09.09.1996 - Berliner Zeitung - Gudrun Sonnenberg: Ganz leer sind die Hände nicht

Ganz leer sind ihre Hände nicht

Die Berliner Obdachlosenzeitungen haben das Vertrauen vieler Verkäufer verloren / Wo blieb das Geld der "platte"?

09.09.1996, Gudrun Sonnenberg

Wenn Bodo Nachschub braucht, fährt er zum Hauptbahnhof, wo der Kleinbus der Obdachlosenzeitung "motz" steht. Dort sitzt Jürgen und verkauft Bodo und den anderen Austrägern die Zeitung. Eine Mark zahlt Bodo pro Exemplar, das er später für zwei Mark in der U-Bahn zu verkaufen versucht. Zusätzlich hat die "motz" ein Bonussystem eingeführt. Fünf von dreißig Zeitungen bekommen die Verkäufer gratis.

Reine Nettigkeit ist das nicht, sondern Verkäuferwerbung. Wer glaubt, daß sich vor den Verteilerstellen der drei Berliner Obdachlosenzeitungen Hunderte Obdachlose um die Zeitschriften streiten, irrt. Verkäufer sind Mangelware. Auch die "platte" und der "Straßenfeger" buhlen mit Freiexemplaren um die Obdachlosen. Bei der "platte" gibt es eine von zehn Zeitungen gratis, beim "Straßenfeger" fünf von 30.

Ständige Neugründungen

Es sind nicht nur die typischen Probleme wie Alkohol, Drogen, ein zerstörter Lebensrhythmus und der ewige Ärger mit den Sicherheitsdiensten von U- und S-Bahn, die die Obdachlosen davon abhalten, sich durch das Verkaufen der Zeitungen ein bißchen Geld zu verdienen. Seit im Frühjahr 1994 die ersten beiden Magazine auf dem Berliner Markt erschienen, ist auch viel Vertrauen verspielt worden. Zwar verdienen die Verkäufer nach wie vor ihre Mark an jeder Zeitung. Doch um die zweite Mark, die an die Zeitung selbst geht, hat es so viel Ärger gegeben, daß sich in Berlin ein regelrechtes Zeitungskarussell in Bewegung setzte.

Die ersten Obdachlosenzeitungen waren 1994 die "mob" und die "haz". Von diesen beiden existiert heute keine mehr. Bei der "haz" krachte es schon nach wenigen Monaten. Zu viel Geld floß nach Frankreich zu Georges Mathis, dem Begründer des französischen Vorbilds und Initiator auch der "haz". Daraufhin spaltete sich die "platte" ab. Eine Weile existierten die drei Zeitungen nebeneinander, dann geriet die "mob" in finanzielle Schwierigkeiten und tat sich im Juni 1995 mit der "haz" zur "motz" zusammen. Die "motz" ist heute Marktführer. Bei der "platte" kriselt es hingegen seit einem Jahr. Schon im vergangenen Oktober spaltete sich hier der "Straßenfeger" ab. Zur Zeit gibt es also drei Obdachlosenzeitungen.

Die Obdachlosen waren bei diesen Querelen in der Regel nur Zuschauer. In den Redaktionen tummeln sich mehr oder weniger professionelle Journalisten. Menschen, die selbst nie obdachlos gewesen sind, organisieren mit Festgehalt das Blatt und seinen Vertrieb. Die Obdachlosen schreiben zuweilen Beiträge. Ansonsten fragen sie sich bei einigen Zeitungen immer wieder, wo das Geld bleibt, das sie an die Zeitung abführen.

Staatsanwälte ermitteln

Alle Alpträume wahrgeworden sind in den vergangenen Monaten bei der "platte": Nur noch 20 Verkäufer setzen jetzt alle 14 Tage mit Mühe und Not rund 12 000 Exemplare ab. Es waren aber mal 40 000 Exemplare. Viele Verkäufer wendeten sich von dem Magazin ab, nachdem der Herausgeber und Geschäftsführer der "Platte Verlags GmbH", Frank Kußmaul, vor zwei Monaten spurlos verschwand. Kußmaul, selbst einmal obdachlos und Begründer der "platte" nach der Abspaltung von der "haz", soll Spendengelder in unbekannter Höhe mitgenommen haben. Ganze 59 Mark fand der "platte"-Verein jedenfalls vor, als er sich Ende 1995 gründete, um die Kasse zu kontrollieren.

