01.06.1994 - Berliner LeseZeichen: Burga Kalinowski: Hotte hatte einen Traum (zur Entstehung von mob)

Burga Kalinowski

Hotte hat einen Traum

Sie haben eigene Treffpunkte.
Sie haben eigene Theatergruppen.
Sie haben sogar eigene Zeitungen.
Eine eigene Wohnung haben sie nicht- die Obdachlosen.
Oder Wohnungslosen. Oder Penner.

Sie sind aus der Bahn geworfen. Sie haben die Kurve nicht gekriegt. Sie leben auf der Straße. Im Politjargon kommen sie bestenfalls als "sozial Schwache" vor, als Minderheiten am Rande der Gesellschaft. Eine "Minderheit", die Tag für Tag zunimmt. In Deutschland sind ca. eine Million Menschen frei von Wohnraum. In Deutschlands Hauptstadt gibt es etwa 40 000, die kein Zuhause haben. " Ich habe einen Traum... einen großen Traum: Ein Haus, wo ich leben kann, mit anderen zusammen. Wo wir sagen können. Das ist unser Leben. Wir wollen was ändern, für uns selber - wir selber! Verstehste?! " Hotte, seit 15 Jahren wohnungslos, hat diesen Traum aus dem Tresor der aussichtslosen Wünsche hervorgeholt. Ganz vorsichtig geht er damit um, eher skeptisch: naja, wird ja doch nichts. Wann hat man je davon gehört ...? Und trotzdem: "Wir fangen erst an. Kann sein, daß es 10 Jahre dauert. Aber der Punkt ist da, daß wir den Aufstand machen." Hoffnung, erst mal in die Welt gesetzt, ist schwer auszurotten. Und immer hat sie einen Namen. Und immer wird sie von der Wirklichkeit zurechtgestutzt. Und immer bringt sie Erstaunliches zuwege: Gemeinsames Handeln.

Am 18. 3 . 1994 kommt "Mob" zum erstenmal heraus, das Straßenmagazin für Obdachlose in Berlin. Im Editorial heißt es: " Die Bedürfnisse und Lebensbedingungen von Obdachlosen werden öffentlich gemacht. Ursachen und Verantwortlichkeiten benannt und kritisiert, elementare (Menschen-)Rechte eingefordert. "Ein Programm für Gerechtigkeit. Ein weißer Rabe am bunten Medienhimmel. "Mob" wird von BIN e.V. (Berliner Initiative gegen Wohnungsnot) herausgegeben. Drei feste Redakteure hat das Blatt und ein Heer von freien Mitarbeitern: Berlins Obdachlose. Sie sind die Macher von der Straße. Sie liefern den Stoff, sie bürgen für Authentizität, sie bringen ihre Zeitung an die LeserInnen. Sie arbeiten, sie sind beschäftigt, sie haben zu tun. Der Tag hat Struktur. Man braucht schon einen Terminkalender, hat Besprechungen und Verantwortung. Die schnelle Mark ist hart verdient. Der Tagesgewinn durchaus ein Erfolgserlebnis. "Mann, war ich heute gut! Was war bei dir? " Eckhardt ist in Stimmung. Störtebecker nicht. War alles ein bißchen dünne.

"Mußt an die Leute rangehen. Nicht nur rumstehen. " Störtebecker nickt, ja klar doch. Und jeder der Verkäufer versteht ihn. Das innere Kribbeln kennen sie. Das plötzliche Zögern, kurz bevor sie einen Fremden ansprechen. Das wütende und enttäuschte " Na, dann nicht ". Kaum einer von ihnen hat die Erfahrung und Wendigkeit von Heiko. Wie schnell streift man die vielen kalten Nächte, das verzweifelte, einsame Herumirren in fremden Straßen ab? Was soll man tun, wenn aus allen Winkeln Angst und Bitterkeit kriechen? Jeder Zeitungsverkauf ist ein kleiner innerer Sieg. "Mob" ist der Schrei gegen gesellschaftliche Ausgrenzung. "Mob" ist der Beleg für Phantasie und Intelligenz, für Geschäftssinn auch. Und vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, ist das Magazin für einige das Schlauchboot, mit dem sie über den Ozean von Ignoranz, Ungleichheit und Chancenlosigkeit an das andere Ufer gelangen.

