Bei den Geldautomaten gibt es trockene und sichere Schlafplätze für Obdachlose. Eine Obdachlosenzeitung sammelt abgelaufene Karten als Türöffner

Wer als Normalsterblicher über das entsprechende Geld verfügt, schläft zentralbeheizt oder am warmen Ofen. Aber selbst wer sich wegen des fehlenden Kleingelds nicht mal mehr eine Wohnung leisten kann, muß nicht im Kalten schlafen, wenn er noch aus besseren Tagen über eine Geldautomatenkarte verfügt. Die verheißt zwar nicht unbedingt den Weg zum gefüllten Portemonnaie, öffnet aber immerhin die Türen zu den gut beheizten Automatenräumen der Banken und Sparkassen. Wem es aber, wie dem Durchschnittsobdachlosen, an Kreditwürdigkeit und der nur so zu erlangenden Karte mangelt, dem bleiben nur sehnsuchtsvolle Blicke in die verheißungsvoll leuchtenden Vorhallen des pekuniären Glücks.
Dabei geht es ja gar nicht um das in den Automaten schlummernde Geld, sondern nur um den simplen Magnetstreifen als "Sesam, öffne dich!". Den haben aber auch längst abgelaufene Karten, dachte sich die Redaktion der Obdachlosenzeitung motz und ruft daher die Bevölkerung auf, alte Karten an Obdachlose weiterzugeben. So könnte jeder dazu beitragen, "in der Regel warme, geschützte und saubere Räume, in denen mensch sicher vor Überfällen und Belästigungen unbehelligt und vor allen Dingen kostenfrei übernachten kann", bereitzustellen.
Um sicherzugehen, da§ sich der obdachlose Kunde nicht auch am Konto bediene, empfiehlt die motz, nicht auch gleich die Geheimnummer weiterzureichen. Sonst übernachtet der Beschenkte womöglich bald im Interconti, während der edle Spender gebeutelt auf der Straße sitzt und nicht einmal mehr die wärmende Nähe der Geldautomaten genießen kann - ohne Karte bleibt die Tür verschlossen.
"Ich kann das unseren Kunden nicht empfehlen, auf den Karten ist schließlich auch die Kontonummer drauf", meint Konrad Fiedler, Sprecher der Berliner Sparkasse. Anscheinend vermutet er ausgebuffte Hacker unter den Obdachlosen, die ihre Laptops aus den Plastiktüten ziehen, um die Codes der ungültigen Karten zu knacken. Immerhin meint Fiedler, es müsse jeder Kunde selber wissen, ob er die Karte weitergebe. Allerdings sei das sehr hypothetisch, da die Sparkassen abgelaufene Karten immer zurückverlangen. So muß man das verbrauchte, aber nicht zwecklose Stück schon mutwillig verlieren, um es seiner wärmenden Bestimmung zu übergeben.
Zum Umgang mit den potentiellen Übernächtigern will Fiedler sich nicht äußern. "Bisher ist mir das als Problem nicht bekannt." Und auf die Frage nach einer eventuell negierenden Hausordnung meint er nur, "wer berechtigt ist und über eine Karte verfügt, darf die Räume auch betreten". Die motz-Verkäufer finden die Idee witzig, auch wenn man in der Redaktion selbst ein bißchen unsicher ist über die Folgen des eher satirisch gemeinten Aufrufs. Immerhin fünf Karten sind dort bereits eingetrudelt. Jetzt muß man sich Gedanken machen, wem man die Schlafplatzkarten zukommen läßt. Einfacher wäre daher die direkte Weitergabe. "Fragen Sie den nächsten Obdachlosen, ob er einen Übernachtungsplatz braucht, und überreichen Sie ihm Ihre Magnetkarte", schlägt die motz vor und gibt abschließend auch noch einen Tip für ganz Vorsichtige. "Meist funktionieren auch (abgelaufene) Bahncards."

Gereon Asmuth

TAZ-BERLIN Nr. 4839 vom 02.02.1996 Seite
28 Berlin 102 Zeilen

[Nachtrag: Ja, die Kampagne "Magnetkarten für Obdachlose" war eine coole Idee, das Thema Obdachlosigkeit wieder in den Medien zu platzieren. Die taz hat darauf reagiert, einige andere Zeitungen auch. Aus diesem Grund dokumentiere ich an dieser Stelle diese Meldung. Warum diese Nachricht so lange auf meinem Computer rumlag und nicht von mir veröffentlicht wurde, ist mir aber schleierhaft. Wahrscheinlich, weil ich damals noch bei der motz war. Später beim strassenfeger habe ich nahezu alles dokumentiert.

Berlin, 20.08.2014

Stefan Schneider]

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