Module für die Ausbildung von PraktikantInnen bei mob e.V./strassenfeger  (Baustelle)

Erarbeitet von Stefan Schneider / Stand Mai 2008


Vorbemerkung/ Einleitung

Der Verein mob e.V/ strassenfeger ist seit seinen Anfängen offen alle Arten und Formen der Mitarbeit. Eine besondere Form der Mitarbeit ist das Praktikum. 

Die hier vorgestellten Module für die Ausbildung von PraktikantInnen sind gedacht in erster Linie für Menschen, die sich im weitesten Sinne für den Bereich der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik und auch Heilerziehungspflege interessieren, können aber auch als Orientierungshilfe für alle anderen Arten von Praktikum herangezogen werden, Interessant und bemerkenswert ist, daß der Verein mob e.V/ strassenfeger als Selbsthilfeprojekt im Grunde gar kein direktes Arbeitsfeld für Sozialpädagogen bzw. Sozialarbeiter darstellt. So ist beispielsweise nie in der Geschichte des Vereins ein Sozialarbeiter/ Sozialpädagoge hauptamtlich beschäftigt gewesen - das kann sich natürlich ändern - , und die wenigen ExpertInnen, die fachlich für die Rechts- oder Sozialberatung zuständig sind, kommen stundenweise dazu. Dennoch ist es gerade für Studierende der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik wichtig, zu verstehen, wie ein von "Betroffenen" getragenes Projekt mit einem hohen Selbsthilfeanteil funktioniert, und welche Aufgaben der Unterstützung, Koordination und Assistenz auf Sozialarbeiter/ Sozialpädagogen zukommen könnten.

Auch sind die hier genannten Hinweise kein starres Konzept, welches abzuarbeiten ist, sondern je nach Dauer des Praktikums und nach Schwerpunkt der Fragestellung können und sollen eigene Schwerpunkte gesetzt werden. 


I. Verein/ Vereinsprojekte/ Gremien

Um eine Organisation zu verstehen, ist es notwendig, sie umfassend kennen zu lernen. Das ist weitaus mehr, als überall mal gewesen zu sein. Ein grundlegendes Verständnis einer Organisation beinhaltet mehrere Dimension. Die eine ist natürlich, alle Einrichtungen, Projekte und Angebote möglichst vollständig kennen zu lernen und alle Aspekte zu erfassen. Zu einem vollständigen Blick auf eine Organisation gehören aber auch Fragen, die üblicherweise im Zusammenhang mit einer Organisationsanalyse gestellt werden, wie etwa

  • systematische Fragen (Wie ist die Organisation aufgebaut, welches sind die Strukturen?),
  • historische Fragen (Wie wurde die Einrichtung zu dem, was sie jetzt ist, was war die treibende Motivation?),
  • organisatorische Fragen (wie funktioniert das, wie sind die Einheiten aufeinander bezogen, welche Formen der Arbeitsorganisation, Arbeitsteilung, Zuständigkeit gibt es?),
  • rechtliche Fragen (Welche Regeln, Gesetze, Bestimmungen und Verordnungen, Richtlinien gelten und müssen eingehalten werden?),
  • finanzielle Fragen (Was kostet das, wie werden die Einnahmen erzielt?),
  • personelle Fragen (Wer arbeitet aus welchen Gründen, wie funktioniert die Personalentwicklung, welche Kunden werden angesprochen und erreicht?),
  • inhaltliche und methodische Fragen (Welche Ziele verfolgt die Einrichtung und mit welchen Mitteln, Instrumenten und Verfahren werden diese Ziele erreicht?),
  • konzeptionelle Fragen (Was soll mittelfristig entwickelt werden, mit welchen Zielen und Mitteln?)

und weitere denbare Ordnungsaspekte, die hier nicht genannt sind. Die nachstehende Auflistung von Strukturen, Projekten, Formalitäten in Verbindung mit dazugehörigen ersten Fragen dient als erster Anhaltspunkt. Diese Auflistung hat die Funktion, neugierig zu machen und den Verein genau kennen zu lernen und sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden zu geben.

A) Vereinsgremien 

  • Mitgliederversammlung. Wann tagt sie, wer gehört dazu, was wird dort entschieden? Nach Möglichkeit als Gast daran teilnehmen oder aber Protokolle studieren.
  • Vorstand. Wann tagt er, wer gehört zum Vorstand, wie wird im Vorstand gearbeitet, was sind die Aufgaben und Zuständigkeiten der einzelnen Vorstandsmitglieder. Was sagt die Vereinssatzung und das BGB über den Vorstand? Nach Möglichkeit als Gast an einer Vorstandssitzung teilnehmen oder Protokolle studieren oder Vorstandsmitglieder direkt befragen.
  • Vereinsmitglieder. Wie viele Menschen gehören den Verein an? Was war die Motivation, einzutreten und mitzumachen? Welche Vorteile sind mit einer Vereinsmitgliedschaft verbunden, welche Erwartungen, welche Aufgaben? Nach Möglichkeit Vereinsmitglieder direkt befragen.

B) Teamsitzungen

Allgemein: Wer trifft sich warum und mit welchem Ziel. Wer leitet die Versammlung, gibt es eine Einladung, eine Tagesordnung und Themen, wer schreibt Protokoll, was ist das Anliegen, der Gegenstand und das Ziel der Sitzung, wie werden die Ergebnisse dokumentiert und gesichert? Nach Möglichkeit an vielen Teamsitzungen teilnehmen, um die dort verhandelten Sachverhalte sowie die beteiligten Personen kennen zu lernen.