Nicht nur Hotte hat einen Traum.
 
Das Verkäufertreffen beginnt um 10.00 Uhr. Wer zu spät kommt, muß stehen. Etwa 20 Verkäufer sind da. Auf der Liste stehen 140. Eine schöne unrealistische Zahl. Hotte leitet den Vertrieb, und manchmal hängt es ihm zum Hals heraus. "Mob" hat eine Auflage von 50 000 Stück. Zwei Mark kostet die Zeitung, eine Mark behält der Verkäufer, die andere fließt zurück zur Finanzierung der Kosten. Bei den ersten drei Ausgaben ist die Redaktion aufjeweils rund 15.000 Zeitungen sitzengeblieben. Makulatur. Produktionskosten werden nicht gedeckt, und von Gewinn kann überhaupt nicht die Rede sein. Diskussion. Im Verkauf muß sich etwas ändern. Sofort. Heiko bietet eine Verkaufsschulung an. Eckhardt will im Offenen Kanal einen Beitrag senden. Wolfgang entwickelt eine PR-Strategie mit Promis (Weizsäcker auf der Titelseite, mindestens). Udo will endlich geklärt haben, ob sie wieder auf den S-Bahnhöfen verkaufen können. Der Brief an die Bahnbosse ist geschrieben. Abwarten. Nach zwei Stunden Debatte tritt der allgemeine Sitzungszustand ein, wo alles gesagt und die Hälfte noch unklar ist. Egal, bei der Nummer 4 muß die Sache besser laufen. Woanders geht es doch auch. Das strahlende Beispiel aus dem Norden beweist es: "Hinz und Kunz" in Hamburg. 140 000 Auflage- 140 000 verkauft. Was die können, können wir auch. In München hat sich BISS etabliert, in Hannover die "Hiobsbotschaften". Man kauft sich die Einblicke. Soziale Anteilnahme ist in Mode - und so schön einfach. Kostet auch nicht viel. Die originäre Kunde aus der Randwelt hat Konjunktur. Chance und Gefahr in einem für die Macher und ihre Absichten. Vera Rosigkeit, "Mob"-Redakteurin: " Die Gefahr, vereinnahmt zu werden, ist da Das Alibi für die Gesellschaft, nach dem Motto. jetzt haben die sogar 'ne Zeitung Und das eigentliche Problem, Wohnungslosigkeit, geht unter. In diese Richtung wollen wir Druck machen. Die Zeitung nutzen - eben immer draufzeigen. Und natürlich sind wir auch ein Anlaufpunkt für Wohnungslose. Ich hätte nie gedacht, welche Wirkung diese Zeitungsarbeit auf die Leute hat. Also, heute morgen war hier die Hölle los, weil die neue Ausgabe, die vierte Nummer, zu spät kam. Das ist stressig, aber macht eben auch Spaß."

