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31.05.1995 - Berliner Zeitung - Viola Leipoldt: Vereinte Kräfte

Vereinte Kräfte

Die Berliner U- und S-Bahn-Nutzer sind wahrlich geplagt. Kaum eine Fahrt vergeht ohne "Haste mal 'ne Mark", mindestens einem Musikanten oder mindestens einer Obdachlosenzeitung. Besonders der letzteren kann man sich schwerlich entziehen - zu ernst ist das Problem, das dahinter steht. Doch wurden gleich drei Obdachlosenblätter in der Stadt angeboten: "Platte", "haz" und "mob". Konkurrenz belebt bei dieser Dreifaltigkeit ausnahmsweise nicht das Geschäft, denn bald übt man sich angesichts der Vielfalt in Ignoranz.

Das sahen wahrscheinlich auch die Macher von "haz" und "mob" ein, die sich jetzt zusammengeschlossen haben. Aus den beiden Blättern wird ab Juni die "moz". Für den gestreßten Leser ist also Entspannung angesagt - für zwei Mark gibt's jetzt gebündelt die Probleme von der Straße. Meist steht man solchen "two-in-one"-Produkten skeptisch gegenüber. Doch hier geht's schließlich nicht um zwei grundverschiedene Köpfe, die unter einen Hut gebracht werden müssen - im Gegenteil. Ziel aller war und bleibt Hilfe für Obdachlose, die mit vereinten Kräften sicherlich besser zu leisten ist. +++

Viola Leipoldt

Berliner Zeitung, 31.05.1995, Kultur - Seite 25

Anmerkung von stefan schneider:

"mob" war, wie dieses Dokument zeigt, einer der "Väter" der motz, der anderen Strassenzeitung in Berlin. Die Zeitung mob - magazin wurde damit eingestellt, aber der Verein mob e.V. blieb - trotz der Gründung der motz - weiter bestehen und übernahm im Jahr 1997 die Aufgabe, Herausgeberverein für den inzwischen gegründeten "strassenfeger" zu werden.