  •  Redaktionssitzung. Wöchentlich Dienstag, 17:00 Uhr
  • Teamsitzung der Notübernachtung in der Regel monatlich
  • Trödelsitzungen, ggf. an welchselnden Standorten
  • weitere Gremien und Besprechungen, gebenenfalls auch anlaßbezogene Treffen in unterschiedlichen Konstellationen, Termine bitte selbst in Erfahrung bringen.

C) Vereinsprojekte

Über den Umfang der Projekte sowie Abteilungen des Vereins gibt das Organigramm (= Strukturdiagramm) des Vereins in der jeweils aktuellen Fassung Auskunft. Dort sind auch die aktuellen Ansprechpartner genannt und die Zuständigkeiten ausgewiesen.

Um einen vollständigen Überblick über den Verein und seine Projekte zu erhalten, macht es tatsächlich sind, alle oder nahezu alle Projekte und Abteilungen sowie Standorte zu besuchen, um einen direkten Eindruck zu erhalten.

Gegenwärtig sind zu nennen an Projekten

  • Straßenfeger (Redaktion, Lay-Out, Druck,  Online-Ausgabe, Vertrieb, Radio-Gruppe, Kehrseite, Zeitungsausgabestelle Ostbahnhof, Zeitungsausgabestelle Zoo, Zeitungsausgabestelle Kaffee Bankrott, Versand, Verkäuferbetreuung, VerkäuferInnen)
  • Notübernachtung für Männer und Frauen
  • Treffpunkt Kaffee Bankrott (Küche, Theke, Kultur, Soziale Beratung, Rechtsberatung)
  • Trödel (Wohnungseinrichtungshilfen und Gebrauchtwarenkaufhaus: Prenzlauer Allee, Thule- Ecke Berliner Str., Oderberger Str., ggf. weitere Aussenstellen und online-Trödel)
  • SelbstHilfeHaus O12 mit 18 Wohneinheiten und 2 gemeinnützigen Gewerbeeinheiten (Trödelstandort und Buchhaltung)

Und an Abteilungen existiert gegenwärtig:
  • Vereinsbüro und Personalabteilung,
  • Buchhaltung mit Kasse sowie Hausverwaltung
  • EDV-Abteilung,
  • Haushandwerker und ggf. Baugruppe

D) Formalia

  • Satzung. Was ist in der Satzung des Vereins geregelt. Welche Aussagen werden dort über Aufgaben und Ziele der Arbeit getroffen. Stimmt das mit der Praxis überein. Wann wurde die Satzung geändert und warum? Was sagt die Satzung über die Strukturen des Vereins aus?
  • Vereinsregister. Was sagt das Vereinsregister aus? Wozu wird ein Vereinsregister gebraucht?
  • Gemeinnützigkeit. Was genau ist mit Gemeinnützigkeit gemeint, wer legt die Gemeinnützigkeit fest, welche Vor- und Nachteile bringt die Gemeinnützigkeit. Was genau ist im Gemeinnützigkeitsbescheid festgelegt? Wie sind Gemeinnützigkeit und Mildtätigkeit voneinander abzugrenzen? Warum ist mob e.V. nicht mildtätig?
  • Spendenbescheinigungen. Warum darf mob e.V. Spendenbescheinigungen ausstellen? Wer macht dies und in welchem Umfang. Was genau sagt die Spendenbescheinigung aus? In welchem Umfang nimmt der Verein Spenden entgegen. Was ist mit Sachspenden?
  • Mitgliedschaften. In welchen Einrichtungen, Organisationen, Gremien und Institutionen ist mob e.V. Mitglied. Wie wird die Mitgliedschaft wahrgenommen, welche Vor- und Nachteile sind damit verbunden, was kostet die Mitgliedschaft?
  • Vertragsbeziehungen. Der Verein ist aufgrund seiner vielfältigen Aktivitäten eine Reihe von Vertragsbeziehungen eingegangen. Dazu gehören Mietangelegenheiten ebenso wie Aufträge bis hin zu Versicherungen und Personalvereinbarungen. WIe viele Vertragsbeziehungen bestehen und welche Rechte udn Pflichten und finanzielle Notwendigkeiten erwachsen dem Verein daraus?

E) Geschichte und Strukturen II

  • Vereinsgeschichte seit Gründung. Wie hat sich der Verein entwickelt, wann sind welche Projekte entstanden und warum? Wie hat sich der Verein im Verlauf der Jahre verändert, was ist neu und anders, was ist gleich geblieben?
  • Mitarbeit. Regel-Arbeitsverträge in Vollzeit sind bei mob e.V. eher die Ausnahme. Zu ermitteln sind alle Arten und Formen der Mitarbeit (von Vollzeit-Stelle über Arbeitsförderungen bis hin zu Ehrenamtlichen sowie der personelle Umfang der Mitwirkenden im Verein insgesamt.
  • Mitarbeit II/ VerkäuferInnen. Welche Rechte und Pflichten haben VerkäuferInnen? Was beinhalten die Verkäuferregeln? Wie viele VerkäuferInnen gibt es (regelmäßige VerkäuferInnen, gelegentliche VerkäuferInnen). Ist es möglich, Aussagen zu treffen über die Altersstruktur, die Geschlechterverteilung, den Anteil von MigrantInnen, die Höhe der Erlöse? Wie ist die Rechtsstellung der VerkäuferInnen gegenüber dem Verein? Gibt es ein Weisungsrecht? Stammplätze?
  • Finanzierung. Wie hoch ist der Jahresumsatz des Vereins? Werden Gewinne erzielt und wie werden diese eingesetzt? Werden Verluste gemacht, woraus resultieren diese und wer gleicht das aus? Wer übernimmt im Verein welche Verantwortung für Kassen und Gelder? Welche Konten hat der Verein? Wie setzen sich die Einnahmen zusammen, wie die Ausgaben? Hat der Verein Rücklagen? Was ist eine Bilanz und warum bilanziert der Verein seine Ergebnisse. Was ist unter dem 4-Augen-Prinzip zu verstehen und in welchen zusammenhängen wird dies angewandt?