Am 2. Juni 1994 kam die vierte Nummer von "Mob" heraus. Schon am Erscheinungstag rechnete Hotte 935,00 DM ab.
Die Freude hält sich in Grenzen - sie können rechnen. 30.000 DM brauchen sie, um wenigstens bis zum 31. August zu kommen. Wenn nicht, dann ist Ende Juli Schluß. Das war's dann. Aus der Traum? Hotte wirkt merkwürdig ruhig. Bei Heiko schlägt alles auf den Magen. Wolfgang guckt nur noch traurig. Die Redakteure telefonieren und verhandeln um Anzeigen. Alle Verkäufer rennen sich die Hacken ab. Hinter actions hämmert es: unddannunddannunddann? Sprüche wie "Krempelt mal die Ärmel hoch" oder Verweise auf markterobemde Risikobereitschaft wirken nur noch zynisch. Andere Berliner Blätter für und von Obdachlosen machen ähnliche Erfahrungen. In kurzer Zeit hat sich in Deutschlands Hauptstadt eine Mini-Presselandschaft entwickelt: Außer "Mob" gibt es "HAZ", "Platte" und "Zeitdruck". Bei allen Querelen, die Konkurrenz auf einem begrenzten Terrain bei nicht rosiger Verkaufslage mit sich bringt- sie sitzen in einem Boot. Überleben ist auch eine Frage der Solidarität. In jeder Hinsicht. "Mob"-Verkäufer stellen ein Ost-West-Gefälle fest: Die Stände am Kudamm und vor der FU waren ein freundlicher Reinfall, der Verkauf in der Wilmersdorfer Straße katastrophal, vor der Humboldt-Uni Unter den Linden lief es dagegen relativ gut, und beim Pressefest des ND kam Freude auf. Eine kleine Freude - für eine stabile Existenzgrundlage reicht es nicht. Doch welche Bank gibt ihnen schon Kredite? Habenichtsen, Außenseitern - einer Minderheit.

Und Hotte hat einen Traum ...


Gedichte von der Pennerstreet
 Irgendwann wird er sagen:
"Ich bin ein Penner im Seidenanzug " An diesem Tag geht er in gedecktem Grau. Das Hemd paßt im Ton zum Anzug, die Krawattennadel glänzt dezent, der Füllfederhalter steckt griffbereit in der Brusttasche. Der Stuhl wird mir zurecht gestellt. Ich werde zum Kaffee eingeladen. Aufmerksam gibt er Feuer, rückt den Aschenbecher herüber. Rituale wie im Hilton. Wir sind in einem Biergarten am Alex. Heiko Andre Meyer gibt ein Interview. Er bietet mir das kollegiale Du an. Dann holt er einen Packen Papier aus dem Aktenkoffer. Die Gedichte. Ja, ich darf sie lesen. Na klar. Aber lieber trägt er sie vor.

"Wir haben keine Wurzeln mehr
 deshalb fällt es uns so schwer
 dem Chaos zu entrinnen
 uns auf das Menschsein zu besinnen.
 Der harte Kampf ums Überleben
 hat Verformung pur ergeben
 inzwischen sind wir Außenseiter
 und wissen irgendwie nicht weiter.
 (aus "Appell")

Heiko André Meyer ist Obdachloser, einer von vielen in Berlin, in Deutschland. Seit neun Jahren ist sein Leben aus der Balance. Er erzählt seine Geschichte. Sie ist banal - sie ist dramatisch.
1946 in Hannover geboren. Die Mutter ist Hausfrau, den Vater, einen englischen Offizier, kennt er nicht. Der Mann, den seine Mutter dann heiratet, ist Alkoholiker. Es war keine schöne Kindheit. Heiko M. hat heute noch Angst davor, hilflos zu sein.
Schulabschluß 1960, Lehre als Einzelhandelskaufmann bei einem Juwelier: Glitzer, Glanz und große Welt. "Irgendwann war ich 24 Jahre alt und wollte leben, schick, so mit Flair. Da habe ich in der Werbung gearbeitet, als Handelsvertreter. Und hatte jede Menge Geld " Er reist durch Europa, bis er keinen Pfennig mehr hat. Wieder in Deutschland, lernt er seine zweite Frau kennen. Es ist die große Liebe. Und alles geht gut.
Was dann passiert, zerstört die Balance seines Lebens für immer. Es ist die alte Geschichte. Die Frau brennt mit dem besten Freund durch. "Als nun alles kaputt war, wollte ich nur eins: Vergessen. Bis heute habe ich diese Trennung nicht verarbeitet. Was ich aufgebaut hatte, war plötzlich ohne Wert. Für die es war - die waren nicht mehr da. Ich habe dann gespielt. Verluste waren mir egal. Ich wollte sie. Alles sollte weg Erst das, dann ich. " Er läuft Amok gegen sich selbst. Der Abstieg geht rasend schnell. Aus dem Spiel der Verzweiflung ist längst Spielsucht geworden. Die höhlt ihn aus. Er nimmt Tabletten und überlebt sie.