Im Juni haben die Layouterin der "platte", Heike Neumann, der Journalist Georg Meier und sein Vater Helmuth Meier eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts zur Weiterführung der Zeitung gegründet. Ganz leer sind ihre Hände glücklicherweise nicht. Sie haben noch die Druckerei und die Redaktionsräume im Tiefgeschoß der Urbanstraße 3. Projekte wie eine Wohnungsvermittlung für Obdachlose oder die Restaurierung alter Möbel sind aber ins Stocken geraten. Der Platte-Verein bereitet jetzt einen Strafantrag gegen den ehemaligen Geschäftsführer vor. Unabhängig davon ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft bereits seit 1994 gegen Kußmaul wegen des Verdachts der Veruntreuung von Geldern, wie Justizsprecher Rüdiger Reiff mitteilt.

Auf Ärger mit Kußmaul geht auch die Gründung des Konkurrenzmagazins "Straßenfeger" zurück, das im vergangenen Oktober zum erstenmal erschienen. Redakteure, die mit Kußmaul nicht mehr klarkamen, haben das Projekt aus dem Boden gestampft. Zwei Frauen tragen die Zeitung mit einer GbR. Eine von ihnen arbeitet ehrenamtlich in ihrer Freizeit für den "Straßenfeger", die andere organisiert fest angestellt den Vertrieb. Mit 20 festen, 30 weiteren sporadischen Verkäufern und einer Auflage von 20 000 Exemplaren alle drei Wochen versucht die Gesellschaft nun, sich finanziell zu stabilisieren. Ziel ist es, so viel zu erwirtschaften, daß für die Obdachlosenzeitungen mehr herausspringt als das Geld, das sie durch den Verkauf erzielen. Vor allem will der "Straßenfeger" Unterkünfte aufbauen, in denen die Verkäufer eine Bleibe und eine polizeiliche Meldeadresse finden. Pläne, die bereits angemieteten Redaktionsräume in der Friedrichshainer Kopernikusstraße für die Unterbringung von Obdachlosen im Winter herzurichten, scheiterten jedoch an internen Schwierigkeiten. Und während einzelne Verkäufer sich zu fragen beginnen, was eigentlich mit dem Geld geschieht, das sie an die Zeitung abführen, kursieren unter der Hand erste Überlegungen, "platte" und "Straßenfeger" aus finanziellen Gründen wieder zu fusionieren.

Das größte Vertrauen genießt zur Zeit die "motz". "Hier weiß ich, was mit dem Geld passiert", sagt nicht nur Bodo, der zu den Verkäufern gehört, die von der "platte" zur "motz" übergelaufen sind. Rund 80 Stammverkäufer setzen alle zwei Wochen die 30 000 Exemplare der "motz" ab. Macher der Zeitung sind sieben Redakteure, die nach Zeilenhonorar bezahlt werden. Als einziges der drei Magazine gehört die "motz" einem Verein, dessen Mitglieder die Verkäufer sind. Vorsitzender ist Otto Schickling, der nach langen Jahren als Betriebsrat bei BASF im Ruhrpott ins Bodenlose stürzte, und der die "motz" bis vor einiger Zeit selbst verkauft hat. Inzwischen kümmert er sich vor allem um die Vereinsprojekte. Ein Recyclingkaufhaus, in dem Obdachlose defekte Gebrauchsgegenstände aufarbeiten und verkaufen, soll noch in diesem Monat in der Zossener Straße eröffnen.

Tag der offenen Tür

Außerdem hat die "motz" in der Kleinen Hamburger Straße 2 eine halbe Etage angemietet. 15 Verkäufer wie Bodo wohnen hier Bett an Bett. Wenn alles fertig ist, haben bis zu 25 Menschen Platz. Mit dem Bezirksamt stehen Gespräche über ein Haus als zweite Notunterkunft bevor. Schickling hofft, daß es klappt, denn: "Der Winter ist nicht mehr fern." Von heute bis Freitag sind Tage der offenen Tür in der Notunterkunft. Damit soll um Vertrauen geworben werden. "Die Leute sollen sehen, daß wir was auf die Beine stellen", sagt Schickling. "Es geht aber nicht nur darum, die Berliner auf die Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen. Wir müssen die Betroffenen auch da rausholen." +++

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1996/0909/lokales/0004/
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