II. Hilfeangebote in Berlin und Brandenburg

Hilfelandschaft: Die Arbeit von mob e.V/ strassenfeger, und die Angebote, die sich vor allem an wohnungslose und arme Menschen richten - das alles passiert nicht im luftleeren Raum, sondern in Deutschlands Hauptstadt, die auch die Hauptstadt der wohnungslosen und armen Menschen ist, gibt es eine Reihe von Angeboten der Hilfe für Problemlagen, die direkt etwas mit Armut und Wohnungslosigkeit zu tun haben, aber auch für Themen und Probleme, die oftmals im direkten Kontext dazu stehen. (Einen ganz allgemeinen Überblick mit einigen ausgewählten Beispielen bietet der Text Einrichtungen und Projekte für wohnungslose Menschen in Deutschland. Eine Auswahl kommentierter Links mit dem Schwerpunkt Berlin)

Bedeutung. Es gibt mindestens zwei wichtige Gründe, sich diese "Hilfelandschaft" - von einem Hilfesystem möchte ich hier gar nicht sprechen, das wäre unangebracht -  genau anzusehen: In keiner anderen duetschen Stadt gibt es erstens derartig viele, derartig unterschiedliche und derartig spezialisierte Angebote wie in Berlin. Das hat manchmal auch schlichweg seinen Grund, daß in Berlin so viele Menschen wohnungslos und arm sind und sich bestimmte neue Problem- und Handlungsfelder in Berlin am frühesten manifestieren. Häufig finden sich auch Angebote, die innovativ, neu und in Entwicklung befindlich sind, in Berlin. Und zweitens trägt der Blick auf andere Einrichtungen, Angebote und vor allem auf andere Typen, Methoden, Ansätze und Selbstverständnisse der Hilfen dazu bei, einen differenzierteren und genaueren Blick auf mob e.V./ strassenfeger werfen zu können. Wo sind die Chancen und Grenzen einer Selbsthilfeorganisation, die nach dem Prinzip einer offenen Therapie funktioniert, was machen andere anders oder besser, wo sind Kooperationen, Vernetzungen oder sogar die bewupte Ausnutzung von Synergien sinnvoll und notwendig. Aber auch: Wo wird kontraproduktiv gearbeitet, wo schaden die Angebote eher als daß sie nützen, wo sind die Schwächen erkenbar und vielleicht: abstellbar?

Organisation. Der Besuch anderer Einrichtungen und Gremien ist ein wichtiger Bestandteil des Praktikums und sollte intensiv genutzt werden. Innerhalb der Mitarbeit im Verein hat für Praktikantinnen die Hospitation ausserhalb Vorrang und sollte immer gefördert und unterstützt werden. Die Kontakte sind selbstverantwortich herzustellen. Da die Ressourcen der KollegInnen der besuchten Einrichtungen endlich sind, wäre es hilfreich, solche Hospitationen vereinsöffentlich anzukündigen und vorzubereiten, damit andere interessierte Menschen die Gelegenheit haben, dabei zu sein. Ausserdem sehen mehrere Menschen mehr als eineR.   Auch eine Dokumentation der Ergebnisse im Strassenfeger ist - nach Absprache mit der Redaktion - denkbar.

Handlungsfelder.  Menschen, die ein Praktikum bei mob e.V./ strassenfeger machen, sollen sich in folgenden Bereichen grundlegende Kenntnisse erarbeiten:

  • Gremien der Wohnunglosenhilfe. Aufgabe und Funktion, nach Möglichkeit Teilnahme an einer oder mehreren Sitzungen in Verbindung mit einer Auswertung  (in erster Linie AG Leben mit Obdachlosen und AK Wohnungsnot, beide Gremien eignen sich auch hervorragend dafür, Kontakte für Projektbesuche und Hospitationen herzustellen)
  • Angebotsformen und Leistungstypen der Wohnungslosenhilfe. mob e.V/ strassenfeger versteht sich als Selbsthilfeprojekt wohnungsloser und armer Menschen. Im Unterschied dazu besteht der weitaus größte Teil der Wohnungslosenhilfeangebote entweder aus Unterbringungsformen nach dem ASOG in bezirklicher Zuständigkeit oder aber aus Angeboten auf Grundlage des § 67ff SGB XII   "Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten". Hier geht es um Menschen, bei denen besonders belastende Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind. Insbesondere von Wohnungslosigkeit und in Verbindung damit von weiteren existenziellen Problemlagen betroffene Personen gehören zu dem Adressatenkreis dieser Regelungen.
    (ACHTUNG: Dieser Stoff muß für ein erfolgreiches Praktikum sicher beherrscht werden!)
  • Spezialisierungen. Ohne Wohnung zu leben ist in nahezu jeder Hinsicht extrem. Aus diesem Grund finden wir häufig bei Menschen ohne Wohnung noch weitere Schwierigkeiten und Probleme, die sich belastend auf die Lebenslage auswirken. Im einzelnen nachzuweisen, welches der Probleme ursächlich war, wird im Nachhinein nur unter Anstrengungen möglich sein, und die Antwort wird von Fall zu Fall anders aussehen. Im Grunde ist beides richtig: Daß häufig eine ganze Reihe von Schwierigkeiten für das Entstehen und Auftreten von Wohnungslosigkeit mit verantwortlich sind, aber auch, daß viele Probleme erst auf der Straße oder in der Wohnungslosigkeit entstehen, und vor allem dann, wenn der Ausstieg aus der Wohnungslosigkeit nicht innerhalb eines halben Jahres gelingt.
    Deshalb ist es wichtig und notwendig, die Angebote und Arbeitsformen kennen zu lernen, die hier auch Hilfestrukturen und Angebote bereit halten für Schwierigkeiten, die ebenfalls eng mit Armut verbunden sind. Dies sind zum einen Angebote, bei denen ebenfalls Berufsgruppen der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik/ Heilerziehungspflegen tätig sind (Straffälligen- und Bewährungshilfe, Suchtberatung), aber es gibt auch Bereich, die in die Zuständigkeit anderer Berufsgruppen fallen, z.B. für Angebote der medizischen Versorgung, der Rechtsberatung oder psychologischem Unterstützungsbedarf.
    Diees Lernfeld ist zentral wichtig, weil es gilt zu lernen, fach- und themen- und berufsübergreifend in einem Netzwerk zu arbeiten und sich zu vergegenwärtigen, daß die anderen gegebenenfalls die geeigneteren, weil für dieses Problem speziell ausgebildeten sind.
    Im Verlauf der Jahre verändert sich auch das Problem selbst, die Struktur und Zusammensetzung der Gruppe der wohnungslosen Menschen ist ebenfalls (aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen und politischen Gründen) einer permanenten Dynamik unterworfen. Auch aus diesen Gründen entstehen für die Arbeit mit wohnungslosen BürgerInnen neue Fragestellungen und Herausforderungen, aber auch neue Angebote und Lösungswege,. 
  • Informationssammlungen und Portale. Wer anderen Menschen eine kompetente Unterstützung, sei es eine Information, eine Beratung oder einen Hinweis, eine Empfehlung geben möchte oder aber in extremen Situationen (Psychischer Schub, Akute Erkrankung, Übernachtungsmöglichkeit bei ausgelastetem Angebot  usw.) handeln muß, sollte mehr wissen als andere. Deshalb ist der sichere Umgang mit Informationssystemen ein zentraler Bestandteil der Dinge, die zu lernen sind. Der Umgang mit Informationssammlungen ist dabei im Zusammenhang mit dem obigen Theme, dem Kennenlernen anderer Einrichtungen zu verstehen. Beide Punkte bedingen sich wechselseitig. Wer beispielsweise einmal ein oder mehrere Nachtcafés kennen gelernt hat, wird  deine Liste der Nachtcafés mit ihren spezifischen Informationen anders lesen können als jemand, der auf sein bloßes Vorstellungsvermögen angewiesen ist.
  • Literatur. Es wäre ein Fehler, zu glauben, alles was mensch über Wohnungslosigkeit wissen muß, wäre in Buchern nachzulesen. Kein Fehler aber ist es, während des Praktikums das eine oder andere Fachbuch über Wohnungslosigkeit zu lesen, um zu erfahren, was Wissenschaftler herausgefunden haben und wie sie versuchen, Probleme zu erklären und Lösungen vorschlagen. Insbesonder Studien, Untersuchungen und Messungen können interessant sein, weil die gemessene Wahrheit (Vorsicht: Methodologie immer kritisch Bewerten!) und die gefühlte Wahrheit stimmen oft nicht überein.
    Es ist schwierig, aber durchaus auch möglich, Material zu finden, das wohnungslose Menschen geschrieben haben. Erstaunlich ist daran häufig, wie breit die Differenz ist zwischen dem, was den wohnungslosen Menschen wichtig ist und dem, was für die sozialarbeitenden Menschen zählt. Wer hat recht?

Die Begleitung von wohnungslosen Menschen, etwa Gästen der Notübernachtung, bei Besorgungen, Ämtergängen, Erledigungen oder im Zusammenhang von Alltagserledigungen ist übrigens eine hervorragende Gelegenheit, andere Einrichtungen und Institutionen kennen zu lernen. Eine mögliche andere Herangehensweise, um Einrichtungen kennen zu lernen, könnte auch sein,  gemeinsam neue Einrichtungen gemeinsam zu "erkunden", und somit das Angebot aus der Sicht eines Nutzers zu "erleben". Es ist allerdings ein Gebot der Fairnes, sich bei den KollegInnen der Einrichtung bei passender Gelegenheit zu "outen" und sich als PraktikantIn von mob e.V./ strassenfeger vorzustellen.

Nun zu den Bereichen im Einzelnen:

A) Fachgremien und Fachorganisationen

B) Hilfetypen und Angebotsformen

  • Leistungstypen nach § 67 SGB XII
    - Betreutes Einzelwohnen (BEW)
    - Betreutes Gruppenwohnen (BGW)
    - Krisenunterbringung
    - Übergangswohnen
    - Wohnungserhalt und Wohnungserlangung (WuW)
    Funktionsweise, Umfang, Beispiele, Finanzierung, Rechtsgrundlagen usw.
  • Unterbringung nach ASOG in
    Obdachlosenunterkünften und Obdachlosenheim, dabei Aufgaben und Zuständigkeiten der örtlichen Sozialamter
  • öffentlich Finanzierte Einrichtungen nach dem Berliner LIGA- Vertrag
  • Notübernachtungen und Nachtcafés
  • offene und frei finanzierte Hilfeformen
  • andere Strassenzeitungen (in  Berlin motz, Stütze und Querkopf)

C) Spezialisierte Einrichtungen im Arbeitsfeld Armut

  • Jobcenter bzw. Sozialämter und Arbeitsagenturen
  • Meldestellen bzw. Bürgerämter
  • Schuldnerberatung
  • Suchtberatungsstellen
  • Berliner Krisendienst und andere psychosoziale Angebote
  • Zielgruppenspezifische Angebote, z.B, für Frauen, Jugendliche, Seniorinnen, Migrantinnen 

 D) Informationssammlungen und Portale

F) Fachliteratur & Material (Auswahl)