Das Bild auf seinem Personalausweis zeigt einen gutaussehenden, strahlenden Mann. Heiko M. legt auch heute noch Wert auf Erscheinung und Etikette. Das verbindet ihn mit dem Heiko M. von früher. Es ist Eitelkeit - aber mehr noch seine Formel gegen Ich-Verlust. Bestimmt ist es das Ticket für einen Stehplatz in der Welt des Scheins. Er spricht über die Ambivalenz seiner Situation: ein Stück im Niemandsland der Selbstbehauptung, ein Stück auf der Pennerstreet, ein Stück im Minenfeld enttäuschter Erwartungen. " Wenn ich so laufe und meine Zeitung verkaufe ... manche fragen mich dann: Sie sind obdachlos? Und kommen ins Grübeln. Sie sehen den Penner - und vielleicht sehen sie sich selbst in ihm. Das ist der Spiegeleffekt. Der wird aber meistens verdrängt. Ja, die MOB. Das ist ganz, ganz wichtig Ich bin hier wie jeder andere einer, der ein Stück Anerkennung braucht. Bei MOB bau ich was mit. Da öffnet sich was, emotional. Ich kümmere mich. Das ist Bestätigung. Übrigens, hier im Osten, ist mir so aufgefallen, haben die Leute mehr Zusammenhalt. Ich habe hier mehr Menschen getroffen, wo ich offen sein kann. Das ist ein Phänomen. Hat wohl was mit euch zu tun, wie ihr gelebt habt. "

Der Kampf auf der Karriereleiter
bringt nur den Brutalen weiter
So viele sind voller Trauer
hinter ihrer Seelenmauer
Auf dem Rücken aller Schwachen
sieht man sie Karriere machen
Fairneß ist nur noch ein Wort
heute herrscht der Seelenmord
(aus "Chaos 2")

Schreiben als Notwehr. Im Grunde habe er das schon immer gemacht, in extremen Situationen. Oder für Geld für irgendwelche Leute irgendwelche Verse. Was er jetzt schreibt, ist etwas anderes - er lebt in diesen Grenzbereichen. Irgendwo findet er da auch einen Platz. In einer Kneipe, "dadrüben in der Markthalle", oder auf einer Bank, den Aktenkoffer auf den Knien. Neulich war er in einer Punkkneipe. Dort fiel er auf, im feinen Tuch und schreibend. Das war eine bewußte Provokation. Irgendwann kamen sie dann, und er hat ihnen seine Gedichte vorgelesen. " Das suche ich mir. " Damit tritt er aus seiner Deckung heraus - ungeschützt.

Schreiben als Balancierstange beim Drahtseilakt Leben - Wünschelrute für Verständnis und Hoffnung. "Ich habe mich getarnt und mache es noch. Aber jetzt schreibe ich darüber. Wenn ich sehe, da sitzt einer und kann nicht mehr - dann sehe ich mich. Der Spiegeleffekt . .. hab ich schon gesagt. Man muß es nur begreifen: Das ist mein Leben. Ich weiß, ich werde nie mehr so was wie früher machen. Ich werde weiter schreiben. Mich interessiert, daß ich was zu sagen habe. Das ist mein bester Fund. Wünsche? Vielleicht ein Zimmer mit Tisch zum Schreiben. Ja, und leben."

"Was hast du in deiner Tasche?"
"Jede Menge Schreibpapier, paar Zeitungen, Medikamente. Was schon?! Ich bin eben ein Penner - im Seidenanzug " Sagt er. Und lächelt dazu.

Das sieht so traurig aus.

aus: Berliner LeseZeichen. Literaturzeitung. 2. Jahrgang, Heft 6/7, Juni/Juli 1994. Das Thema: anders, abseits, ausgegrenzt. Berlin: Edition Luisenstadt 1994, S. 32 - 36.
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