicht er nicht. Stefan Schneider, einer der wenigen Nicht-Obdachlosen beim "Straßenfeger" erklärt: "Wir mindern vor allem die Beschaffungskriminalität." Und für ganz wenige Verkäufer ist dies der erste Schritt von der Straße. +++

Volker Bormann, Berliner Zeitung, 21.12.1996, Seite 30
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