  • wohnungslos (Fachzeitschrift der BAG Wohnungslosenhilfe e.V., Bielefeld)
  • Leitlinien der Wohnungslosenhilfe und der Wohnungslosenpolitik des Berliner Senats 1999.pdf
  • Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.): Wohnsitz: Nirgendwo. Berlin 1982 (nur noch antiquarisch)
  • Lutz, Ronald/ Simon, Titus. Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Eine Einführung in Praxis, Positionen und Perspektiven. Weinheim, München: Juventa 2007.
  • Preusser, Norbert: ObDach, Eine Einführung in die Politik und Praxis sozialer. Aussonderung; Beltz Verlag; Weinheim/ Basel 1993
  • Rohrmann, Eckhard: Ohne Arbeit - ohne Wohnung. Wie Arme zu "Nichtseßhaften" werden. 172 Seiten. Heidelberg: Edition Schindele 1987


III. Notübernachtung und begleitendende Angebote

Systematik. Die obligatorische Anbindung von PraktikantInnen der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik/ Heilerziehungspflege an die Notübernachtung und der Bezug zum - gemischt besetzten - Team der Notübernachtung ist weder zufällig noch willkürlich. Dahinter steckt die Überlegung, dass zwar grundsätzlich überall in einem Projekt der Hilfe und Selbsthilfe armer und wohnungsloser Menschen soziale Aufgaben zu erwarten sind, aber oftmals andere Aspekte oder Anliegen im Vordergrund stehen.  Bei den Zeitungsausgabestellen geht es um die Abgabe von Zeitungen an die VerkäuferInnen, im Treffpunkt Kaffee Bankrott ist häufig der Aufenthalt zum Mittagessen das zentrale Anliegen, und in der Redaktion geht es um bisweilen um Themen für die nächste Zeitungsausgabe, bei denen nun beim besten Willen kein Bezug zu sozialen Themen erkennbar ist. Deshalb die Notübernachtung als zentraler Bezugspunkt eines Praktikums der Sozialen Arbeit/ Sozialpädagogik/ Heilerziehungspflege, weil hier angenommen werden kann und muß, daß diejenigen, die dieses Angebot in Anspruch nehmen, nichts besseres oder nichts anderes haben, und daß dies eine schwierige, belastenden Situation darstellen kann.

Geschichte. Die Notübernachtung zählt nach der Zeitung zu den ältesten Projekten des Vereins. Seit dem 18.03.1994 mit dem mob-magazin in Berlin eine der Vorläufer-Zeitungen  des heutigen Strassenfegers auf den Markt kam und am 01.08.1994 in den Räumen des mob - magazins in der Kleinen Hamburger Straße in Berlin-Mitte der Verein mob - obdachlose machen mobil e.V. gegründet worden ist, kam im Herbst des Jahres 1994 von den VerkäuferInnen des mob - magazins mit Blick auf den drohenden Wintereinbruch die Frage auf, ob es nicht möglich sei, in den Redaktionsräumen zu übernachten - den schließlich würde nachts ja nicht in dem Büroraum an den Computern gearbeitet werden. Ein Wunsch, der in einem Verein, in dem es um die "Verbesserung der Lebensumstände obdachloser und von Obdachlosigkeit bedrohter Menschen" (das ist aus dem §2 der bis heute gültigen Vereinssatzung) geht, nur schwerlich abzulehnen ist. Das war der Beginn einer seitdem ohne Unterbrechungen existierenden selbstorganisierten Notübernachtung. Aus dieser Zeit resultiert auch das Konzept, dass die NutzerInnen sich mit einem Kostenbeitrag verbindlich an den durch das Wohnen entstehenden Mehrkosten (Verbrauch Heizung, Strom, Wasser, Betriebs-, Instandhaltungs- und Reinigungskosten) mit einem symbolischen Beitrag beteiligen. Im Verlauf der Jahre ist dazu noch eine Kampagne "Ein Dach über dem Kopf" hinzugekommen (in der Regel auf der Rückseite jeder strassenfeger-Ausgabe zu sehen), sodaß die Notübernachtung auf soliden f inanziellen Grundlagen steht. 

Der Selbsthilfecharakter der Notübernachtung ist in wesentlichen Elementen über die Jahre hinweg bestehen geblieben, auch wenn sich im Verlauf der Zeit vieles verändert hat. In der Anfangszeit der Notübernachtung waren es diejenigen, die am längsten da waren, die sich am besten auskannten und die von den meisten anderen als Autorität akzeptiert waren, die in der Notübernachtung Sprecherfunktionen innehatten. In den ersten Jahres gab es auch noch kein Drogenverbot wie jetzt. Erst eine langanhaltenden Diskussion um die Vergleichbarkeit von Alkohol, Hanf, Heroin und anderen nicht legalen Drogen führt zu der Entscheidung, den Konsum und das Mitbringen von Drogen aller Art innerhalb der Räumlichkeiten für alle zu verbieten. Kaffee, Tee und Tabak bildeten die Ausnahmen. Ein zweiter wichtiger Grund für das Drogenverbot war die sinkende Produktivität, die sich bei übermäßigem Drogenkonsum einstellt und die für ein Selbsthilfeprojekt eher schädlich ist.

Im Verlauf der Jahre kamen zur Notübernachtung Menschen dazu, die diese Arbeit aus Interesse oder aus Gründen des Studiums oder der Ausbildung unterstützen wollten. Im alten Kaffee Bankrott, das sich in den Jahren 1998 bis 2003 in einer Ladenwohnung in der Schliemannstraße 18 in Berlin Prenzlauer Berg befand, waren Treffpunkt und Notübernachtung eng miteinander verkoppelt. Notübernachter kümmerten sich darum, den Treffpunkt früh zu öffnen und spät abends zu schließen. Die Mitarbeiter im Treffpunkt hatten ein offenes Ohr für die Anliegen der Notübernachter. Man war aufeinander angewiesen. Eine wichtige Funktion nahm die Sozialberatung ein, die einmal wöchentlich stattfand. Teammitarbeiter sowie Notübernachter nahmen gerne dieses kostenlose Angebot einmal in der Woche im Treffpunkt Kaffee Bankrott an.

Mit dem Umzug in die Prenzlauer Allee 87, der räumlichen Vergrößerung sowohl des Kaffees als auch der Notübernachtung in Verbindung auch mit der räumlichen Distanz durch die beiden Ebenen Erdgeschoß und 1. Stock im Seitenflügel stellte sich sehr bald heraus, daß die Notübernachtung sich weder selbstverwaltet verselbstständigen konnte oder durfe  (nächtliche Parties im Treppenhaus, Mißachtung des Drogenverbotes, Unterlaufen des Eigenbeitrags durch Öffnung des Notausgange) und gleichzeitig eine Bewirtschaftung durch das Team vom Kaffee Bankrott "so nebenbei" nicht zu machen war, fiel im Jahr 2004 die Entscheidung, ein eigenständiges Team der Notübernachtung zu gründen.

Stichwortsammlung. Teamstrukturen, Teamsitzungen, Konzeptionelle Überlegungen, Zusammensetzung, Abgrenzung zum betreuten Wohnen, Ämtergänge und Unterstützungsstrukturen, 8- Wochen-Regelung, ergänzende Angebote der Sozialberatung, später der Rechtsberatung, seperater Frauenraum, Entstehung der Praktikumsstelle und Anerkennung, Hunde, FSJ-lerinnen, Kontinuitätsproblem, und vor allem betonen, daß eine Reihe von Problemen systematisch und typisch sind für das Betreiben einer Notübernachtung. Sowie Hygiene, Unterlaufen Drogenverbot, Lethargie der Gäste, Krisenartige Situationen, Strukturwandel, Migrantinnenanteil, nicht nur für Verkäuferinnen des Strassenfegers usw.

Kompetenzen und Aufgaben im Zusammenhang mit der Notübernachtung (Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Dabei gilt der Grundsatz, daß PraktikantInnen grundsätzlich Lernende bzw. Auszubildenden sind und sie alleine keinen Dienst und keine Schicht übernehmen, sondern nur zusammen und in Absprache mit den Diensthabenden eigenverantwortlich handeln. 

  • Aufnahme neuer Übernachtungsgäste
  • Einführung in die Regeln der Notübernachtung
  • Zuweisen vom Bett und Spind, Übergabe von frischer Bettwäsche, Duschzeugs, Handtücher etc., die gegenseitige Vorstellung der anderen Übernachtungsgäste anregen,
  • Erklären und Abschließen der Notbernachtervereinbarung,
  • Kassieren und Dokumentieren und Abrechnen der Übernachterbeiträge
  • Durchsetzung der Hausordnung (keine Drogen, keine Gewalt, keine sexuelle Belästigung) und der Regeln gemäß Notübernachtervereinbarung, Aussprechen von Sanktionen (Ermahnung, Verwarnung, Abmahnung, Kündigung, Fristlose Kündigung, Hausverbot auf Zeit, Hausverbot)
  • regelmässiges Überprüfen der Betriebssicherheit (Verbandskasten, Rauchmelder, Feuerlöscher, der Zugänglichkeit des Notausgangs und der Notwegeschilder),
  • bei akuten Konflikten im Betrieb der Notübernachtung deeskalierend wirken,
  • bei auftretenden Problemlagen angemessene Lösungen entwickeln,
  • Entgegennahme und Bearbeitung von Anfragen aller Art (von Übernachtungsanfragen über Kältehilfetelefon bis hin zu Besuchswünschen von SpenderInnen)
  • Teilnahme an Dienstbesprechungen und Teamsitzungen (VERBINDLICH)
  • bei Bedarf den Gästen der Notübernachtung Unterstützung zur Verbessung ihrer Lebenssituation anbieten.

 


IV. Lebenslage und Alltag wohnungsloser und armer Menschen

Die besondere Chance der Mitarbeit in einer Organisation der Hilfe und vor allem der Selbsthilfe armer und wohnungsloser Menschen besteht in den Spielräumen, die in einem solchen Projekt im Unterschied zu konventionellen Trägern der Wohnungslosenhilfe bestehen. Die Spielräume ergeben sich aus eben diesen Charakter und den flachen Hierarchien. Der Verein muß nicht irgendwelche Integrationsprogramme absolvieren, sondern setzt sich selbst seine Ziele und bestimmt autonom über seine Projekte. Und arme und wohnunslose Menschen sind direkt an vielen Initiativen des Vereins beteiligt. Sie können selbst Mitglied werden und über die Geschicke des Vereins auf den in der Regel zweimal jährlich tagenden Mitgliederversammlungen teilnehmen. Wichtiger als dies ist aber die potentielle Durchlässigkeit des Vereins für Menschen von der Straße. So ist es möglich, ehrenamtlich in allen Projekten mitzuarbeiten, im Verein "Freie Tätigkeit", also Arbeit statt Strafe abzuleisten, und der Verein ist und war auch immer Einsatzstelle oder Träger für verschiedene Arbeitsintegrationsmaßnahmen, etwa den sogenannten 1-Euro-Jobs, und weiteres mehr. So kann es sein, daß der Mitarbeiter, die Mitarbeiterin im Personalbüro, in der Küche, hinterm Tresen, im Notübernachtungsteam oder der Redaktion selbst vor gar nicht allzu langer Zeit wohnungslos, Gast in der Notübernachtung, oder im Verkauf der Straßenzeitung strassenfeger tätig war. Selbst Leitungspositionen sind bisweilen von Menschen besetzt, die wohnungslos waren oder sind.

Mit anderen Worten, die klassische Trennung von Klienten und Experten gibt es bei mob e.V. nicht. Selbstverständlich gibt es eine über die Jahre entwickelte Arbeitsteilung, und es gibt Zuständigkeiten, Leitungsaufgaben und Verantwortlichkeiten. Aber grundsätzlich folgt der Verein der Überzeugung, daß jeder und jede selbst Experte seiner Lebenssituation ist und daß sehr viele Kompetenzen und Fähigkeiten im Austausch mit anderen entwickelt und verstärkt werden können. Und der Verein selbst ist im besten Fall eine Art Plattform, ein Rahmen oder ein Dach, um dieses alles erreichen zu können. Gerade der Treffpunkt Kaffee Bankrott ist ein (idealtypisches) Beispiel für dieses Konzept. Ganz unterschiedliche Menschen begegnen sich hier, weil sie einen Kaffee oder Tee trinken, frühstücken oder ein Mittagessen einnehmen wollen. Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, ob der Gast ein Mitarbeiter, ein Straßenzeitungsverkäufer, ein Notübernachtungsgast, ein Nachbar oder ein freiwilliger Helfer ist. Und das ist auch gut so, weil in solch einem Rahmen die Chance zu unvoreingenommenen Gesprächen und Kontakten besteht. Und dennoch ist diese Offenheit immer bedroht, weil es Menschen gibt, die dominieren wollen, die nicht in der  Lage sind, Konflikte konstruktiv aufzulösen, die sich beweisen wollen, die gerne auf andere herabsehen oder die einfach aus Mangel an Selbstbewußtsein Profilierungssüchtig sind. So ist das Erreichte immer labil und gefährdet, so ist die scheinbare Leichtigkeit, in der manchmal alles passiert, Resultat von langwierigen Auseinandersetzungen und Klärungsprozessen und immer auch eine Zwischenetappe.

Für Menschen im Praktikum heißt dies, daß an vielerlei Stellen Raum ist für Begegnungen, für Fragen und für unvoreingenommene Kontakte und weitergehende Absprachen. In der Kehrseite bedeutet dies aber auch, daß immer mit dem Unvorhergesehenen gerechnet werden muß, mit einem unverschämten Auftritt, mit Beleidigungen und Eskalationen, mit Rückzug und Trotz, mit unausgesprochenen Erwartungen und offen vorgetragener plumper Anmache. Aber das Erleben ist immer ein wechselseitiges, und auch der oder die andere erlebt eine ihm fremde Person in einer Artikulation seiner selbst, die immerhin fragwürdig ist - zu Recht. Daß ein Zusammenleben auf Zeit, für ein paar Minuten oder Stunden, bisweilen für Wochen, Monate und Jahre möglich ist. liegt zum einen an den drei wichtigsten Grundregeln, die überall durchgesetzt sind und die ein Minimum des miteinander Auskommens beschreiben: Keine Gewalt, keine Drogen, keine sexuelle Belästigung. Die Überschreitung dieser Grenzen sollte lautstark aktikuliert werden,  ohne Ansehen der Person hinein in den öffentlichen Raum. Es ist zum zweiten diese geschützte Öffentlichkeit, die in den Räumen möglich ist, die Sicherheit vermittelt. Nie ist jemand wirklich allein, auch wenn er oder sie respektvoll in Ruhe gelassen wird, vielleicht auch nur aus einer Gleichgültigkeit heraus.  

Die Bedeutung dieses Konzepts besteht darin, arme und wohnungslose Menschen in ihrer Logik und in ihrer Sichtweise ernst zu nehmen und ihre Sicht auf die Dinge als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen zu nehmen. Es eine häufig zu beobachtenden Arroganz der Sozial Arbeitenden, zu wissen, oder besser zu wissen zu meinen, was gut tut, was not tut, was richtig ist. Aber ist das so, ist das richtig? Auch die Entscheidung, ob nun erzwungen oder billigend in Kauf genommen, auf der Straße zu leben, verdient Respekt, genauso wie die Entscheidung, dieses Leben trotz anderweitiger Angebote fortsetzen zu wollen. Das gilt für den Konsum von Drogen und anderen Lebensentscheidungen genau so. Das bedeutet nicht, daß wir das kritiklos zu feiern hätten, aber zu respektieren haben wir es. Und zwar nicht nur aus Respekt und Achtung gegenüber der einzelnen Person, sondern aus Gründen der Achtung der Menschenrechte überhaupt. Es gibt kein Gesetz und keine Norm, die Menschen zwingen könnten, so zu leben, so zu denken und so zu handeln, wie die meisten es tun. Es muß in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft immer möglich sein, auch einen anderen Entwurf zu leben, einer anderen Utopie zu folgen. Nicht, daß wohnungslose und arme Menschen die besseren Menschen sind, aber diese extreme Form der Not beinhaltet nicht nur eine oftmals vorhandene Hilfebedürftigkeit, sondern immer auch ein Stück Möglichkeit eines alternativen Entwurfes.

Und die Möglichkeit eines Verweises auf die zermürbenden und zerstörerischen Wettbewerbs-, Konkurrenz.-, Leistungs-, Ausgrenzungs- und Aussonderungsstrukturen des digital-globalen kapitalistischen Zeitalters. Es es denn richtig, sich diesem Wahnsinn zu unterwerfen, kritiklos mitzumachen? Und doch sind die wohnungslosen und armen dieser Welt häufig nicht die antikapitalistischen Kämpfer, sondern die Opfer und Geschädigten eines solchen Systems, und oftmals ohne zu begreifen, wie genau die Mechanismen funktionieren, die ihnen da so über mitspielen.

Chancen und Grenzen der Selbsthilfe kennen lernen 

 

 


V.  Methoden & Konzepte Sozialer Arbeit/ Heilerziehungspflege

 


VI. Eigenes Projekt

Ein eigenes Projekt durchzuführen, ist im Grunde eine Option, die nur für Menschen in Frage kommt, die bereits einige Erfahrung in der Arbeit mit wohnungslosen und armen Menschen haben sammeln können und die auch eine längere Zeit bei mob e.V./ strassenfeger mitarbeiten. Also eine Option für Menschen, die vielleicht schon ein paar Semester Soziale Arbeit/ Sozialpädagogik/ Heilerziehungspflege studiert haben und/ oder auf jeden Fall 3 Monate oder länger (das ist ein Richtwert, kein Gesetz) mitarbeiten,.

Was nun kann ein solches Projekt sein? Es gibt durchaus Studienverordnungen und Praktikumsregularien, die ein solches Projekt fordern und verlangen, in der Regel in der Intention, daß damit die Befähigung und Eignung für ein selbständiges Handeln nachgewiesen werden kann. Insofern hängt die Frage nach der Wahl eines eigenen Projekts stark von diesen Vorgaben ab, und natürlich von dem jeweils individuellen Erkenntnisinteresse unter Bezugnahme auf tatsächliche Notwendigkeiten und Anforderungen.

Es kann aber auch so sein, daß kleinere oder größere Projekte aus der laufenden Arbeit heraus entstehen, weil in Gesprächen und Diskussionen - etwa mit den NutzerInnen der Notübernachtung, dem Team oder überhaupt innerhalb des Vereins festgestellt wird, daß etwas wichtiges fehlt oder getan werden müßte. Daraus könnten eine ganze Reihe von Ideen entstehen, aus denen Projekte gemacht werden.

Wichtig scheint mir nach den bisherigen Erfahrungen zu sein, daß Projekte, welcher Art auch immer, überschaubar und eher klein sein sollen - um die Beteiligten von überzogenen Erwartungen zu bewahren und auch, damit ein Gelingen wahrscheinlich bleibt. Alles andere hinterläßt nur eine Spur der Unzufriedenheit. Auch die Kommunikation innerhalb des Vereins ist entscheidet. Ein Projekt wird bereits in der Anfangsphase auf Schwierigkeiten stoßen, wenn niemand Bescheid weiß oder einbezogen wird. Umgekehrt, je früher, gründlicher und besser mögliche Beteiligte oder potentielle Unterstützer einbezogen werden, am besten gleich in der Ideenfindungs- und Planungsphase, desto besser.

Grundsätzlich sind einige Handlungsbereiche für Projekte vorstellbar. Nachstehend eine unvollständige Aufzählung:

  • a) Projekte mit NutzerInnen (Gäste der Notübernachtung, Gäste des Treffpunkts Kaffee Bankrott, VerkäuferInnen des Strassenfeger)
  • b) Projekte mit Teams innerhalb des Vereins richten (also Redaktionsgruppe, Notübernachtungsteam, Kaffee Bankrott Team)
  • c) Projekte, die sich an alle Mitwirkenden und NutzerInnen der Vereinsangebote richten
  • d) Forschungs- und Evaluationsvorhaben
  • e) auf Aussenwirkung gerichtete Projekte 

Beispiele für solche Projekte können sein:

  • a) gezielte Einzelfallarbeit, um NutzerInnen der Notübernachtung, wenn sie es wünschen, eine intensive Unterstützung bei den nächsten Schritten zur Verbesserung ihrer Lebenssituation zu ermöglichen
  • b) eine oder mehrere Freizeitaktivitäten mit ausgewählten Gruppen, zum Beispiel ein Kinoabend mit den Notübernachtern, ein Schachturnier im Treffpunkt Kaffee Bankrott, ein Ausflug mit VerkäuferInnen der Straßenzeitung in das Berliner Umland
  • c) die Verschönerung und farbliche Neugestaltung von Räumlichkeiten, z.B. Schlafraum in der Notübernachtugn 
  • d) eine anonyme Befragung zur  Zufriedenheit der NutzerInnen der Notübernachtung mit dem Angebot

Finanzierung & Material. Projekte kosten in der Regel Geld oder benötigen einen materiellen Aufwand. Gleichzeitig scheitern Projekte häufig genau an diesen Problemen. Deshalb ist eine Kalkulation der benötigten Gelder bzw. des Materials mit einer realistischen Kostenschätzung wichtig. Häufig ist das benötigte Material auch irgendwo im Projekt vorhanden. Die Kunst besteht darin, Menschen zu finden, die davon wissen und zweitens auch noch bereit sind, dieses Material zur Verfügung zu stellen. In finanzieller Hinsicht ist es noch schwieriger. Alle Verantwortlichen werden immer betonen, daß Geld im Prinzip nicht zur Verfügung steht. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Wenn das Team bzw. die Vereinsleitung von dem Projekt überzeugt ist, ist es auch möglich, daß dafür Gelder bereit gestellt werden. Du solltest also sehr frühzeitig Kontakt herstellen zu den Entscheidungsträgern, Dein Konzept vorlegen, die Vorteile und den Nutzen für den Verein klar schildern ebenso wie die Risiken, und dann zusehen, daß Du - gegebenenfalls nach einer nicht zu langen Bedenkzeit - eine verbindliche Zusage erhältst. Das Problem ist hier die Verbindlichkeit. Verbindlichkeiten in Bezug auf Ausgaben, das mögen Entscheidungsträger gar nicht. 

Das zur Verfügung stehende Mittel korrekt und zeitnah in Verbindung mit einem schriftlichen Projektbericht (muß für die Buchhaltung nicht ausführlich sein), einer "sachlich richtig"-Zeichnung, Datum und Unterschrift abgerechnet wird, versteht sich von selbst.


 

 

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